Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1901)
- Date
- 1901-11-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4L. Jahrgang \ Erste Anlage zu M 88 des „Israelit." Leitender Artikel. 3ü^i|dje Studenten.*) Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit nimmt aver von Tag zu Tag ab. Von außen werden wir noch immer für einander verantwortlich gemacht, im Innern schwand und schwindet dieses Pflichtbewußtsein immer mehr. Ein großer Tbeil der Juden wollen nur Deutsche, nur Franzosen, nur Italiener u. s. w., aber keine Juden sein. Sie sind noch im Jrrthum befangen, daß Staatsbürgerthum und Judenthum sich nicht harmonisch vereinigen könne. Die Zeiten einer Rahel Lewin, einer Henriette Herz, wo dreißigtausend Juden in Berlin, die Hälfte der damaligen jüdischen Einwohner daselbst, sich fast zu gleicher Zeit wegtauften, sind Gott sei Dank nicht zurückgekehrt. Die Taufe in Massen ist schon längst unmöglich geworden. Schon längst wurde von maßgebender Stelle zu verstehen gegeben, daß man diese maskirte Invasion nicht wünsche. Aber Taufende und Abertausende sind die Fälle von einzelnen Ueberläufern, von einzelnen Verräthern am Judentbum. In Bayern allein gab es im verflossenen Jahre hundertundfllnfundsechzig getaufte Juden. Und wahrlich, es sind nicht die schlechtesten, nein, es waren und sind zum großen Therl geistig und finanziell Hochstehende, Kommerzienräthe und Professoren, die es vorzogen, ihre liebe Person in Sicherheit zu bringen, ihre Stammesgenossen in Noth und Elend zurücklassend. Diese traurigen Verhältnisse, dieser Jndifferentismus, diese Nichtachtung seiner selbst, diese bodenlose Ignoranz von allem, was Judenheit und Judenthum betrifft, herrschen am krassesten unter den jüdischen Studenten, und aus diesen Verhältnissen heraus, gegen diese ist der „V. I. St." als lebendiger, thatkräftiger Protest entstanden. Auf trübes, regnerisches Wetter folgt gewöhnlich niilder Sonnenschein, und auch in unserer Geschichte sehen wir oft aus eine Periode tiefen Verfalles eine solche von hohem Aufschwung erfolgen. Als die Hochschulen in Babylonien, von welchen das geistige Leben ein Jahrtausend lang für die gekämmte Judenheit aller Länder ausgegangen war, mit den letzten Gaonen Saadia, Serira und dessen Sohn Raw-hai für immer in Verfall geriethen, da erblühte von neuem die hebräische Poesie, da erblühten von neuem die jüdischen Wissenschaften um's Jahr 1000 in Svanien, und ein Chasdai, Jbn-Esra, Salomon ben Gabirol, Rabbi Juda Halevi, Maimonides und *) Schluß aus Nummer 84. Abarbanel brachten die jüdische Kultur zu ungeahntem Aufschwung. Als in den westlichen Ländern, besonders in Deutschland, im 16. und 16. Jahrhundert, durch die steten Verfolgungen und Metzeleien auch die geistigen Kräfte der Juden unterbunden waren, da erblühte das Talmudstudium in Polen, ein reiches Kulturleben entwickelte sich unter Schechar. Lurie, Jsserles, und die Vierländersynode von Großpolen, Kleinpolen, Preußen und Lithauen bedeutete für die Judenheit eine geistige und volkswirthschaftliche Zentrale. Auch auf den Verfall, den, wie Sie, meine Herren, gesehen haben, das Judenthum von heute in Westeuropa aufweist, scheint, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ein Aufschwung erfolgen zu wollen. Als Anzeichen hierfür sind verschiedene jüdische Organisationen in Deutschland anzusehen. Und als Anfang zu einem solchen Aufschwung innerhalb der jüdischen Akademiker ist der „V. I. St." zu betrachten. Schon der Name „V. I. St." (Verein Jüdischer Studenten) redet nach Außen und dem Innern eine deutliche Sprache, sagt schlicht und recht, was wir sind und was wir wollen. Wir wollen uns das Kriecherische, Knechtische, das uns allen noch anhaftet, abgewöhnen. Wir haben uns als Juden zusammengethan, um uns als Juden auszuleben. Wir haben uns vereinigt, um uns die Kenntniß unserer glorreichen, einzig in ihrer Art dastehenden Vergangenheit anzueignen. Wir haben uns vereinigt, .um das heutige Judenthum kennen zu lernen, alle Erscheinungen innerhalb desselben zu studiren. alle Bewegungen zu verfolgen und zu denselben Stellung zu nehmen. Wir haben uns vereinigt, um den jüdischen Funken, der in jedem Herzen unserer jüdischen Komilitonen still und verborgen noch glimmt, anzufachen und zur Licht- und Wärmespendenden Gluth zu entflammen. Wir haben uns vereinigt, um das jüdische Bewußtsein zu heben, zu beleben, um den altbewährten Gemeinsinn, die altbewährte brüderliche Solidarität zu kräftigen, zu pflegen. Nur so, nur als echte, gute Juden, sind wir im Stande, unser Los als Juden würdig zu tragen, nur so besitzen wir die moralische Kraft, getrost und zuversichtlich der Zukunft entgegenzugehen. Wir stehen also auf dem Boden des historischen Judenthums, der allen Juden gemeinsam ist, auf welchem alle jüdischen Studenten, welcher Richtung sie auch angehörcn mögen, sich einfinden können. Das sind die Tendenzen, dos ist der Geist des „V. I. St.".' Doch auch er hat eine innere Entwickelung in den drei Semestern seines Bestehens durchgemacht. Das Ziel lag klar vor Augen, nur über den Weg war man sich nicht ganz einig.