Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 85 (28.10.1901)
- Date
- 1901-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1856 Besten gibt, genießt er — Komödie mit vortrefflicher Mimik. Nun wird er Gottesdienst suchen, aber ach! vergebens. Er wird sehen: das „andächtige" Publikum zum Theil hübsch steif stehen, zum Theil ein wenig schlummern oder — die Gallerte begaffen. Wer wird nun zu behaupten wagen, daß für Amüsement nicht gehörig gesorgt sei; iver wird aber nicht gestehen, daß ein solcher jüdischer Gottesdienst — Gott verzeihe uns diese Blasphemie — nur Luxus ist? Ganz konsequent und mit vollem Rechte wird also der Hauptarrangeur, oder der Held eines solchen Schauspiels, der neologe Rabbiner, als ein Luxusartikel betrachtet. Lasten wir jedoch diesen Luxus bei Seite und wenden wir uns zum echtjüdischen Rabbiner. Wie soll dieser beschaffen sein? Mit einem Worte ist diese Frage beantwortet: Er sei womöglich — kein Luxusartikel. Er diene nicht bei öffentlichen Paraden zur Staffage; seine Thätigkeit sei eine ernste, eine heilige. Er ist mehr, als Leiter einer Religionsgenostenschaft: er denkt, sorgt, schasst, wirkt und lebt für die Gemeinde, für das Seelenheil seiner Gemeinde. Da die jüdische Gemeinde eine Kultusgemeinde ist und alle ihre Institutionen religiöse sein sollen, so kann und darf sich keine einzige der entsprechenden Aufsicht des Rabbiners entziehen. Haus und Schule, Svnagogc und Gemeindesaal, Alles ist der Ort seiner mittelbaren oder unmittelbaren Thätigkeit. Alle Aeußerungen des Gemeindelebens, alle Erscheinungen des Tages hat er im Lichte des Fudenthums zu prüfen und das Ergebnis; dieser Prüfung, seiner Gemeinde unverblümt vorzulegen. Jede Seele seiner Gemeinde ist mit der seinigen eng verbunden, und wie rigoros er an die Läuterung der eigenen Seele denkt, ebenso besorgt ist er für die Läuterung einer jeden Seele seiner Gemeinde. Welche Hingebung, welche geistige Anstrengung, welche Zeit eine solche ernste Thätigkeit in Anspruch nimmt, kann nur der Fachgelehrte misten, und kann nur initleidsvoll über jene lächeln, die neidisch aus den sorglosen und gemüthlichen Beruf des Rabbiners blicken. Der Rabbiner ist nach echtjüdischer Auffassung das Herz der Gemeinde, in dein das ganze Gemeindeleben sich konzentrirt und von wo aus die Glieder der Gemeinde Anregung zur frischen jüdischen That empfangen. Wie das Herz am allerwenigsten zur Parade dient, ebenso der echte Diener Gottes, der Rabbiner; wie das Herz in rastloser Thätigkeit sich befindet, so auch der Rabbiner, und wie die Thätigkeit des Herzens nicht zu sehen, wohl aber zu fühlen ist, so wirkt der Rabbiner durch die Macht seiner Persönlichkeit anregend und belehrend auf alle Glieder seiner Gemeinde, .wenn auch diese die Wirkung ivohl ahnen und empfinden, aber dieselbe, weil zumeist aus Laien bestehend, nicht immer handgreiflich Nachweisen können. Ohne Uebertreiburig können wir es behaupten, Paß da, wo die Thätigkeit des Rabluners in's Stocken geräth, das ganze Gemeindeleben gefährdet ist. Auch ist uns kein einziger Fall bekannt, daß eine Gemeinde, die noch keinen Rabbiner hakte, auf der Höhe ihrer Aufgabe stebend, emporgeblüht wäre; ivohl aber keimen wir Gemeinden aenug, die, weil sie keinen Rabbiner haben, in kultureller, ritueller, ja humanitärer und sittlicher Beziehung aus einer ganz niedrigen Stufe stehen. Doch lote lautet das Programm für des Rabbiners Wirksamkeit' Dieses Programm, das sich bereits der erste Rabbiner (-Lehrer) par excellence gestellt hat, lautet wörtlich: irs j'z T'czt" ‘Ss tc cnb /,,t '2 , *p" \r>~7r; wi piv „Wenn sie die Kinder Israels — eine Angelegenheit haben, kommen sie zu mir und ich richte zwischen dem Menschen und seinem Nächster! und mache bekannt die Gesetze Gotles und seine Lehren." (Exodus 18, 16.) Untersuchen mir ein wenig dieses Programm, so fällt sofort eine Lücke in die Angen. Die Hauptthätig t>.'U eines modernen Rabbiners: an den althergebrachten Sitten und Gebräuchen schonungslos zu rütteln, Reformen einzuführen, fehlt da gänzlich! Freilich, wenn wir an der Hand der Thora eilt Charakterbild dieses Rabdiners zu zeichnen versuchen, werden wir dabei so manchen neologen Rabbiner- und Prediger-Zug vermissen. Er hotte eine ziemlich große Gemeinde rtnd er war mit jciim Pfründe doch nicht zufrieden, vielmehr ivar sie für ilm eine überaus große Last. Für seine große Plage hat er obendrein noch vierzig Tage gehungert. Die Thora rühmt seine Bescheidenheit, und doch ivar er zu stolz — Gaben auzunehmeu. Bei der Erhebung Korachs, dieses ersten jüdischen Reformators und Friedensstörers, ließ er sich in keine Transaktionen ein, iveil die göttliche Wahrheit eine solche nicht duldet. Da kann ein solcher Rabbiner bei dem heutigen Zeitgeiste natürlich nicht zum Neuster genommen werden. Fa, der Zeitgeist! Dem Zeitgeiste hat dieser erste Rabbinm schon damals nicht entsprochen. Der Geist seiner Zeit ivar ttuglaube. Aberglaube, und er hat gegen die Zeit und für den Glauben gekämpft. All' jene gesebestrcueu Rabbinen, die heute einen ähnlichen Kaunas gegen die Hydra des „Zeitgeistes" zn führen haben und dafür von Korachs ebenbürtigen Söhnen mit Hohn, Spott und Beleidigungen beworfen werden, die mögen die Belohnung für ihren ehrlichen Kampf um die Wahrheit in dein erhebenden Bewußtsein finden, daß sie die „zeitgemäße" Richtung Mosche Rabbenu's verfolgen. Mosche Rabbenu hatte seinen Beruf darin erblickt: erstens, religiöse Entscheidungen zu treffen; zweitens dos i'olt ui belebren. Diese doppelte Aufgabe hat auch der beutige 'Rabbiner, worauf . schon sein zweifacher Titel: ~ und " hinweist. Wohl kennt das Judenthm". keine Hierarchie, und Jeder in Israel ist sein eigener Seelsorger, ein „Arbeiter im Weinberge des Herrn:" da jedoch nicht ein Jeder die Fähigkeit und die Muße hat. sich in den umfangreichen Religionsgesehen zu orientiren, so muß man sich diesbezüglich an den