Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-10-28 · Heft 85 (28.10.1901) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 85 (28.10.1901)
Date
1901-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449226--54544-2505254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^’JLfliiw, '"-»vw» 1865 Und gleichwohl gibt es Juden in Wien, die auf ein förmliches Bündniß mit den Deutsch-Nationalen hinarbeiten. Dieses Bündniß wäre allerdings einseitig, denn die Deutch-Nationalen würden sich im Kampfe mit ihren klerikalen Widersachern, trotz ihres „Judenekels", die Hilfe der Juden sehr wohl gefallen lassen, nm uns bei der ersten besten Gelegenheit in den Rücken zu fallen. Die Verfechter dieser Richtung sind ein Häuflein radikaler Zeitungsschreiber, die großen Lärm;',ii machen verstehen und denen leider ein Theil der Juden blinden Glauben schenkt, weil sie noch nicht gelernt haben, die tönende Phrase zu wiirdigen und zu wißen, daß dahinter ein Nichts sich verbirgt. Die radikalen Journalisten jüdischer Abstammung, denen ihr Judenthum nichts ist, die inan am besten in politischer Beziehung obdachlos nennen kann, da sie von der Partei, für die sie direkt oder indrirekt Stimmung machen, nicht anerkannt werden, fröhnen ihren radikalen Gelüsten, weil sie nichts zu verlieren haben. Da ihnen die Interessen der Juden und des Judenthums nicht am Herzen liegen, und sie sonst von keiner Partei ausgenommen, so fühlen sie sich naturgemäß auf den Weg des ertremsten Radikalismus gedrängt. Und mit den aus dem radikalen Arsenal entliehenen Schlagworten werfen sie um sich herum, und erwecken so den Glauben, als ob es im Interesse des „Fortschrittes" gelegen wäre, daß der deutsche Nationalismus über den Klerikalismns obsiege. Und da die Schlagworte vom „Fortschritt" und von der „Reaktion" aus die Gemüther unserer Glaubensgenossen noch immer einigen Zauber ausüben, so besteht die ernstliche Gefahr, daß die Wiener Juden sich in's Lager des Radikalismus drängen lassen, wodurch sie sich in einen fatalen Gegensatz zur Dynastie und zum österreichischen Gedanken bringen und auf sich und die Juden der ganzen Monarchie ungeheures Unheil herabbeschwören könnten. Der Antisemitismus hat sich jetzt erkühnt, die Art an den Stamm unserer Religion zu legen, und die Agitation gegen die Schächtfrage eingeleitet. Nur die konservativen und die staatserhaltenden Elemente werden uns im Kampfe beistehen, vom Radikalismus haben wir viel zu befürchten, aber nichts zu erwarten. Die radikalen Zeitungsschreiber haben für derlei Fragen kein Interesse, daher muß man laut die Stimme erheben, um vor ihren lockenden Phrasen die Masse unseres Volkes zu warnen. Zertrtttgsnacheichtett und lrorrefpondenzerr. Deutschland. Berlin. Die Wochenschrift „Deutscher Schlachtviehverkehr" schreibt über die Schächtfrage: „So fern uns auch der rituelle Theil der Frage liegt, der manche Gemüther erhitzt, denen die angeblich > Humanitären Bestrebungen mitunter nur zum Deckmantel für den Antisemitismus dienen, so möchten wir doch feststellen, daß die Militärkonservenfabriken in Mainz und Haselhorst die Rinder, auch Armour und andere Chicagoer Großschlächter Schweine und Schafe schächten lassen, weil bei keiner anderen Schlachtmethode ein so schnelles und vollständiges Ausbluten zu erreichen ist. Es ist das aber eine wesentliche Bedingung für die Haltbarkeit des Fleisches und für seine Verwendung zu Fleisch in Conserven. Jedem Sachverständigen ist die Thatsache bekannt, daß das Fleisch von Thieren, welche geschlachtet wurden, kurz nachdem sie größere körperliche Anstrengungen hatten, sich schlecht hält und eher in Fäulniß übergeht, als das Fleisch ausgeruhter Thiere. Es rührt dies von dem großen Zufluß an Blut in die Muskeln bei starker Bewegung her, das beim Schlachten nicht vollständig wieder austritt. Daß das Schächten demnach, wegen des vollkommeneren Ausblutens bei dieser Schlachtmethode, günstig auf die Haltbarkeit des Fleisches einwirlt, läßt sich nicht bestreiten. Daß es für die Thiere schmerzhafter als das Schlagen wirkt, ist in keiner Weise weder wahrscheinlich gemacht, noch viel weniger erwiesen, man müßte denn fälschlicher Weise die Reflexbewegungen, welche dem Tode vorangehen, als Schmerzenszeichen deuten wollen. Neben dieser Sachlage muß aber noch hervorgehoben werden, daß allgemein sanitäre Verwaltungsfragen, welche gleichen Bedingungen im deutschen Reiche unterliegen, nur mißbräuchlich zur Entscheidung durch die Behörden kleinerer Städte gebracht werden können." Frankfurt a. M 27. Okt. In der Notiz Ihres geschätzten Blattes betr. die Anstellung des Herrn Rabbiners Dr. Seligmann heißt es auch, baß dieser die Leitung der „Gemeindereligionsschule" übernehmen solle. Solche gibt es aber hier nicht. Die „Israelit. Neligionsschule' im Ost- und im Westend steht unter Leitung des Herrn Rabb. Dr. Horovitz: sie ist ein Verein mit Korporationsrechten. Ferner existirt noch eine vom Verein für freisinniges jüd. Gemeindeleben gegründete sog. Religionsschule, die Herrn Rabbiner Dr. Plaut untersteht. — An Stelle des beurlaubten Herrn Rabbiner Dr. Horovitz ist dessen Sohn, Rabbinatskandidat Dr. Jakob Horovitz, von dem Vorstande der Jsr. Gemeinde, im Einverständniß mit den Mitgliedern der (orthodoxen) Ritualkommission, mit den rabbinischen Funktionen betraut worden. Derselbe hat am Freitag Abend die jüdischen Rekruten, die etwa fünfzig an der Zahl, mit zwei Offizieren, in der Gemeindesynagoge am Börneplatz erschienen waren, in trefflicher Rede auf die Eidesleistung vorbereitet. — An der Israelitischen Religionsschule sind die Herren Dr. Höxter und Dr. H o f f m a n n (aus Berlin) angestellt worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.