Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1903)
- Date
- 1903-11-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449230--54639-2505353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1948 seiner Gottvergessenheit willen erfolgten Ausweisung aus dem Lande Israels sein. Allein die schlimmsten Zeiten haben Israel die Existenz nicht geraubt; und so tragen die Golußzeiten das eigenartige Gepräge des oft bis zu nahem Tode gelähmten Lebens und der gleichwohl stattfindenden Daseinserhaltung. Wild tobt der Kampf geschichtlicher Elemente, aber Israel geht aus demselben als Sieger hervor. In sinnigem Bilde hat unsere Midrasch-Stelle, wenn wir dieselbe recht verstehen, den im Golußleben des jüdischen Volkes zu Tage tretenden, von Gott gestifteten, Dualismus dargestellt. Wir glauben, daß die drei Thränen den drei Nationalgolujauß entsprechen, von welchen jedes die Bestimmung trägt, Israel für das Erstehen eines Tempels in seiner Mitte, für die Bekundung der Gottesgegenwart auf Erden vorzubereiten; wir meinen: Goluß Mizraim, Goluß Bowel und das gegenwärtige Goluß. Im Hinblick auf die erstgenannten Golujauß weint Esau; das letzte Goluß wollte ihm gleichfalls Anfangs eine Thräne abringen, doch unterdrückte er dieselbe, in der Absicht, sie regressiv zu alteriren. Vetrachien wir die Verschiedenheit dieser Thränen. so dürfte sie sich durch die Differenz der Eigentümlichkeiten der Golujauß motiviren. Goluß Mizraim und Goluß Bowel kennzeichnen sich zunächst dadurch, daß dem jüdischen Volke die Zeit ihres Ablaufs bekannt war. Mochten sie immerhin unsägliches Elend in jüdische Familien tragen, ja mochte Goluß Mizraim Jahrhunderte dauern, so nahm doch die Kenntniß des Jahrganges, welcher den spätesten Termin des Golutz-Endes bilden sollte, dem herben Mißgeschick den Stachel. Dazu kommt, daß in diesen Golujauß gottgesandte Propheten in Jsrael's Mitte verkehrten, welche dem Volke göttliche Verheißungen übermittelten und die Bedeutung der geschichtlichen Ereignisse, die den Goluß-Abschluß vorbereiteten, von göttlich gehobenem Gesichtspunkte aus darlegten. Speziell in Goluß-Bowel waren die historischen Begebenheiten so beschaffen, daß sie selbst dem geschichtlicher Erkenntniß nicht fähigen Auge als Vorboten der Erlösung erscheinen mußten. Hierzu trug nicht wenig die verhältnißmäßige temporäre Kürze des Exils bei. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Umstand kam den beiden Golujauß zu Gute. Die Gesammiheit Jsrael's duldete in einem Lande, das Zusammenleben auf einem Boden förderte die Einigkeit und ermöglichte schnelle, gegenseitige Hilfeleistung in Stunden der Gefahr. Es erscheint sehr begreiflich, daß Esau's Genius im Vorausblick der beiden Golujauß die Hoffnung aufgibt. Israel vernichten zu können. Er weint; es schmerzt ifm tief, daß er dieses Volkes selbst in seiner armseligsten Lage nicht Herr zu werden vermag. Vor seinem Auge leuchten die Gottesmänner auf, sein Ohr vernimmt ihre leben weckenden Worte; er steigt in die Seelen der Einzelnen hinab und findet sie zum großen Theil hoffnungbestrahlt durch den Gedanken an die bevorstehende Erlösung. Er gibt die Absicht auf, ihre Einigkeit zu schwächen; denn Jsrael's Reihen treten in geschlossener Einheit vor seine Seele. Die Gewalt erklärt sich bankerott; die Politik scheitert an dem Fels, der sich in den Golujauß kundgebenden göttlichen Wallung. Wie anders sind demgegenüber die Verhältnisse des gegenwärtigen Goluß gestaltet. Der Zeitraum desselben bildet den bedeutsamsten Abschnitt der Kulturgeschichte der Menschheit. Er beginnt mit dem in den Völkerreichen aufdämmernden Lichte des Gottesgedanken und wird mit der vollen Anerkennung desselben seitens der Menschheit seinen Abschluß finden. Jahrhunderte lang toben religiöse und politische Kämpfe, welche die Civilisation anbahnen und in denen sich die Waffen auch gegen das wehrlose Israel richten. Judengesetze erstehen; die Juden werden in sog. Judengassen verwiesen und fristen in licht- und luftlosen Winkeln ein kümmerliches Dasein. Esau will durch diese Maßnahmen ihre Zukunft untergraben und ahnt nicht der geistigen und sittlichen, über den Tod hinaus rettenden Kraft, die in den Ghetti sich entfaltet und gerade dadurch so herrliche Blüthen treibt, daß der oftmals entsittlichende Einfluß der Außenwelt ihrem Wirkungskreise entzogen ist. Innerhalb der Ghettimauern blieben wir stark im Gottvertrauen. Als aber der Geist des sozialen Fortschrittes die mittelalterlichen Fesseln sprengte, gaben weite Kreise der Judenheit die sittlichen Errungenschaften vergangener Jahrhunderte preis und bestrebten sich, in den außerjüdischen Massen auszugehen. Inzwischen war auch die Wissenschaft in eine neue Phase getreten. Aus der Studirstube stürmte sie in die freie Natur, lauschte derselben die Gesetze ihrer Entwickelung ab und stempelte eben diese zu Prinzipien menschenaesellschaftlichen Lebens. So zogen die Ergebnisse der Naturforschung in die Geister und Gemüther der Menschen; sie gewannen einen gestaltenden Einfluß auf alle Gebiete des Lebens und predigten — thierische Gebundenheit. Trägt gleich die menschliche Wissenschaft durch den jähen Wechsel ihrer Theorien den Stempel der Unverläßlichkeit an der Stirne, so galt und gilt sie dennoch in den Augen derer, die den Taumelbecher der Assimilation getrunken, weit mehr, als die göttliche, überzeitliche, menschheitserlösende Lehre von der im Gottesbunde zu gewinnenden sittlichen Freiheit. Der Gegensatz der Erfolge des von modern-naturwissenschaftlichen Prinzipien getragenen Lebens zu den Früchten der am Lichte der Tauroh gereiften jüdischen Gesittung des Mittelalters ist augenscheinlich. Aus der finsteren Judcngaffe gingen trotz aller Verfolgungen lichtumflossene Gestalten hervor, Geistesheroen, deren Charaktergröße