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Der Israelit · 1901-11-18 · Heft 91 (18.11.1901) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 91 (18.11.1901)
Date
1901-11-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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2005 Nach Erledigung bes geschäftlichen Theiles erfolgte die Erstattung der Vorträge über das Thema: Die Thätigkeit des Lehrers für kulturelle Bestrebungen innerhalb der Iudenheit insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodenkultur. Referent: N. Blatt Obbach. Wir lasten hier einen größeren Auszug folgen: In Rousseau's „Einil" lesen wir. wie eine hochgeborene Dame auf den Vorschlag des bekannten Naturphilosophen, ihren Sohn ein Handwrrl lernen zu lassen, ganz entsetzt in die Worte ausbricht: „Mein Sohn — ein Handiverk, mein Solw ein^ Handwerker. wo denkt Ihr hin!" und aus diesen mütterlichen Erguß die so charakteristischen Worte Ronssean's: „Ich denke »vciter, als Sie, gnädige Iran: Sie wollen ihn dahin bringen, daß er nie etwas anderes sein könne, als Lord, Margnis, Fürst, und eines Tages vielleicht weniger als nichts, ich will ihm einen Rang geben, den er nicht verlieren kann, einen Rang, der ihn zu allen Zeiten ehrt und nährt, ich will ihn zum Stand eines Menschen empvrheben." Enthalten diese Worte nicht eine Fülle beher zigenswerther Wahrheiten, reden sic nicht in Fraktnrschrift zn uns? Mein Soh^i - ein Handwerk! Dieselbe Antlvort begleitet von einem halb verwundert fragenden, halb spöttiseb lächelnden Zug im Antlitz des Vaters und noch mehr der Mutter, »venu der Lehrer mit dem Hinweis aus die ernste Zeit es wagen sollte, ihrem Sohne $i, einem Handwerk ober gar zur Laudwirtlstchast zu rathen. Ich Hobe in der letzten Zeit, durch die Abfassung dieser Arbeit dazu veranlasst, gerade in dieser Richtung sondirt und reloanoszirt, aber das Resultat umr ein wahrhaft klägliches, der Blick aus vielen Augen enthielt nichts Schmeichelhaftes kür wich. Denn . das dürfen wir ruhig sagen — Landwirth und Handwerker haben sich bei uns noch gar lanae nicht die gebührende Achtung errungen, stehen noch als Menseben zweiter Ente da. Und die Gründe für diele betrübenden Er scheinungenL Sie liegen allerdings zum großen Tbeil in Vcrbältnisten, vie wür nicht selbst geschaffen, wie das später noch des Weiteren ausgefnhrt werden wird; sie liegen aber auch z'.nn guten Theil in der Atmosphäre des jetzigen Zeitalters. „Zeitgeist," das ist ja der son'to,- t-amim in der modernen Gegenwart, 'and wir sind eben Söhne der Zeit, leben in ihr, sind von ihr abhängig. Kultursortschritt! Mit Stolz wird dieses Wort ansgesvrvchen. wenn man die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts überschaut: man lächelt über die „gute alte Zeit," als der Großvater die Großmutter nahm, lächelt über die damals herrschenden Lebensgewohnheiten, über die Einfachheit und Bedürsnißlosigkeit: aber .Kultnrdefizit! ist man oft veranlaßt auszurnfen, wenn man d>e Kehrseite etivas näher betrachtet. Denn fortschreitende .Kultur bedeutet nicht au-h fortschreitende Besserung, Herzensvercdlung, Charakterstärke, oft gerade das Geaentheil: Lüge und Heuchelei in der Religion, in der Ehe, in der Familie, innere Zerrissenheit und Unzufriedenheit und besonders für eins Juden bat das Schlagwort: „Knltnrfonschritt" in mancher Beziehung einen bedenklichen Beigeschmack. Die alte, einfache Lebensführung ist verschwunden.: ein Rennen und Jagen, ein Wetten und Wagen nach des Lebens vermeintlichen Schätzen bat dieselbe verdrängt; die Früheren lichten die Enge, wir fühlen uns wohl im Gedränge. Nicht mehr findet man Genüge am stillen Wechsel der Tage und der kleinen Freuden, im steten Wellenschläge der gleichmäßig vertheilten Arbeit und Ruhe - nein — durch die Spannring großer Wagniste und durch den Wechsel aufregender Ereigniste sucht man die innere Hast, die die Menschheit ersaßt, auszulösen und „nervöses Zeitalter" sollte der offizielle Titel unserer Zeit heißen. Eine stille Wehmuth muß uns deßhalb ergreifen, wenn ivir lesen, wie Heine, allerdings in echt Heine'scher Manier, die Bedürfnißlosigkeit unserer Vorfahren schildert. Die Stelle ist so bezeichnend, daß ich sie hierher setze: „Und ich sage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen und die Schabbesfrau, die sie zu Putzen hat, nicht bei der Hand ist, und Rothschild der Große käme jetzt herein, mit all' seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren u. s. w., und er spräche: „Moses Lrnnp, bitte Dir eine Gnade aus, was Du haben willst, es soll geschehen!" ich bin überzeugt, Moses Lump rvürde ruhig antworten: „Putz mir die Lichter!" und Rothschild der Große würde mit Verwunderung sagen: „Wäre ich nicht Rothschild, so möchte ich so ein Lümpchen sein." Aber, meine Herren, so leicht diese Worte hingeworfen zu sein scheinen, sie wiegen zentnerschwer für uns; sie wollen uns zu rufen: Die vielgepriesene Sonne der Kultur bat ihre Schatten auch aus Euch geworfen, darum kehret zurück zur Natur, denn Rückkehr zur Natur heißt Rückkehr zur Einfachheit. Wir haben ja alle die pädagogischen Grundregeln des „Kommenins" kennen gekernt: D Die Natur kennt keine Sprünge, sie überstürzt sich n i ch t. In ruhigem, gleichmäßigem Gange läßt sie das zarte Pflänzchen zum stattlichen Baume emporwachsen, den Menschen als Mahnerin dienend, auch ruhig vorwärtsstrebend, nicht hastig und nervös, dem Ziele zuzuschreiten. 2. D i e Natur geht bei jeder i h r e r Verrichtungen vom Innern aus und auch in nnsk'.cr Mitte muß erst eine Revolution im Innern stattfinden. Verschwinden müssen erst die althergebrachten Vornrtheile. daß Landwirtbschaft und Handwerk minderwertbige Berufe seien und diese Vorurtheile besiegen zu helfen, ist eine der ersten und heiligsten Pflichten des jüdischen Lehrers. Haben ivir erst unsere Jugend, denn nur von dieser können ivir das Heil erwarten, dahingebracht, daß sie am ruhigen, gleichmäßigen Pulsschlage der Natur selber das ruhige, gleichmäßige Vorwärtsschreiten erlernt, haben ivir sie fühlen und begreifen gelehrt, daß die Natur Einfachheit in jeder ihrer Lebensäußerungen predigt, dann würde sie in der Beschäftigung mit Hacke und Pflug keine herabwürdigende Arbeit erblicken und findet sie das, dann wird auch die Zeit gekommen sein, in welcher der Lehrer keine vorwurfsvollen Blicke mehr einheimst, wenn er von Schusterahle, Schreinerhobel, Schneidernadel, Gärtnerspaten u. s. >v. spricht, der Boden, zu dem sie sich liebevoll herabbückt, wird gleichsam der Nährboden sein, auf dem auch die verschiedenen Zweige des Handiverks keimen und sprossen. „Eines wird in das Andere greifen, Eines durch das Andere ivachsen und reifen." Landwirtbschaft und Handwerk sind sich in Ursprung, Wesen und letzten Zielen gleich. Diese Gedanken haben mich veranlaßt, nur den einen Punkt: „L a n d w i r t h s ch a f t" näher zu beleuchten, in der Voraussetzung, daß auch dadurch der andere: „H a n d io e r k" in's rechte Licht gerückt werde und diesen Gedanken, m. v>., bitte ich auch im Auge behalten, zu wollen, wenn ich jetzt zur näheren Ausführung des erst erwähnten Punktes schreite. Zwei Bilder, nach dem Leb'", ae'.eichnet, will ich Ihnen, m. H., zunächst vorführcn. In der Mitte eines freundlichen Dörfchens stehen zivei Schnlhäuscr. Weinstöcke und wilde Reben umhüllen wie ein Gewand das eine. Zu beiden Seiten der hohen Treppen

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