Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1901)
- Date
- 1901-11-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1Ö24 Hoch oben in den Bergen sammeln sich die Wasser zum Gebirgsbach. Von den Klüften und Abhängen strömen ihm Elemente zu, und immer größer, immer mächtiger schwillt er an. Das Ziel ist klar: Durch die Schwerkraft fällt der Sturzbach hernieder und gelangt in's Thal, in's Thal, das von Dürre und Trockenheit seit lange, ach, so lange heimgesucht ist. Doch der Weg, den der Strom nimmt, ist nicht immer der kürzeste. Ein Theil zweigt sich ab, schlängelt sich seitwärts und verliert sich im Gestein. Manchmal scheint es, als ob der ganze Strom einen Umweg macht. Seitwärts windet er sich durch Schluchten und Klüfte hindurch. Doch bald stößt er auf unüberwindliche Hindernisse, auf mächtige Felswände. Das Wasser staut sich in gewaltiger Brandung, und der Strom tritt den Rückweg an. Dieses wiederholt sich mehrmals, bis endlich der Strom den richtigen und sicheren Weg in's Thal findet. Ebenso, meine Herren, hat der „V. I. St." in seiner Entwickelung manche Exkursionen, manche Ablenkungen gemacht. Ja, es schien manchmal, als ob der ganze Strom einen falschen Weg einschlägt. Aber endlich haben sich die wahren Tendenzen des „V. I. St." siegreich durchgerungen. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin,, unseren lieben drei Chargierten Sichel, Lebermann und Goitein, ganz besonders aber unserem lieben Präsidenten Max Sichel, für ihre aufopfernde Thätigkeit, ihr energisches Auftreten und ihre Pflicht- und zielbewußte Leitung meinen wie meiner Bundesbrüder wärmsten Dank öffentlich auszusprechen. Der Weg ist nun gebahnt und gesichert. Der „V. I. St." trägt kein Kouleur, ficht nicht mehr von Vereinswegen. Er überläßt die Vertheidigung des Judenthums mit der Waffe in der Hand anderen, und seine ganze Thätigkeit beschränkt er auf den Kampf gegen den mächtigeren Feind im Innern, gegen den Jndifferentismus, die Ünkenntniß von allem, was das Judenthum und die Judenheit betrifft. Wohl aber hat er mit großer Mehrheit beschloffen, zu turnen und den turnerischen Gedanken in weitere Kreise unseres physisch leider degenerirten Volkes zu bringen, wohl aber hat er beschlossen, einen regelrechten Geschichtskurs, neben dem bereits bestehenden umfangreichen Burschenexamen in der indischen Geschichte und Litteratur, für alle Mitglieder abzuhalten. Nur so, nur in vollem Bewußtsein als Juden sind wir gegen alle Angriffe des Antisemitismus gefeit, nur so, und nicht mit der Masse allein, können wir ihm muthig und erfolgreich entgegentreten. Der Weg ist gebahnt und gesichert. Sollte aber, was ich keineswegs glaube, der „V. I. St." dennoch auf Abwege gerathen, sollte er seine geistigen Bestrebungen aus den Augen lassen und, den Verlockungen nachgebend, sich zu einer säbelraffelnden Trutzverbindung mit der Zeit gestalten, dann, meine Herren, dann wird er sich verlieren, an den Felsblöcken zerschellen, und Andere werden kommen und seine Aufgaben übernehmen. Droben im Gebiege sammeln sich neue Wastermaffen, sie werden herniederstürzen, das alte Flußbett benützen und, mit offener Ueberlegenheit vor uns vorüberziehend, in's Thal gelangen, in's Thal, das der Befruchtung harrt. Doch nach den Erfolgen, die wir bisher erzielten, brauchen wir keinen solchen Befürchtungen Raum zu geben. Es sind Erfolge, die zum Theil unsere Erwartungen noch übertrafen. Es sind Komilitonen in den Verein eingetreten, die nichts von Judenthum, nichts von unserer Vergangenheit wußten, die sich aber mit einem Feuereifer auf das Studium unserer Geschichte warfen, regsten Antheil an den Bestrebungen des „V. I. St." nahmen und überhaupt gute Juden, ja die Freude und der Stolz des Vereins wurden. Mit froher Zuversicht schauen wir vielmehr in die Zukunft, in der festen Ueberzeugung, daß unsere Tendenzen allmählich, aber sicher den Weg zu den Herzen aller jüdischen Studenten finden und den Zusammenschluß derselben herbeiführen werden. Ein freiheitliches Volk, das die Einrichtung von stehendem Militär nicht kannte, hat sich lange einem sorglosen Leben hingegeben. Mit einemmale drohte ihm ein gewaltiger Feind, und die Kriegsposaune erscholl. Da erhoben sich begeistert die jungen Männer und füllten die Reihen der Kämpfenden. Es war das erste Aufgebot. Der Krieger Reihen lichteten sich, und der Kampf tobte noch gewaltig. Da zogen ehrwürdige Greise im Lande umher und feuerten die jungen Männer, die zurückgeblieben waren, zum Freiheitskampse an. Es war das zweite Aufgebot. Als aber der Feind neue Kräfte heranzog, und die Freiwilligen im eigenen Lager immer spärlicher wurden, da mußten die Zaghaften und Lästigen gezwungen werden, für's Vaterland zu kämpfen. Es war das dritte Aufgebot. Meine Herren! Der Zusammenschluß aller jüdischen Studenten, ihre Rückkehr zum Judenthum, ist nur noch eine Frage der Zeit. Schon tobt ringsumher gewaltig der Antisemitismus, und das erste und zweite Aufgebot reichen nicht mehr aus. Es muffen alle blühenden Kräfte herangezogen werden, und das dritte Aufgebot wird erfolgen. Aber nicht freiwillig, sondern gezwungen. Das ist der ganze Unterschied. Doch draußen auf den Schlachtfeldern hört dieser Unterschied auf, ein Jeder weiht dort seine Kräfte, sein Leben dem Vaterlande. Und^wenn unsere Ideale, unsere Bestrebungen in Erfüllung gehen, wenn der „V. I. St." alle jüdischen Studenten um seine blau-weiß-gelbe Fahne geschaart sehen wird, dann wird man auch nicht mehr von drei