Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 90 (14.11.1901)
- Date
- 1901-11-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1960 Diese langsame Erscheinungsweise ist nicht allein durch die hiesigen schwierigen Zensurverhältniste bedingt, sondern auch durch die geringen Mittel, die dem Uebersetzer für die Drucklegung zur Verfügung stehen. Wir haben freilich in unserer Gesellschaft eine ganze Anzahl von jüdischen Mäcenen, die sich den Schutz des.Theaters und der polnischen Romanlitteratur angelegen sein lassen, aber keinem von diesen wunderlichen Philantropen fällt es ein, für ein so für die jüdische Bevölkerung und deren geistige Entwickelung wichtiges Werk, wie die Cylkow'sche Bibelübersetzung, etwas zu thun. Und doch ist es klar, daß eine dringende Nothwendigkeit besteht, nicht nur das Erscheinen des Werkes zu beschleunigen, sondern auch durch Herabsetzung des allzu hohen Preises, dasselbe den minder bemittelten Käufern zugänglich zu machen. — Die Lage unserer Glaubensbrüder hat sich in der letzten Zeit erheblich verschlimmert. Die Vew heerung, welche die Einführung des Spiritusmonopols unter den halbwegs bemittelten Klassen angerichtet hat. welche ihres weniger als bescheidenen, und noch dazu unsicheren Auskommens beraubt wurden, macht sich, obgleich schon einige Jahre seither verronnen sind, noch immer fühlbar. Viele Tausende von Familienväter saben mit einem Schlage ihre Existenz vernichtet, und für den allergrößten Theil von ihnen war es unmöglich, in so späten Jahren eine neue Existenz von vorne zu beginnen. Sie sahen sich plötzlich mit brutaler Hand aus ihrem bisherigen Milieu herausgerissen und aus das städtische Pflaster geworfen, und wußten nicht, was mit sich anzufangen. Wenn man irgendwo in der Welt eine soziale Reform einführt, die eine Klasse in ihrer Existenz bedroht, so geschieht das gewöhnlich mit der größten Rücksicht auf die Betroffenen, die man nach Kräften zu schonen trachtet und womöglich auch schadlos hält. Wo aber die Betroffenen Juden sind, da sind bekanntlich alle diese Rücksichten überflüssig, geschweige denn, daß man an eine Entschädigung oder anderweitige Versorgung der so hart Geschädigten dächte. Wären diese nicht Juden, die Folgen der „Reform" hätten sich in einem — Anwachsen des Verbrecherthums geäußert. Und nur der strengen Zucht, die dem jüdischen Volke die jüdische Religion hat angedeihen lassen, haben wir es zu verdanken, daß es uns erspart geblieben ist. auf eine Erniedrigung unseres Volkes zu blicken, in die ein anderer Stamm unzweifelhaft verfallen, wenn seine Lage auch nur halb so verzweifelt gewesen wäre, wie die unseres Volkes. In letzter Zeit haben uns die Chinawirren hart mitgenommen. Einerseits stockten Handel und Wandel bedeutend, speziell die Exportindustrie nach dem Orient erfuhr eine starke Hemmung, wodurch viele Arbeiter und Angestellte brodlos geworden sind. Andererseits wurden viele Familienväter, die als Reservisten der russischen Armee angehören, einberufen und nach dem fernen Osten verschickt, während ihre Angehörigen daheim in vielen Fällen gänzlich mittellos zurückgeblieben sind. Aus dem Königreiche Rusiisch-Polen allein sollen nahezu tausend jüdische Reservisten in China und der Mandschurei unter Waffen stehen. Zum Lohne dafür bekommen wir von den führenden Organen des Vaterlandes Tag für Tag nur den Vorwurf zu hören, daß loir sammt und sonders Feiglinge sind, daß wir minderwerthig und zum Militärdienst untauglich sind, daß wir zu nichts anderem taugen, als zum Schachern und zum Wuchern. Ein kleines Geschichtchen, welches diese unsere Verhältnisse trefflich illustrirt, sei hier erzählt. Auf einem Manöverfelde in Litrauen platzte zu Fiißen des kommandirendenGenerals eine Granate, was dem militärischen Würdenträger beinahe das Leben gekostet hätte, wäre nicht dicht neben ihm ein Soldat gestanden, der im Nil die Gefahr bemerkte und seinen hohen Vorgesetzten mit einem kräftigen Ruck fortschob, um an seiner Stelle selber den Tod zu erleiden. Dem so tragisch um das Leben Gekommenen wurde allerdings ein pompöses militärisches Begräbniß gewährt, seinen armen Eltern lvurde eine großes „Entschädigungssumme" eingehändigt, aber die Zeitungen durften in den Berichten über den Vorfall den Namen des heldenmüthigen Soldaten nicht erwähnen, weil er-nur ein Jude war. Das ist aber nur eine geringfügige von den unzähligen Aeußerungen des publizistischen Antisemitismus, der sich in der russischen und polnischen Presie immer breiter geltend macht. Man kann, speziell in Polen, heutzutage kein Blatt zur Hand nehmen, ohne auf mehr oder minder unverschämte antisemitische Aeußerungen zu stoßen. Dabei ist das aber nur aufgewärmter Kohl, bestehend aus einem ekelerregenden Ragout von abgelegten und abgedroschenen Phrasen aus der deutschen antisemitischen Litteratur und Presse, die in ihrem Ursprungslande längst den Kurs verloren haben. Zum Glück liegt es in der Natur des antisemitischen Giftes, daß es sich selber unschädlich macht. Das ewige Geschimpfe und Gezeter über Juden und Judenthum macht endlich den Sinn der Bevölkerung stumpf dafür und schließlich verhallt das Bellen wirkungslos. Nur machen die Ueheber mittlerweile ein gutes Geschäftchen dabei. Doch auch das gehört schon der Vergangenheit an. Der Herausgeber der ersten Warschauer Zeitung antisemitischen Richtung, der „Niwa," hat sich freilich in den ersten paar Jahren ein Vermögen gemacht, das auf dreihunderttausend Rubel geschätzt wird. Allein er hat inzwischen eine solche Menge von Konkurrenten bekommen, daß sein Geschäft nicht mehr „gehen" will. Es heißt, daß der saubere Volksbeglücker nunmehr einzusatteln gedenkt, um sein Glück in-Philosemitismus zu versuchen. Und in der Thal, in einem Lande, wo die Juden so zahlreich vertreten sind, wo der Christ in allen Lebensbeziehungen darauf angewiesen ist, mit den Juden in Berührung zu kommen, da kann