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Der Israelit · 1901-11-14 · Heft 90 (14.11.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 90 (14.11.1901)
Date
1901-11-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4L. Jahrgang. Zweite Meilage zu M 90 des „Israelit". Leitender Artikel. Brief aus Warschau. (Die erste polnische Bibelübersetzung. — Die Lage der Juden. — Das Steigen der antisemitische« Hochstuth. — Eine jüdische Arkerbauschule. — Ein Philantrop.) Nun haben wir es erlebt, daß wir den größten Theil unserer heiligen Schrift in einer polnischen Uebersetzung, mit einein Kommentare, zum Gebrauche der jüdischen Familie besitzen. Ich meine die Uebersetznng des Herrn Dr. I. Eylkow. Es ist dies die überhaupt erste aus dem hebräischen Original in die polnische Sprache veranstaltete Uebersetzung der Bibel. Die paar Uebersetzungen, die vom Alten Testament in polnischer Sprache existiren, sind sämmtlich aus der Vulgata angefertigt worden, und abgesehen von ihrer katholisch-christlichen Färbung, können sie schon aus dem Grunde allein, daß sie von dritter Hand herrühren, itnb keiner dieser Uebersetzer des Hebräischen mächtig war. keinen wissenschaftlichen Werth beanspruchen. Umso trauriger war es. daß es bisher keine für die jüdische Familie bestimmte polnische Bibelübersetzung gab, derart, daß man in jüdischen Kreisen gezwungen war, sich der christlichen Superübersetzungen zu bedienen. Besonders jene, welche von der ... . Londoner Bibelgesellschaft herausgegeben wurde, erfreute sich in jüdischen Kreisen einer großen Popularität. Es muß freilich betont werden, daß bislang kein allzu drückendes Bedürfniß nach einer solchen Uebersetzung bestand. Die große jüdische Maße nahm aus dem Chederunterricht eine genügende Kenntniß unserer heiligen Bücher mit. daß sie zu allermeist aus dem Original schöpfen konnte, im Nothsalle genügte ihr die weitverbreitete jüdisch-deutsche Uebersetzung, die den meisten unserer Bibelausgaben beigedruät wird. Die Hohergebildeten aber verstanden meist in früheren Zeiten gut Hebräisch, und es gehörte mit zu den Merkmalen eines wirklich gebildeten Juden, daß er sich in dem heiligen Schriftthum seines Volkes mindestens ebensogut auskennen solle, wie in den profanen Literaturen anderer Völker. Ueberdies war die Kenntniß der deutschen Sprache in den Kreisen der Gebildeten sehr verbreitet, so daß den allfälligen Bedürfniffen nach einer Uebersetzung der Bibel in eine moderne Sprache, die vielen deutschen Uebertragungen, von der Mendelssohn'schen bis hinauf zu der meisterhaften und unvergleichlichen des Rabbi S. R. Hirsch s. A. Genüge leisteten. Nun aber haben sich die Zeiten beträchtlich geändert. Die traditionelle Kenntniß des Hebräischen hat sich unter gewissen Klassen der Bevölkerung beträchtlich vermindert, so daß Viele, besonders unter der jüngeren Generation, um den Weg zur Bibel zu finden, nothgedrungen zu einer Uebersetzung greifen müssen. Da obendrein in Ruffisch- Polen sowohl, wie in Galizien, die öffentliche Erziehung beträchtlich slavisirt beziehungsweise polonisirt wurde, so ist die intimere Kenntniß der deutschen Sprache erheblich geschwunden. Daher konnten die deutschen Bibelübersetzungen lange nicht mehr jene Rolle spielen, die ihnen in früheren Jahren zukamen. So kam es, daß die genannte von der Londoner Bibelgesellschaft herausgegebene Uebersetzung in jüdischen Kreisen, besonders unter der studirenden Jugend, immer mehr in Schwang kam, was in allen Fällen ein gar arger Uebelstand war, umsomehr, da diese Uebersctzung in archäischem, dem heutigen Sprachempfinden fremden, manchmal auch unverständlichen Styl gehalten ist. Diesem Uebelstande wird nun die Cylkow'sche Uebersetzung abhelsen. Dieselbe ist in ihrer Art eine Meisterleistung ersten Ranges. Cylkow hat in der Beherrschung des polnischen Sprachausdruckes eine Meisterschaft bekundet, die bei den besten Kennern der polnischen Sprache Bewunderung erregt hat. Unter seiner Hand paßt sich der polnische Stil biblischer Diktion mit unvergleichlicher Geschmeidigkeit und Feinheit an, gewinnt Farbe und Leben und gibt den Gedanken mit großer Präzision und Klarheit wieder. Man sieht, daß der Uebersetzer nebst einer großen und seltenen Kenntniß der polnischen Sprache ein gründliches Verständniß der Bibel besitzt, in die er sich mit kindlicher Liebe vertieft hat. Die Uebersetzung begleitet ein gedrängter Kommentar, der mit bündiger Kürze sprachliche, sachliche und historische Erläuterungen bietet. Außerdem geht einem jeden Buch eine große Einleitung voran, die den historischen Hintergrund, den allgemeinen Charakter, die sprachlichen Eigenheiten des Buches und dessen Stellung in der heiligen Schrift behandelt. Besonders inieressant ist in dieser Beziehung die Einleitung zum Pentateuch, in welcher der Uebersetzer sich mit der destruktiven deutschen Bibelkritik auseinandersetzt und die Einheit der mosaischen Lehre vertheidigt. Ueberaü im Kommentar, wie in den Einleitungen, stützt sich der Uebersetzer auf die jüdische Tradition, die allein den Schlüssel zum richtigen Berstättdniß der Bibel bietet, und schöpft aus den besten unserer alten Kommentatoren. Es ist nur zu bedauern, daß dieses Werk so langsam erscheint. Im Jahre 1886 erschienen die Psalmen, vor vier Jahren der Pentateuch mit den Hafrorot und den Gebeten für Sabbat, dann Jesaias und Jeremias. Jetzt befindet sich der die zwölf übrigen Propheten fassende Band unter der Presse.

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