Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1901)
- Date
- 1901-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1989 HP m zu sein, besaß jedoch nicht den Muth, mit seiner, seinen Eltern so mißliebigen Vergangenheit zu brechen: er tonnte — aus Pietät dem sittlichen Prinzip ein Opfer bringen, z u den bösen Handlungen gute, z u den verworfenen Frauen tugendhafte hinzufügen, allein der prinzipienlofen Zügellosigkeit entsagen und sich ganz und gar in den Dienst dieses sittlichen Prinzips stellen, das vermochte er nicht. Ohne den Math der freien sittlichen That, von einander bekämpfenden Trieben und Neigungen hin- und hergedrängt, ward Esaw der Bedränger seines Bruders und drückte er seinem Lieben und Hassen den Stempel der Charakterlosigkeit auf. Und doch hat die Allgiite Gottes diesem zum Spielball des Genusses gewordenen wilden Jägersmann den einen edlen Herzenszug, der ihn zu kindlicher Ehrerbietung gegen die Eltern antrieb, nicht vergessen. Das lehrt UNS in rührender Weise R. Juda, indem er uns Folgendes erzählt: Als Israel den Berg Seir umkreiste, da verwehrte ein Zuruf Gottes den Angriff auf das Gebiet Esaw's, und der Heilige, g. f. Er, verwies Mosche auf jenen Berg, der den Vätern zu Gräbern dient und Er sprach: Mosche! Sage es Israel, Ihr dürft ihn, Esaw, nicht bekriegen, denn noch ist ihm der Lohn für seine bewiesene Kindestreue bei Mir verwahrt. „Genug, umkreise den Berg!" ms cns-; *r'o) Mitten im entzweienden Bruderstreit soll die gemeinsame Verehrung der Eltern ein Band der Einigung sein, und über das Grab hinaus sei die Elternliebe den Kindern eine versöhnende Macht. Der Wochenabschnitt bietet uns eine Fülle von Gedanken; ich möchte nur noch dem Folgenden kurzen Ausdruck geben: Das Erstgeburtsrecht bildet, wie wir gesehen, den äußeren Grund des Hasses zwischen den innerlich so ungleich gearteten Brüdern. Wir machen nun die Entdeckung, daß insoweit es sich um die das große sittliche Gut der Menschheit betreffende Erbfolge handelt, das sonst auch vom Gottesworte anerkannte Naturrecht der früheren Geburt vor der Eigenschaft der größeren Würdigkeit zurücktritt. Es ist ferner eine merkwürdige Erscheinung, daß, von Kain und Hebel angefangen, bis auf den König David herab, gerade die Spätergeborenen des Geschlechts zu Hauptträgern der den Jsraelsgeschlechtern zu erhaltenden Tradition berufen sind. Die folgende Gliederreihe in der Traditionskette möge das Gesagte veranschaulichen:; bwa»*“ p n st ’ : (1 2 3 4“ru-3 m a x : Untren“ o sr; b 2 rrpp -pix-iy;nnp-[trrj jwjö-b^bk;'tit frxi;w:pr ♦nö’jtr j-n-r; <3^, 1Xrr>; s *,n x-n tr0 : p 1 L-7?bL' Es ist sicherlich nicht Zufall, daß der Vorrang an Gottgefälligkeit, Macht, Weisheit ,Königthum .... die das von Gott gewollte Gesetzesleben zum Ausdrucke bringen, sich fast regelmäßig an den Jüngern und 1) riÖ' war der ältere; vgl. I, 10, 21 Nuschu 2) Tiru der ältere; vgl. Tr. Sanh. 69 b. 3) Aus dem jüngsten der Stämme; vgl. Sam. I.f 9, 21. 4) Der jüngste seiner Brüder; vgl. &atn. I. 16, 10. Jüngsten des Stammes und des Geschlechts knüpft. Einen Grund können wir dafür so wenig angeben, als wir in das geheimnißvolle Walten des Allweisen eindringen können. Nur vermuthen können wir, daß damit gezeigt werden solle, daß die Gotteserwähltheit nicht von Physisch natürlichen Faktoren bedingt sein dürfe. Es ist nicht „Leichtfüßigen der schnellere Lauf" und nicht dem früher in's Dasein Getretenen das höhere Dasein gesichert! Noch eine Bemerkung möchte ich an das in der Sidra berichtete Ereigniß knüpfen. „Es war nun, als Jizchak alt geworden und seine Augen zu dunkel waren, um zu sehen, rief er seinen ältesten Sohn Esatv u. s. w." fl. 27. 1.) Schon die Weisen des Midrasch lesen aus diesen Einleitungsworten zu dem folgenden Vorgänge eine Entschuldigung für den von seinem Sohne Esaw so sehr getäuschten Vater Jizchak heraus. Als Jizchak von seinein Vater zur „Akeda" als Opfer gebracht wurde, da weinten die Engel, und da fielen Engelskhränen ihm auf die Augen — itrtb davon würben seine Augen trübe. Das will wohl sagen; Jizchak hatte dem Himmel tief in's Auge geblickt und er verlor dadurch den klaren Blick für die Erde und die Menschen. In Jizchaks Auge spiegelte sich Alles edel und und erhaben ab, wie die reinen, himmlischen Wesen, und darum konnte er das Gemeine, Niedrige nicht erkennen. Doch noch ein anderer, uns menschlich näher liegender Beweggrund mochte es sein, der Vater Jizchak zur liebevollen Parteinahme für seinen ältesten Sohn Esaw drängte, und diese Parteinahme war vielleicht nicht so blind, wie man dies bei dem lichtlosen Blick des weltunersahrenen Greises anzunehmen geneigt ist. Auch Jizchak hatte einen älteren Bruder gehabt, und dieser, Jsmael, ward aus tiefliegenden Gründen ihm, dem zum Stammhalter Abraham's erkorenen jüngeren Sohne Jizchak's hintangesetzt. Wir wissen es aus dem Berichte der Thora, mit ivelch schwerem Herzen Abraham Hagar und ihren Sobn aus seinem Hause wies. Wie schmerzlich mag es aber Jizchak empfunden haben, daß Jsmael um seinetwillen verdrängt wurde. Jizchak mag Jsmael's Abirren auf böse Wege auf den Umstand zurückgeführt haben, daß ihn große Strenge von der väterlichen Liebe und dem väterlichen Hause abdrängten. Jizchak mag sieb aus jedem Liebesbeweise, den er selbst vor seinem älteren Bruder Jsmael erhielt, einen Vorwurf gemacht und Jsmael's Entartung und Entfremdung mag ihm als warnendes Beispiel vorgeschwebt haben, als Warnung davor, den Schwächen des Sohnes mit Härte zu begegnen und die väterliche Auszeichnug nach der Würdigkeit der Kinder abzumesten. Wie anders erscheint uns der mildgestimmte, besorgte Vater Jizchak, wenn wir uns, wie er es that, seine eigene Kindeszeit vor Augen halten. Kann es uns da wundern, wenn er mit seinem Vatersegen und seiner Vaterliebe den Fluch des Vruderhasses von der Schwelle seines Hauses bannen wollte?