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Der Israelit · 1901-10-28 · Heft 85 (28.10.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 85 (28.10.1901)
Date
1901-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1864 Mit giftigem Hohn wird diese Mißgeburt von einer Partei von Seilen der Sozialdemokraten überschüttet, von welchen ihre Anhänger „Sozialpolitiker" genannt werden. Die Sozialdemokratie war und ist bisweilen noch immer ein starkes Bollwerk und sogar ein erfolgreicher Sturmbock wider den Antisemitismus beiderlei Observanz. Es besteht natürlich keinerlei — sagen wir: Gefahr, daß die Sozialdemokratie zur Herrschaft gelange und an die Umwälzung unserer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung schreite. Das sind Schreckblider, mit denen man alte Weiber scheucht. Mittlerweile jedoch leistet die Sozialdemokratie als Betämpferin der extremsten, freiheitlichen Auswüchse gute Dienste. Es versteht sich, daß es nur schädliche und gefährliche politische Prüderie wäre, wenn die Juden es unterlaßen sollten, sobald es gilt, der Sozialdemokratie zum Sieg über ihre Todfeinde zu verhelfen. Doch bedarf es nicht erst der ausdrücklichen Betonung, daß weder das ökonomische, noch das politische Programm der Sozialdemokratie, noch die Weltanschauung, auf der sie sich aufbaut, geeignet ist, daß wir Juden sie uns zu eigen machen. Daß in der Partei einige mehr oder minder gründlich getaufte Juden eine Rolle spielen — und uns bei jeder Gelegenheit von den Antisemiten an den Kopf geworfen werden — ändert an der Sache nichts. Bleiben im Grunde nur die beiden antisemitischen großen Parteien, die in ganz Deutsch-Oesterreich um die Herrschaft ringen und deren Kampf in der Hauptstadt die schärfsten und rücksichtslosesten Formen annimmt. Aus dieser Sachlage ergibt sich auf das Genaueste die Richtung des Verhaltens. Die Frage ist nicht: Welcher Partei sollen wir uns anschließen? — sondern: Wo ist das kleinere Uebel? Scheinbar bliebe uns nichts anderes übrig, als uns vollständig vom politischen Leben zurückzuziehen. Da wir zu wenig zahlreich sind, um selber eine politische Partei zu bilden und keine von den bestehenden so beschaffen ist, daß man sich ihr voll und ganz, mit rückhaltlosem Vertrauen, anschlietzen konnte, so wäre wohl das natürlichste, die Politik einstweilen ganz zu lassen. Doch da dies nun einmal ganz unmöglich ist, so geziemt es wenigstens, so wenig vorlaut als möglich zu sein. Je weniger wir uns in das Parteigetriebe hineinwagen, je weniger wir das Wort ergreifen und den Parteihader schüren, desto bester für uns. Wir haben wahrscheinlich im eigenen Kreise, am eigenen Herde hinreichend zu tbun, als uns um Dinge zu bekümmern, die uns schließlich nicht unmittelbar angehen und auf die wir im Grunde keinen bestimmenden Einfluß haben können. Das Resultat all' unseres Lärmmachens ist schließlich kein anderes, als daß wir das größte Odium auf uns ziehen und im besten Falle die Kastanien — für Andere aus dem Feuer holen. So oft wir aber in der Ausübung unserer unveräußerlichen politischen Rechte eine Wahl zu treffen haben, unterliegt es für uns nicht dem geringsten Zweifel, auf welcher Seite für uns das größere und auf welcher das kleinere Uebel ist. Die Verhältnisse haben sich derart gestaltet, daß der deutsch-nationale Aitisemitismus einen antiösterreichischen und anti-dynastischen Charakter angenommen hat. Es ist kein Zweifel mehr, daß die deutschnationale Agitation nuf die Zertrümmerung Oesterreichs hinarbeitet und gegen die Dynastie gerichtete Bestrebungen verfolgt. Dieser Umstand kam den klerikalen Antisemiten sehr zu Gute, da diese, die deutschnationale Agitation perhorrescirend — unwillkürlich möchte man sagen — der Dynastie und dem Staat einen Dienst leisten. Es sind ja wahrlich traurige Zeiten, da das alte Oesterreich der Hilfe und des Schutzes des Lueger und seiner Freunde bedarf, um seinen Bestand zu sichern. Aber das ist nun einmal wirklich so. Das fühlt ein Jeder in Oesterreich, und das hat auch seinen Ausdruck gefunden in dem bekannten Austreten des vräsumtiven österreichischen Thronfolgers. Run ist es klar, daß wir Juden in dem Streit der Parteien uns nicht auf Seiten der Deutsch-Nationalen wider die klerikalen Antisemiten zu stellen haben. Wo wir nicht anders können, als Partei ergreifen, müssen mir unbedingt auf der Steile stehen, wo das kleinere Uebel ist. Dazu kommt noch, daß die Deutsch-Nationalen — unb in nodj heftigerer Form die Wolf-Schönerer- Partei — der katholischen Kirche den Kampf erklärt hat, der in der bekannten ..Los von Rom-Bewegung" und in den tumultartigen Reichsrathsdebatten Ausdruck gefunden hat. Wir Juden dürfen unter keiner Bedingung auch nur den Schein erwecken, als ob wir an diesem Kampfe wider den Katholizismus und seine Einrichtungen Partei ergreifen. Wir Juden, denen der Friede unserer Religion theuer ist, perhorresciren den Kampf wider die religiöse Ueberzeugung unserer katholischen Mitbürger und die Verletzung ihrer Gefühle. Besonders aber verdammen wir die Mittel, mit denen dieser Kampf geführt wird, die eine fatale Aehnlichkeit zu denen besitzen, mit denen unsere eigene Religion und unsere eigenen Heiligthümer in den Koth gezerrt wurden. Das ist ein weiterer Grund dafür, uns die klerikal-antisemitische Partei, so widerwärtig sie an sich auch sein mag, als minder antisemitisch denn ihre Rivalin erscheinen zu lassen. In dem Charakter des Antisemitismus dieser beiden Parteien besteht ein großer* Unterschied, indem die Klerikalen das religiöse und die Deutsch-Nationalen das Rastenmoment mehr betonen. Für uns ist es freilich einerlei, ob wir wegen unserer Religion oder wegen unserer Nasse mehr beschimpft und verfolgt werden, doch läßt sich nicht leugnen, daß der Rastenantisemitismus unversöhnlicher und giftiger ist, als der andere.

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