Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1903)
- Date
- 1903-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1950 mus aus; Reichsmimster von Gagern und Gabriel Rießer lagen sich in den Armen. Auch der Deputation, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, gehörte Rießer an. Die ablehnende Antwort (bekanntlich sott der König gesagt haben, er wolle keine beschnittene Krone. D. Res.) übte auf die übrigen Deputirten einen niederschlagenden Eindruck aus; Rießer aber ließ den Muth und die Hoffnung nicht sinken. Am 26. Mai 1849 schied er aus der Versammlung. 1860 wurde er von Hamburg in das Erfurter Parlament gewählt, wo er sich Bismarck's Anerkennung errang. Als auch dieser Versuch scheiterte, widmete er sich seiner Vaterstadt. 1869 wurde er in's Hanseatische Obergericht berufen, der erste deutsche Jude, der ein so hohes Richteramt bekleidete. Er starb am 22. April 1863. Sein Charakter war mild und versöhnlich, das Gemeine war ihm fremd. Als Schriftsteller war ,er von großer Gedankenfülle und Klarheit, sein Stil ist theilweise geradezu klastisch. Schade, daß noch nicht von jüdischer Seite eine Auslese aus seinen Schriften getroffen worden ist, welche als jüdisches Volksbuch verwerthet werden könnte. Seine sittliche und politische Größe hat auch feine Gegner bezwungen. Sagt doch Treitschke von ihm, daß in ihm das Recht zum Gemüth geworden. Vergesten wir nicht die Verdienste der Männer von 1848, vergesten wir deutschen Juden vor Allem nicht Gabriel Rießer, der mit Wort und Schrift für seine Glaubensgenosten gewirkt, der keine Zeile geschrieben und kein Wort ge sprachen, das nicht von deutschem Geiste durchweht war, auf den wir uns berufen können, wenn man uns die Zugehörigkeit zum deutschen Volke bestreitet, der gezeigt hat, daß Deutschthum und Judenthum zwei Zwillingsschwestern sind am Baume der Kultur. Köln, im Nov. Ueber die Juden in Ungarn äußert sich ein Mitarbeiter der „Köln. Zeitung" in einem Feuilleton „Oesterr.-Ungar. Grenzfahrten" wie folgt: „Wie allenthalben in Ungarn, spricht der Deutsche auch ungarisch, mancher kann hier etwas serbisch und rumänisch, da er ja geschäftlich so manche Beziehung nach dieser Richtung hat; sowie man aber unter sich ist, wird deutsch geredet. Die z L h e st e n hierin sind zweifellos die Juden auch hier; in den Städten Arad, Temesvar, auf dem Lande haben wir bei jüdischen Gastwirthen und bei ihren Gästen zumeist die beharr liche Treue für die deutsche Sprache gefunden. Eine uns vorher schon historisch bekannte Thatsache haben wir auch durch den Augenschein bestätigt gesehen. Wir sahen öfters Juden da mit höchst germanischen, ja, schwäbischen Gesichtern, die wir niemals für Juden gehalten hätten. Nun, unter Maria Theresia und Joseph II. sind in Ungarn viele christliche, protestantische j Deutsche zum Judenthume übergetreten, weil der Proi testantismus dermaßen offen und heimlich, trotz der; schönsten josephinischen Ideen, verfolgt wurde, daß; Biele es vorzogen, zum bester geschützten Judenthum überzutreten, das diesen Protestanten religiös weit näher stand, als die damalige katholische Kirche. Diese Konfestionsjuden aber sind bis heute treue Träger der deutschen Sprache geblieben. Wir wollen nicht an dieser Stelle den politischen Wahnsinn deutscher Parteien in Böhmen und Oesterreich erörtern, welche mit dem Kampfe für die überall gefährdete deutsche Sprache einen Kampf gegen das Judenthum verquicken. Nun, wir wollen dagegen vermerken, daß wir die traulichsten deutschen Stunden bei jüdischen Hausirern in Arad, in deutsch-jüdischen Weinkneipen mitten in Serbenvierteln zugebracht haben, die sonst kein „Germane" zu betreten >vagt, weil er Angst hat, die Juden könnten ihn „schachten" und dann als Kalbskotelett verkaufen. Wir sind aber völlig ungeschächtet aus Ungarn und Schwaben heimgekommen, nicht ohne uns zu überzeugen, daß der deutsche Jude auf dem Lande da, wo nicht der Germane dasselbe Beispiel gibt, durch viele wirthschaftliche und häusliche Tugenden besonders unter den slawischen, d. h. slowakischen, serbischen und zigeunerischen, noch zurückgebliebenen Leuten als Volkserzieher wirkt. Denn er verkauft nicht etwa nur „Schnaps," den ihm höchst germanische Schnapsbrennereien liefern, um die Völker zu verderben, sondern er lehrt sein slowakisches und serbisches Gesinde sauber buttern, er schlachtet, baut sein Weinchen und sorgt dafür, daß die Preise nicht zu hoch anziehen, sondern erschwinglich bleiben, wenn etwa die Landgroßherren allzu üppig werden." (^vdtknhnen, 4. Nov. Herr Rabbiner G o t t l i e.b von hier, an den Anfragen wegen seiner Abwesenheit bei der Grundsteinlegung der neuen Synagoge in Babarty am 11. 'August und der Sium-Feier der Schaß- Gemeinde daselbst am 12. Oktober ergangen sind, läßt durch mich mittheilen, daß er während der ersteren Feier in der Sommerfrische und bei der letzten wegen Unpäßlichkeit an deren Theilnahme verhindert war. Dies wurde allgemein bedauert. Eduard S e g a l l. Dirsckmu, im Nov. Am 7. September fand hier die Versammlung des Verbandes der westpreußischen Rabbiner, dem sämmtliche Rabbiner der Provinz angehören, statt. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Rosenberg Thorn, begrüßte die Erschienenen und erstattete den Jahresbericht. Aus demselben ist hervorzuheben, daß der in der Versammlung vom 2. Sept. v. I. in Graudenz cndgiltig festgestellte Normallehrplan dem Vorstand des Gemeindeverbandes eingereicht und durch diesen im Druck veröffentlicht wurde. Nach einem gleichfalls auf der vorjährigen Versammlung gefaßten Beschluß hat der Vorstand des Gemeindeverbandes an die demselben zugehörigen Gemeinden das Ersuchen gerichtet, daß sie ihre Beamten auch in der Eigenschaft als Schächter den die Revision ausübenden Rabbinern unterstellen sollen. Der überwiegend größte Theil der Verbandsgemeinden machte von diesem Vorschlag Gebrauch. Hingegen konnte der damals von Dr. Evpenstein-Brieseu angebrachte und von der Versamm-