Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-11-04 · Heft 87 (4.11.1901) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 87 (4.11.1901)
Date
1901-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449228--54585-2505297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1896 Diese Bedenken sind nicht „etwa" und nicht „hier und da," sondern sie sind in den früheren Besprechungen recht klipp und klar und mit einer Entschiedenheit zum Ausdruck gekommen, die nichts zu wünschen übrig ließ. Es sei nur an die Gemeinde von Frankfurt a. M. erinnert, die sich nicht darauf beschränkte, gegen diese Mischmasch-Bestrebungen zu protestiren, sondern deren Delegirter auch ausdrücklich verlangte, daß diese gegensätzliche Stellung der Frankfurter Gemeinde protokollirt werde. Es ist nun allerdings nicht zu erwarten, daß die Argumente für die Noibwendigkeit einer solchen Organisation, welche der vorliegende Aufruf wiederholt und neu aufwärmt, geeignet sind, die bestehenden Bedenken zu entkräften, die bisherige ablehnende Haltung zu beseitigen und gar einen Anschluß an diese Berliner Machenschaften zu bewirken. Durch bloße schön gedrechselte Floskeln läßt sich — selbst wenn sie nicht von Berlin ausgehen — heute kein Thier vom Ofen weglocken. Auch die jüdischen Männer, Vereine und Gemeinden glauben, wenn sie Worte hören, es müste sich dabei doch auch was denken lassen. Was sollen sie aber um Himmelswillen dabei denken, wenn ihnen hier gesagt wird: „Eine solche Gesammtorganisation ist im Interesse der Gesammtheit dringend geboten. Nicht bloß die Noth der Zeit, sondern die natürlichste Fortentwickelung aller geistigen Institutionen verlangt, daß alle Kräfte im Judenthum zusammengefaßt werden, damit dasselbe seinen Bestand wahren und stärke, seine Mission erfüll e." WaS beißt Judentbum? Was heißt Judenheit? Was ist die Mission des Judenthnms? So lange man uns nicht glauben macht, die Judenheit bestehe vorzüglich aus Referendaren und Assessoren, die gerne zu Richtern avaneiren, und aus außerordentlichen Professoren, die gerne zu ordentlichen aufrücken inöchten, so lange wird man sich der geschichtlichen Thatsache nicht widerseben können, daß das Judenthum in erster und letzter Reihe doch eine ganz spezifisch religiöse Institution ist. daß das Judenthum als das religiöse Bekenntniß der Judenheit gilt, daß somit eine Mission des Judentbums oder der Judenheit lediglich auf reliaiösem Gebiete liegen muß. Wie kann inan dann aber das Wort: „Million des Judentbums" auch nur in, Munde führen, wenn man alles Reliaiöse statutarisch aus dieser ganzen Organisation ausschlieben will, wenn man in demselben Aufruf wörtlich sagt: „Fragen de? Kultus und des Ritus sollen seiner l Konipetenz ikberbauvt entzogen sein: grundlos ist die j Befürchtung, daß sich im Laufe der Zeiten ein Kirchenregimesit entwickeln konnte, welches die Strenggläubigen durch llreigerstigck Anschauungen oder die freiere Richtung durch den Geist starrer Rechtgläubigkeit bedrücken I könnte. Daß aber in Zukunft die Komveterw des Ge-! sammtverbandes auf religiöse, kulturelle Fragen ausgedehnt werde, kann durch Bestimmungen der Satzungen dauernd und wirksam verhindert werden.?" Das verstehe wer will! Es kann diesem Widersinn, dieser Jgnorirung der simpelsten geschichtlichen Thatsachen, dieser ofsenkundigen Verkennung und Verleugnung des Judenthums gegenüber nicht oft und entschieden genug betont werden: Das einzige Kriterium der Judenheit ist ihr Bekenntniß des Judenkhums. Eine Judenheit, die sich nicht zum Judenthum bekennt, ist keine Judenheit mehr. Das Judenthuln ist nichts anderes, als das “rs m als das mosaische und das jüdische Religionsgesetz. Dieses Gesetz zu erfüllen, ist die Mistion der Judenheit und jedes einzelnen Juden. Für diese Mistion und ausschließlich für sie — sind die jüdischen Gemeinden gegründet. Eine jüdische Gemeinde, die nv'ü m jvrm nicht achtei, nicht das jüdische Gesetz hochhält, es nicht lehrt und ihren Gliedern zum ewigen, unverlierbaren Eigenrhum macht, die es statt desten ignorirt, und verächtlich mit Füßen tritt, eine solche jüdische Gemeinde hat ihren Beruf verscherzt, hat ihre Mistion verfehlt, hat aufgehört, das Kriterium einer jüdischen Gemeinde zu besitzen, ist also keine jüdische Gemeinde mehr. Wenn nun jüdische Gemeinden zu einem Bunde zusammentreten, so erfährt diese Verkennung und Verleugnung noch eine Steigerung, wenn derselbe, wie das beim Deutsch-Israelitischen Gemeindebund der Fall ist, erklärt, daß er alle religiöse, kulturelle und rituelle Anliegen definitiv ausschließt. Seinen Gipfelpunkt aber erreicht dieses unbegreifliche Gebühren, wenn dieser Bund mit anderen Vereinen. sich zu einer großen, gemeinsamen Organisation verbinden möchte, ebenfalls alle jüdisch-religiösen Anliegen ansschließt und trotzdem von einer durch ihn zu fördernden Mission des Judenthums spricht. Man muß sich die Undenkbarteit, Unmöglichkeit und Widersinnigkeit dieser Mischmasch-Bestrebungen doch einmal an irgend einem trivialen, konkreten, aus dem Leben gegriffenen Falle vergegenwärtigen. Das älteste Heiligthum der Menschheit ist der von Gott eingesetzte Sabbat. Ich weiß nicht, ob der Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens den Dekalog mit dein Gebot der Heilighaltung des Sabbat zun: eisernen Bestand des Judenthums zählt. Der Gründer und intellektuelle Urheber sagt in einer Broschüre, welche den Anlaß zur Gründung dieses Vereins gab: „Unser Glaube und unsere Moral beruht nicht ans den Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern auf den Anschauungen, die lvir einer modernen nationalen Erziehung verdanken." Unser vorliegender Aufruf sagt: „Die alte Zeit mit ihren Anschauungen, Errungenschaften und Mängeln ist dahin." Für uns ist nun die alte Zeit mit ihren Errungenschaften nicht dahin, sondern wir wurzeln mit jeber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.