Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1901)
- Date
- 1901-10-31
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18881" Aettmrg-nachrichterr ««d Eorresponde«re«. Deutschland. Mainz, 28. Okt. Bezüglich der „Statusguo-Bewegung in Ungarn" werden wir ersucht, mitzutheilen, daß theils persönliche Hindernisse, vorzüglich aber die politischen Berhältniffe es mit sich brachten, daß die Thätigkeit der in dieser Angelegenheit entsendeten Kommission unterbrochen ivurde. Sobald es Zeit und Umstände erlauben, ioerden die leitenden Männer sich lvieder zur Konsolidirung verständigen. 4Ius Süddcntschland. (Die Gesammt - Organisation der d e u t sch e n Juden.) Es ist ein Freitag, ein herbstlicher Freitag Vormittag. Im Ofen prasselt das Feuer, draußen heult der Sturm. Bilder vergangener Tage erinnere ich mich. Da steht sie vor mir mit ihrem Schalettopf unter dem Arm, mit ihrem Häubchen auf dem Kopf, die Großmutter. Da sehe ich das Mütterchen mit ihrer Barchesschüssel lind der Schabbeslugel, die allesammt in den Gemeindeofen wandern müssen. Da höre ich den Großvater, wie er eben seine Sidra durchlieft und nach einer neuen Nigen zum Zur mischelau sucht. Sie sind nicht mehr. Draußen aus dem Bes olam schlafen sie den süßesten Schlaf. Sie weilen nicht mehr bei uns, die treuen Juden; mit ihnen starb jüdischer Geist, jüdisches Leben. Es tlopft. Der Postbote tritt herein, einen doppelten Brief mir überreichend. Es ist das Rundschreiben eines aus fünf Residenzherren bestehenden Komitee's, das sich an die Gemeinde wendet und um Zustimmung zur Schaffung einer Organisation der deutschen Juden bittet. Die Herren wenden sich an sämmtliche Judengemeinden Deutschlands, auch an die Landgemeinden mit einem Rundschreiben, das zu verstehen einem Landbewohner geradezu unmöglich sein muß. Die Schrift enthält Sätze, zu deren Verständniß zum allermindesten akademische Bildung vorausgesetzt werden muß. Daß jene Herren nicht zum deutschen Sprachverein gehören, erhell: daraus, daß in jener Schrift nicht weniger als neun Fremdwörter Aufnahme gefunden haben. Item — Wollt ihr uns, so lasset euch zu uns herab! — Run zur Sache. Was wollen die Herren? Eine Gesammtvereinigung der deutschen Juden, die sich um rituelle Fragen n i e kümmern wird. Ein schönes Versprechen! Aber wie ist dies anders möglich? Die Herren Residenzler werden sich doch nicht selbst den Weg zu den egyptischen Fleischtöpfen abschneiden? Was geht uns koscher und trese an, was kümmert uns das jüdische Leben, wenn nur ganz Israel vereinigt ist. Ihr.wollt das jüdische Volt auf Kosten des jüdischen Glaubens beglücken! Ihr wollt jüdischen Geist und jüdisches Leben preisgeben, um dem Antisemitisuius zu steuern!? Thatsächlich helfet Ihr den Gegnern des Judenthums, Ihr Volksbeglücker , die Ihr Euch schämt, auf Euren Adresien das Wort „Juden" zu gebrauchen. Weatem hadwelim badoschem eloechenr! Hänget Gott an. Helfet dem Judenthum, dem Judenthum, dessen Stolz in de-r Befolgung der Gottesgebote zu suchen ist, dessen Krone das Familienleben, dessen Perle die toras mosche ist! Machet nie aus der erhabenen jüdischen Religion einen profanen Jsraeliten- Verein mit dem Sitz in der deutschen Reichshauptstadt. Vereine fehlen uns nicht — Israeliten haben wir in Massen — uns fehlen Juden; und erst wenn wir Alle, auch die in Berlin, uns als Juden zeigen, erst dann wird unsere t h a t s ä ch l i ch e Gleichberechtigung errungen sein. M. Bin h. Oesterreich. Wien. (Was der Staatsanwalt nicht k o n f i s c i r t.) In einer der jüngsten Nummern der „Unverfälschten deutschen Worte" erschien ein Artikel, in welchem der jüdische Gottesbegriff in geradezu unerhörter Weise verhöhnt und gelästert wurde. Der Wiener Staatsanwalt hat diesen Artikel wohl konfiszirt, aber nur in jenen Stellen, wo die auch den Christen gemeinsamen zehn Gebote verhöhnt wurden. Die Beschimpfung des „Judengottes" blieb unbeanstandet. Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" hat gegen diese merkwürdige Differenzirung zwischen den religiösen Empfindungen der Juden und Christen beim Justizminister mündlich energische Beschwerde erhoben und hofft nach den in der betreffenden Unterredung gefallenen Aeußerungen Seiner Ercellenz, daß die Wiener Staatsanwaltschaft über ihre Pflicht, auch der jüdischen Religion den gesetzlichen Schutz zu Theil werden zu lassen, gründlich belehrt werden wird. Aber auch außerhalb Wiens ist eine solche Belehrung dringend erforderlich, wie folgender Fall beweist: In der „Linzer Montagspost" erschien ein Artikel, in welchem nicht nur Zehn jüdische Geschäftsleute be schimpft und verleumdet wurden, sondern worin auch Len jüdischen Kaufleuten von Linz eine spezifisch „jüdische Geschästsmache," ferner Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht und Unverschämtheit gegenüber dem^ Publikum und den Konkurrenten nachgesagt wird, sie werden auch mit den Worten „Judensrechlinge" beschimpft und als Gesetzesübertreter verleumdet. Die betreffenden Geschäftsleute haben nun durch die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" dem Justizminister eine Beschwerde, die auch vom Vorstände der Israelitischen Kultusgemeinde Linz unterfertigt wurde, überreichen lassen, in welcher es heißt: „Wir erheben Beschwerde darüber, daß die k. k. Staatsanwaltschaft Linz solche Verhetzungen duldet, ohne dagegen die gesetzlichen Bestimmungen über das objektive Verfahren anzuwenden. Wenn schon die k. k. Staatsbehörde von der subjektiven Verfolgung eines durch die Presse begangenen Deliktes, vielleicht in Be-