Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1901)
- Date
- 1901-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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42.* Jahrgang. M 8«. Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. ft^mnnn in tttatuf. Donnerstag, den 31. Oktober 5662 (1901). Leitender Artikel. Der Hilfsverein deutscher IZuden. Es ist noch nicht allzulange her, daß die Oesfentlichkeit durch die Nachricht von der Begründung eines Hilfsvereins deutscher Juden überrascht wurde. Man weiß, daß die Anregung und die Bewegung in dieser Frage von Berlin ausging. Welche politische Einflüsse sich hier geltend machten, um diesen halb wirthschaftlichen, halb politischen Verein in's Leben zu rufen, entzieht sich unserer Beurtheilung. Jedenfalls hat Berlin als Entgelt für seine Idee und Mühewaltung das erreicht, daß für das Komitee, welches seine Mitglieder — freilich mit Umgehung vieler großer Gemeinden —■ aus ganz Deutschland bezog, mehr als ein Drittel aller Mitglieder aus der Reichshauptstadt entnommen ist. Fast sieht es so aus, als sehne sich Berlin nach den vergangenen ruhmreichen Zeiten, in welchen es eine dominirende Stellung in der deutschen Judenheit einnahm, als »volle es den erloschenen Glanz wieder Herstellen. Die Mittel hierzu soll anstatt des mißlungenen Judentages jetzt der Hilfsverein deutscher Juden bieten. Das Komitee ist, wie wir wissen, bereits mit einem fertigen Programm auf den Plan getreten. Die Vorarbeiten hatten sich so geräuschlos vollzogen, daß die Botschaft von der bereits erfolgten Begründung des neuen Vereins in der That für die weitesten Kreise eine Ueberraschung war. Ebenso geräuschlos, ja fast geheimnißvoll, werden jetzt die Schlußarbeiten, die Anstalten zu den Geldsammlungen getroffen, um mit einer vollendeten Tbatsache vor das Publikum zu treten und desto sicherer die Werbetrommel rühren zu können. Unterdeß haben sich die jüdischen Blätter des Gegenstandes bemächtigt und ihn nach den verschiedensten Gesichtspunkten beleuchtet. Wenn wir die Urtheile dieser Blätter noch einmal kurz zusammenfasfen, so geht zur Evidenz hervor, daß nur sehr wenige von ihnen sich zu beredten Verfechtern des neuen Vereins machen; die meisten unter ihnen nehmen eine abwartend kühle oder gar-scharf oppositionelle Haltung ein. Am entschiedensten hat wohl der „Israelit" diesen oppositionellen Standpunkt geltend gemacht, indem er in ebenso ernster wie überzeugender Weise den Nachweis lieferte, daß das ganze Programm des Hilfsvereins, die Zusammensetzung des Komitees, die Vorgänge in der konstituirendenVersammlung danach angethan sind, dem religiösen Theil der deutschen Juden Mißtrauen gegen den Verein einzuflößen und ihn von einer Betheiligung an den Interessen desselben abzuhalten. Wie kann man einem Verein, der es sich zur Aufgabe macht, die intellektuelle Entwickelung der im Osten, in Asien lebenden Juden im Interesse ihrer wirtschaftlichen Lage zu fördern und es doch ängstlich meidet, in seinem Programm auch religiös-sittliche Tendenzen zu vertreten oder gar zu erwähnen, Vertrauen und Interesse entgegenzubringen? Wie will man die Juden jener Landstriche aus ein höheres geistiges Niveau heben, wie will man ein gedeihliches, erzieherisches Resultat erzielen, wenn die religiöse Seite ihres Lebens bei der ganzen Erziehung völlig unberücksichtigt bleibt? Wer das Wesen der Juden in jenen Landstrichen kennt, der weiß, daß bei ihnen die Religion den ganzen Lebensinhalt bildet, daß bei ihnen Religion und Bildung so innig verknüpft sind, daß man sie von einander nicht gut trennen kann. Wird aber ihrer Bildung plötzlich eine andere Richtung gegeben, wird sie gar von der Religion losgetrennt, dann muß in ihren Lebens-Anschauungen Verwirrung eintreten und naturgemäß der religiöse Sinn nothleiden; die Folge davon ist, daß dann die Religion — wie man es bei den östlichen Juden, die von der Bildung ihrer westlichen Nachbarn kosten, so häufig antrifft — ganz über Bord geworfen wird. Reicht also der neue Verein jenen Juden das trockene Brod der Bildung — hier Der deutschen Bil düng — so nimmt er ihnen die Religion, den beleben-