Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1903)
- Date
- 1903-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1949 und Weltkenntniß die Epigonen in den Schatten stellt. Der Sinnesrausch, dem die moderne Entwickelungstheorie die Folie reicht, schafft Weltschmerz und Blasirtheit. Die innige Vermählung der' modernen Wissenschaft mit der Praxis des Lebens bedeutet deshalb eine große Gefahr für die zu jüdischer Pflichterfüllung berufenen Söhne und Töchter unserer Zeit. In unserer Mitte erscheint sie als ein Merkmal des Goluß, welches der Lösung unserer Aufgaben erhebliche Hindernisse entgegenstellt. Groß ist die Anzahl derer, welche dem göttlichen Gesetze den Rücken kehren. Die lange Golußdauer erscheint ihnen zu grausam, als daß sie Gottes Schickung darstellen könnte. Ist ja auch der Ablauf des Goluß nicht bekannt und fehlen schließlich die Propheten, die den Blick der Verzweifelnden in die Siegeshelle der Zukunft zu lenken und die trüben Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart als Erziehungsmittel der göttlichen Waltung geschichtlich nachzuweiscn vermöchten. Dazu kommt, daß wir nicht auf einem Boden dulden. Die ganze Erde ist zum Schauplatz unseres Leidens geworden. In alle Welttheile zerstreut, sind Einzelne, Familien und Gemeinden auf sich selbst verwiesen; das nationale Band ist gelockert. Freilich — so träumt Esau — die günstigste Zeit zur Ausführung meines Planes! In den ersten Golujauß hat er weinen gelernt, so wollte er auch das dritte Goluß beweinen, aber die Betrachtung desselben flößte ihm Muth ein und machte ihn stegesfroh. Und doch hat Esau sich verrechnet. Gerade die Zerstreuung hat unsere Erhaltung nach Gottes Willen befördert: nmn pn*? pra» bxip'b rrapn ws? np-ix (87 dtidb). Während im Norden Europas ganze Gemeinden zur Verherrlichung der Tauroh aus dem Scheiterhaufen emporloderten, wetteiferten die jüdischen Gelehrten im Süden mit den Großen ihrer Zeit in der Pflege der Wissenschaften. Während heute unsere Brüder im Osten dulden, ist uns ein besseres Loos beschieden. Nur, weil in diesem Goluß die äußeren Lebensbedingungen so mannigfaltig sind, ist der Kampf, in welchen sie uns stürzen, so heiß. Wir leiden — und Gott erhält uns. Unsere Existenz an sich ist eine fortgesetzte Gottesofsenbarung; sie bewirkt es, daß selbst Esau sich im Laufe der Zeit an's Licht der Kultur ringt, getreu der Verheißung Jfaks: -pxuf bsfo npiei "Pin "Ni. 3e11rmgsnachrrchterr und Corresponderrzerr. Deutschland. Mainz, 7. November. Bekanntlich wird in Frankfurt a. M. im Jahre 1903 die Gesellschaft zur Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler, über deren ersprießliche Thätigkeit wir schon des Oefteren Gelegenheit hatten, zu berichten, eine Ausstellung von jüdischen Kunstgegenständen veranstalten. Von Berlin aus geht uns nun die Bitte zu, wir möchten anregen, daß anschließend an diese Ausstellung auch gewerbliche Erzeugnisse jüdischer Landwirthe und Handwerker dem großen Publikum gezeigt werden, mit Rücksicht auf die Behauptung unserer Widersacher, daß der Jude zur körperlichen Arbeit nicht geeignet sei. Wenn wir nun auch der Ansicht sind, daß sich die beiden genannten Fächer in einer Ausstellung schwer vereinigen lassen, daß vielmehr landwirtschaftliche Geräthe und Produkte besser durch Einzel - Ausstellungen in den Provinzstädten zur Anschauung gebracht werden, so wollten wir doch mit Rücksicht auf die schätzenswertste Seite, von der uns der Vorschlag zuging, denselben nicht unterdrücken. Frankfurt a. M., 7. Nov. Der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" eröffnete am 4. d. M. seine Wintersaison mit einem Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Ludwig F u l d aus Mainz über Gabriel R i e ß e r. Der Name dieses Mannes ist selbst unter seinen Glaubensgenossen nicht mehr so bekannt, als er verdient, obgleich doch Undankbarkeit sonst nicht eine Eigenschaft des jüdischen Stammes ist. Haben wir doch vor allem ihm das bischen Emanzipation zu verdanken, das wir wenigstens auf dem Papier haben. Geboren am 2. April 1806 in Altona (Meyer's Konversationslexikon gibt Hamburg an), widmete er sich juristischen Studien und machte in Heidelberg seine Prüfung. Die akademische Laufbahn war ihm als Juden verschlossen, und so wurde er Rechtsanwalt und Notar. Seine Sehnsucht nach der politischen Einheit Deutschlands ging mit der Sehnsucht nach der Gleichberechtigung der Juden Hand in Hand. Er trat bereits für das allgemeine Wahlrecht, für Arbeiterfürsorge ein. Er erhob schon damals seine warnende Stimme dagegen, wirtschaftliche Interessen zum Mittelpunkt des politischen Kampfes zu machen. Im Jahre 1848 zum Abgeordneten für das, früher den Juden verschlossene, Herzogthum Lauenburg in das deutsche Parlament gewählt, lenkte er durch seine begeisterte Rede am 29. Aug. gegen den Antrag von Moriz Mohl, der den Juden zwar aktives und passives Wahlrecht lassen, sonst aber eine Art Fremdenrecht für sie Vorbehalten wollte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und trat mit einem Schlag in die erste Reihe der Redner des Parlaments. Es war wie der Aufschrei einer seit Jahrhunderten geknechteten Volksseele. Der Antrag Mohl wurde denn auch mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Kurz darauf wählte die Versammlung Rießer mit 226 von 263 Stimmen zum ersten Vizepräsidenten; der Vorsitzende war Emund Simson, ein getaufter Jude. Rießer verfocht stets die Einigung Deutschlands unter dem preußischen König als Kaiser. Als er einen dahinzielenden Antrag Welcker's in einer vortrefflichen Rede befürwortet hatte, brach allgemeiner Enthusias-