Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1901)
- Date
- 1901-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1872 den Trunk, den moralischen Halt, der sie in den Stürmen des Lebens aufrecht hielt und stützte. Ist dies jenen Mitgliedern des Komitees, die in verschwindend kleiner Anzahl als die Vertreter des strenggläubigen Theils der deutschen Juden diesem angehören und demselben den frommen Anstrich leihen sollen, nicht klar geworden? Wir fragen aber weiter, — kann auch der andere, der weniger religiös denkende Theil der deutschen Juden, bei denen gerade die religiöse Seite der Frage nicht so schwer in's Gewicht fällt, ein Jntereffe daran haben, dem neuen Verein sein Vertrauen und sein Geld entgegenzubringen? An und für sich wäre es ja gleichgiltig, wenn in der heutigen Zeit, da Vereine wie die Pilze aus der Erde emporschießen, ein Verein mehr sich aufthut; aber ein Verein wie der angedeutete, der im Leben der deutschen und östlichen Juden eine so große Rolle spielen will und zur Ausführung seines Programms an die Ovferwilligkeit der deutschen Juden ganz bedeutende Anforderungen stellt, muß erst beweisen, daß er unbedingt nöthig ist, daß er in der That einem Bedürfnisse entspricht. Wir fragen darum, besteht ein Erforderniß, ist ein Bedürfniß gegeben für die Begründung des neuen Vereins? Bis jetzt ist dieses Bedürfniß weder empfunden noch nachgewiesen worden. Mit Combinationen, der Aufstellung eines Programms und schönen Reden ist nicht viel bewiesen, noch weniger etwas genutzt. Ja, es ist noch recht zweifelhaft, ob der neue Verein geeignet ist, auch in wirthschaftlicher Beziehung Vortheile denjenigen zu bringen, für die er bestimmt ist. Es liegt offenbar kein Bedürfniß für den neuen Verein vor. Denn das, was der deutsche Hilfsverein in wirthschaftlicher Hinsicht — die deutsche Bildung ist ihm ja nur Mittel zu diesem Zweck — als sein Hauptprogramm bezeichnet, ist bereits längst eine der vorzüglichsten, wenn nicht die vorzüglichste Aufgabe der „Alliance israelite." Mag man auch über die religiöserzieherische Thätigkeit der „Alliance israelite" denken, wie man will, so müssen wir doch anerkennen, daß sie während der Zeit ihres Bestehens im Interesse unserer verfolgten und bedrückten Glaubensgenossen eine Thätigkeit entfaltet hat, die zur Hebung ihrer sozial-wirthschaftlichen Lage, zumal gerade in den in Frage kommenden Landstrichen gar viel beigetragen hat. Dies zu leisten, war der „Alliance" aber nur dadurch möglich, daß ihre Organisation gewissermaßen die Juden der ganzen Welt als Mitglieder umfaßte, daß ihr aus der ganzen Welt reiche Mittel zuflossen. Es ist aber sicher, daß der deutsche Hilfsverein der „Alliance israelite" in Deutschland viele Mitglieder und damit viele Mittel entziehen und so ihre Thätigkeit beschränken wird. Soll wirklich in dieses festgefügte Gebäude, das Cremieux mit heißem Bemühen zur Ehr und Wehr der Judenheit geschaffen, von den deutschen Juden Bresche gelegt, soll diese imponirende Körperschaft, welche von unseren Feinden gefürchtet und darum so sehr befehdet wird, geschwächt werden? Ja, wenn erst ein Stück von einem Bau sich loslöst, dann folgt ein anderes schnell nach. Aus all' den Betheuerungen und Entschuldigungen des deutschen Hilfsvereins, daß er der Alliance keinen Abbruch thun wolle, spricht doch das Bewußtsein, daß dies wohl der Fall sein werde, daß der Hilfsverein wohl die „Alliance" in Deutschland ablösen solle und wolle. Dieses Gefühl wird in weiten Kreisen, nicht zum allerwenigsten in der Mitte des Zentralkomitees der „Alliance israelite", stark empfunden und zum Ausdrucke gebracht, mag auch das eine oder andere Mitglied der Fahne der „Alliance" untreu geworden sein. Und warum dieser Gegensatz zur „Alliance"? Wenn man der Sache näher auf den Grund geht, so kann man sich der Annahme nicht verschließen, daß bei der Begründung des „Hilfsvereins deutscher Juden" Sonderinteressen sich geltend machten, die mehr das politische Gebiet streifen. Ist es nicht ein Sonderinteresse, wenn der neue Verein — und mag er dies auch als Mittel züm Zweck betrachten — deutsche Sprache und deutsche Kultur unter den Juden des Ostens, Kleinasiens, verbreiten will? Wohl sind wir und sollen wir Juden treue, hingebende Bürger des Staates sein, dem wir angehören, wohl sollen wir als Deutsche auch deutsch denken und fühlen, und uns an den Werken deutscher Kultur und Gesittung in redlichem Wettstreit betheiligen. Seit wann aber sind wir die Pioniere, die deutsche Kultur in entfernte Gegenden Kleinasiens bringen, um sie unter den dortigen Glaubensgenossen zu verbreiten? Wenn noch wenigstens der dadurch beabsichtigte Zweck erreicht würde, die Juden jener Gegenden in nähere Handelsbeziehungen zu Deutschland zu bringen und so ihre volkswirthschaftliche Lage zu bessern! Bei der Art und Weise, wie die Verhältnisse und der Handel in Kleinasien liegen, ist dies aber sehr fraglich. Der Haupthandel Kleinasiens spielt sich an der Küste ab; hier wird von den großen Hafenstädten aus ein schwunghafter Ausfuhrhandel betrieben. Dieser ruht aber, neben Griechen und Armeniern, vorzüglich in den Händen der Juden, welche auch deßhalb am dichtesten an der Küste in den Hafenstädten — Smyrna allein zählt 26,000 Juden — wohnen. Heutzutage besteht unter den verschiedensten, selbst fremdsprachlichen Nationen, ein so inniger kommerzieller Verkehr, daß es in der That sehr fraglich ist, ob das von dem Hilfsverein proklamirte Mittel geeigq net ist, ihn noch reger zu gestalten. Sind auch nationale sprachliche Unterschiede für den Ausfuhrhandel ohne Belang, so ist doch anderseits nicht zu verkennen, daß sie inmitten der verschiedenartigen Vevölkerungsklassen desselben Landes keineswegs der Förderung gegenseitiger Interessen zuträglich sind. An und für sich bildet in jenen Gegenden die Bevölkerung ein buntes Gemisch der verschiedensten Rationalitäten und Konfessionen; trennende nationale und religiöse Unterschiede treten darum oft scharf hervor. Durch die