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Der Israelit · 1901-11-14 · Heft 90 (14.11.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 90 (14.11.1901)
Date
1901-11-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1969 Jsabella drückte leicht auf einen versteckten Knopf. Da rief die Puppe mit Heller Stimme: Mama'. Papa! Mama! Papa! Betroffen fuhr die Kleine zusammen und wich einige Schritte zurück. Dann kam ihr aber die Erkenntnis; und freudestrahlend rief sie: „Eine Puppe, o wie schön, wie herrlich, liebes, liebes Fräulein Bella. Aber ich darf sie heute nicht nehmen — fjeute nicht —." ,,'Jiimm sie nur, Herzchen," sagte Jsabella freundlich. Die Kleine schüttelte mit unverbrüchlichem Ernste das liebliche Köpfchen: „Ich darf sie ganz gewiß heute nicht nehmen, sie schreit gleich, wenn ich sie anrühre — " „Das schadet nichts," versicherte das junge Mädchen, das dergleichen noch nie gehört hatte. „O ja, das schadet ja. Mit dem Kuckuk darf ich auch am Sabbat nicht spielen, weil er schreit," sagte die Kleine, verlangend auf das schöne Spielzeug blickend. Jsabella schüttelte den Kops. „Ich verstehe Dich nicht, was meinst Du?" „Selma meint," erklärte Viktor, „weil heute Sabbat ist, und weil wir am Sabbat keinen Don durch ein Instrument hervorbringen dürfen." „Aber warum denn nicht?" ..Weil das als Arbeit betrachtet wird und jede Arbeit ist uns am Sabbat verboten." „Und Dein Zweirad?" sagte Jsabella, „was geschieht denn mit dem? Ich glaube, Du hast es noch nicht einmal angerühri —" „Nein," erwiederte er, „das darf ich heute nicht anrühren." „Wie? nicht anrühren darfst Du es heute? aber ich bitte Dich, warum denn nicht? Das ist doch keine Arbeit „Nein, das ist keine Arbeit, aber das Nad ist doch nur zum Fahren gemacht, und weil wir am Sabbat nicht fahren dürfen, dürfen wir es auch nicht anrühren." „Aber um Himmelswillen! wer hat denn das verboten?" „Der liebe Gott," versicherte Selma mit großem Ernst. Jsabella zog die Kleine an sich. „Du bist ein gutes Kind, weil Du nicht thun willst, was der liebe Gott verboten hat." „Wir müssen jetzt wieder nach oben, Fräulein Jsabella," sagte Viktor. „Sie werden doch bald hinauskommen, nicht wahr? — Der Papa hat gesagt, in einer Stunde wolle er mich prüfen. — Das wird schon bald eine halbe Stunde her sein —" „Ja, das glaube ich auch. Ihr müßt jetzt nach oben gehen." „Dann bitte, Fräulein Jsabella, gehen Sie gleich mit, der Papa wartet nicht gerne." Das junge Mädchen ließ sich leicht erbitten, Selma ergriff ihre Hand, um mit ihr hinaufzugehen, während Viktor vorauseilte, um ihr Kommen anzukündigen. Doktor Müller hatte es anfangs für Scherz gehalten, daß Fräulein von Rauhenstein zuhören wolle, wenn er seinen Knaben im Talmud prüfe; er war daher einigermaßen überrascht, als sie auf seinen Willkommengruß ihm erklärte, sie wolle von seiner freundlichen Erlaubniß Gebrauch machen und Viktor's Prüfung beiwohnen. „Wenn es Sie interessirt, mein Fräulein, habe ich durchaus nichts dagegen. Wenn es Sie aber, wie ich vermuthe, sehr bald langweilen wird, so bitte ich, sich durchaus keinen Zwang auferlegen zu wollen. Meine Mutter ist draußen aus der Veranda und wird sich freuen, wenn Sie ihr das Vergnügen machen wollen." Aber er hatte sich geirrt. Fräulein von Rauhenstein langweilte sich keineswegs; volle anderthalb Stunden lauschte sie mit unvermindertem Interesse dem verständnißvollen Vortrage des Knaben, den geistvollen Erläuterungen des Vaters. Doktor Müller hatte allerdings Rücksicht genominen auf seine nichtjüdische Zuhörerin; er besprach mit seinem Knaben nur solche Stellen, die von Pflichten gegen den Nebenmenschen handelten, gegen die Ehre des Ncbenmenschen und gegen dessen Eigenthum. Jsabella staunte mehr und mehr. Nie hatte sie Aehnliches gehört, solche subtile Fragen, solche haarscharfe Unterscheidungen und mit einem zehnjährigen Knaben erörtert! — Und ein Volk, das solche Vorschriften in solch unvergleichlicher Weise seinen Kindern einzuimpfen wußte, das sollte ein Krebsschaden des Staates sein? — Von dem wollten sie das nichtjüdische Voll glauben machen, daß es durch seine Gesetze zum Betrug verleitet werde?! Alles, waS sie da vernommen hatte, interessirte sie in dem Maße, daß sie noch Stunden derartigen Erörterungen hätte lauschen mögen, aber der Doktor erklärte die Prüfung für dieses Mal beendet. „Ich mache Ihnen mein Compliment, Fräulein von Rauhenstein. Sie haben eine Ausdauer an den Tag gelegt, wie ich solche einer iungen Dame nie zugetraut." Sie fühlte, wie sie erröthete. Schon wieder überkam sie jene seltsame Befangenheit; aber sie strebte, dieselbe um jeden Preis zu überwinden. „Ich erlaube mir nicht, Herr Doktor, Ihnen ein Compliment zu machen, aber ich bitte Sie, meinen verbindlichsten Dank entgegennehmen zu wollen, das Ganze hat mich ungemein interessirt." „Wirklich, mein Fräulein, ist das Ihr Ernst?" „Mein voller Ernst. Ich habe dergleichen noch nie gehört." „Das kann ich mir denken." „Nein, ich meine, ich hatte bisher noch keine Ahnung von jener hohen Sittlichkeit, die aus den Vorschriften spricht, die Sie mit Ihrem Knaben erörtert haben, ich bin mir mit meinen bisherigen Anschauungen geradezu minderwertig vorgekommen."

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