Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1901)
- Date
- 1901-11-07
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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WWWWWWWWW MW» j'rffljj'glftf*V* A»r,*y^r, *» 1941 Hasch.) lesen wir, daß Rabb. Gamliel eine Tafel angefertigt, auf die er die verschiedenen Phasen und Stellungen des Mondes gezeichnet, um die Aussagen der „Hedjatim," der Laien daran zu prüfen, ihre Fassungslraft zu unterstützen. Die Beispiele könnten leicht noch um viele vermehrt werden. Es genügt jedoch das Angeführte, um zu zeigen, wie im jüdischen Schriftthum, ja in unserer ältesten Bergangheit die Veranschaulichung in so Mannigfachen Fällen und Formen sich Nachweisen läßt, wie man ihren Werth kannte und schätzte. Sie liegt also im Wesen und Geiste unserer Religion, wenngleich bisher stiefmütterlich behandelt. Wohl wissen wir, daß Architektur, Skulptur und Malerei in hervorragendem Maße mit dem nichtjüdischen Kult, der auch durch die Musst auf die Sinne wirken will, verwachsen sind, ja eine ganze Geschichte haben. Eben deßhalb begegnet man dort in reichster Fülle plastischen und Plandarstellungen, denen religiöse Motive zu Grunde liegen. Das konnte im Judenthum nickt in ähnlicher Weise der Fall sein, besonders nicht in der Plastik, welcher das zweite Gebot entgegensteht Allein was hindert uns, der Plandarstellung zu größerer Entwickelung zu verhelfen? Was bis jetzt darin geschehen, ist wenig und reicht bis in einige Jahrhunderte zurück. Dabei ist man stehen geblieben. Die wenigen Veranschaulichungen in den Theilen der mündlichen Lehre, welche räumliche Verhältnisse behandeln, wie Kilaim, Erubin u. a., ssnd dieselben geblieben. Die Bilder der Hagadah kehren in den neuen Auflagen als dieselben wieder, welche der Großvater und die Großmutter schon betrachtet. Und doch sind auch sie einmal „neu" gewesen, sind originell gefertigt worden: denn daß sie sich an photographische Aufnahmen im alten Egypterland anlehnen, mag ich nicht recht glauben. Warum nicht weiter bauen? Sollten nur diese Darstellungen Sanktion haben und kanonisches Recht? Wie aus dem kurz Angedeuteten hervorgeht, kann die Veranschaulichung einem doppelten Zwecke dienen: sie kann sich an das Gemüth wenden, oder die Bersiandesbildung, die Beqriffsentwickelung beabsichtigen. Daß beide Zwecke in einander fliehen, sich gegenseitig stützen, weiß jeder Schulmann. „Ein heiteres Gemüth läßt die Vorstellungsreihen leichter fließen, das Bewußtsein geförderter Kenntniß wiederum schasst ein frohes Herz. Fassen wir zunächst die mehr für's Gemüth berechneten Darstellungen, die freilich auch der Mehrung des Wissensschatzes dienen, in's Auge. Hast Du, lieber Leser, vielleicht in jungen Jahren Gelegenheit gehabt, durch der Mutter Mund am Sabbat vorlesen zu hören aus dem Z'ena Urenah? Die altmodische Sprache, die alten Bilder haben einen eigenen Zauber, den man nicht leicht durch Worte bezeichnen kann. Wie entfaltete die lebhafte Phantasie des Kindes ihre reiche Kraft, wenn das Auge auf den kleinen Bildern, welche in den gefammten Text eingestreut sind, geruht! Wie spielten die Vorstellungen, wenn der Knabe, das Mädchen an des Sabbats Feierstunden still sinnend dort saß. den Z'ena Urenah vor sich ausgebreitet! Was beim obligatorischen Religionsunterrichte der Text der biblischen Geschichte nicht bot, das findet sich alles hier im „schönen alten Z'ena Urenah." Die Geschichte der Stammväter, die Knechtschaft in Egypten, der Aufenthalt in der Wüste: alles ist illustrirt. „Warum finden sich solch' schöne Bilder nicht auch in meiner biblischen Geschichte?" kalkulirt das Kind im Stillen. Und wahrlich, die stille Betrachtung des Kindes wird zur lauten Anklage gegen uns selbst. Soll man denn noch eitel Worte darüber verlieren, welchen Reiz bildliche Darstellungen gerade auf Kinder ausüben? Welche Freude kann man den Kleinen bereiten durch das Versprechen: Du bekommst ein Bilderbuch. Das des Lesens unkundige Kind sucht schon überall Bilder zu entdecken und zu enträthseln. Es beschaut die gemalte Tasse, es nimmt die Zeitung, durchmustert den Annoncentheil nach Pferden, Stühlen, Hüten, Uhren, Schirmen und was auch immer sich dorthin verlieren mag. Es steht gefesselt vor den Reklamebildern, die der praktische Kaufmann aushängt oder ausstellt. Bilder sind die tägliche Nahrung für die Phantasie des Kindes. Und geht es uns Großen vielleicht anders? Schmeicheln und schmuggeln sich die illusirirten Unterhaltung^ und Familienblätter nicht gerade durch ihre Bilder bei uns ein? Sobald sie in unsere Hände gelangen, durchfliegt sie unser Blick, nach Illustrationen suchend. Das alles spricht doch so laut wie deutlich dafür, daß unsere biblischen Geschichten illustrirt sein sollten. Gar oft müssen wir mit Bedauern gewahren, daß die Kleinen in den hier einschlägigen Leitfäden ihrer christlichen Kameraden naschen von der auf fremden Boden gereiften Frucht. Sollen wir sie länger darben lassen? Sollen wir länger entbehren, was nicht nur dem Kinde Freude und Genuß bringt, sondern auch die Berufsarbeit des Lehrers so außerordentlich erleichtert? Ja, der Segen würde noch weit über die Schulzeit hinaus wirken. Der Jüngling wie der gereifte Mann würde noch gern nach der biblischen Geschichte greifen, um an der Hand bildlicher Darstellungen sich rasch den Inhalt einzelner Geschichten zu veraegenwärtigen, um nochmals aufzufrischen die Eindrücke, welche aus der Jugendzeit her sich an diese Unterrichtsdisziplin knüpfen. Mir haben nun einmal den Unglauben und Jndifferentismus, die im jüdischen Bollslörper zersetzend wirken und das Interesse an unseren Geistesschätzen erstarren machen. Ich lasse es mir aber nicht nehmen, daß jene gemüthstiefen Ein drücke, welche aus dem ersten biblischen Geschichtsunter, richte herrühreu, und die durch ein illustrirtes Lehrbvcki so leicht und gern wieder wachgerufen werden, ein wirk sames Gegengewicht und Gegengift bilden gegenüber