Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 87 (4.11.1901)
- Date
- 1901-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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42.*Jahrgang. M 87. Gentvat-Hrgan für das orlhodoXe Iudenthum. Begründet von Dr. in IMtaini. Montag, den 4« Modem der 5662 (1901), Leitender Artikel. 3m Zeichen des Mischmasch. Berlin, 1. November. Der Sommerschlaf unserer Herren Vereinsmeier ist vorüber. Sie haben soeben ihr glücklich erfolgtes Erwachen durch ein Rundschreiben konstatirt, welches „Die Gesa mmtorganisation der deuts che n Juden" wieder einmal in die Wege leiten will. Ich habe dieses Ereigniß in meinem jüngsten Brief vor genau sieben Monaten vorausgesagt.*) Aber da dies gerade am ersten April war, mögen es Viele für einen Aprilscherz gehalten haben. Welch' ein Glück rst es doch, daß der Winterschlaf an der Riviera noch nicht so populär ist, wie die Vertrödlung des Sommers in Bädern und Sommerfrischen, sonst könnte die Gesammtorganisation der Judenthums nicht einmal durch die papierene That eines Aufrufes in die Wege geleitet werden! Aufrufe dieses Genres sind so ungefähr dasselbe, was das Ausreiben der Augen nach einem gesunden, kräftigen Schlummer bedeutet. Die Erinnerung und Besinnung fnnktionirt in diesen ersten Augenblicken des Erwachens noch nicht so normal, wie sonst. Manchmal entschlüpft auch ein sonst sorgfältig unterdrückter Laut dem Gehege noch halb verschlafener Lippen. Es ist daher oft recht instruktiv, diesem ersten Wieder-Erwachen unserer Sommer-Politiker vor dem Beginn der Winter-Campagne einige aufmerksame Augenblicke zu widmen. Als treibendes Element dieser Gesammtorganisation der deutschen Juden erscheint immer wieder der Verein mit dem langen Namen: der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." *) Bergt. Berliner Brief in Nummer 28/29 dsS. I. Für diese Herren gibt es, wie der Name ihres Vereins lehrt, keine Juden in Deutschland. Sie sind deutsche Staatsbürger, deren hintanhängender Zopf ihr jüdischer Glaube ist. Gibt es aber keine deutschen Juden, so kann es auch keine Gesammtorganisotion der deutschen Juden geben und noch weniger kann* man sie in die Wege leiten. Der erste Paragraph jeder von dieser Seite ausgehenden Organisation müßte torrekterweise die Menschrefp. Bürgerwerdung der deutschen Juden zum Gegenstand haben. Um sich nicht in allzu große geistige Unkosten zu stürzen, kann man einzelne Sätze des vorliegenden Aufrufes ganz gut zur Begründung und Fasiung eines solchen Fundamentalstatuts verwerthen. Zum Beispiel: 8 1. „Die alte Zeit mit ihren Anschauungen, Errungenschaften und Mängeln ist dahin. Der Einzelne muß der Gesammtheit Opfer bringen." Zu diesen Rückständigkeiten aus der alten Zeit gehört die fixe Idee, daß die Juden Juden seien. Sie sind von jetzt ab, nach dem Vorbild ihrer Berliner Organisatoren, lediglich Staatsbürger, mit jüdischem Glauben, jüdischen Namen, jüdischen Nasen und anderen Gebresten der alten Zeit. Der neueste Ausruf erinnert zunächst an die Beschlüffe, Versammlungen und Berathungen von früher. Der Ausschuß, welcher hier die Juden Deutschlands aufruft, sich als deutsch-jüdische Staatsbürger zu organisiren, setzt sich aus ganzen fünf Herren zusammen. Auch Delegirte der bestehenden größeren Vereine und Gemeinden sollen zugezogen werden, aber selbstredend nur insoweit, daß sie von der geplanten Organisation etwas wissen wollen. Einstweilen ist, wie uns der Aufruf mittheilt, der Anschluß der Organisationen erst noch zu erstreben, die sich bis jetzt nicht erklärt und ablehnend verhalten haben. Auch die Bedenken sind noch zu zerstreuen, „die," wie der vorliegende Aufruf vorsichtig sagt, „etwa hier und da noch gegen eine Gesammtorganisation bestehen."