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Der Israelit · 1901-10-24 · Heft 84 (24.10.1901) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 84 (24.10.1901)
Date
1901-10-24
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1848 „Halt ein, Königin!" riefen die Gesandten „Uebervölkerung" und „Heimathlos", „wir haben einen bessern Platz für Deine Residenz und Deinen Thron!" „Ist das möglich?" fragte verwundert „Königin Armuth." „Kann meine Herrschaft eine größere sein, als hier bei den „Webern?" „Ja wohl, große „Königin Armuth," erwiederte „Ueberoölkerung" und „Heimathlos", „nirgends herrschst Du so mächtig, als bei den — polnischen Juden! „Inwiefern?" fragte die Königin. „Die Weber haben eine H e i m a t h , der Staat sorgt für sie, sie können nicht durch polizeiliche Verfügung ausgewiesen und in die Fremde hinausgestoßen werden. Sie leben in einem Lande, wo für öffentliche Gesundheit gesorgt wird, wo nicht der Schmutz von Jahrhunderten sich ansammeln darf, wo Arbeit den Verfall aufhält und die Seele adelt. Bei den polnischen Juden sind alle Gegner Deiner Herrschaft aus dem Felde geschlagen. Hunger, Krankheit, Uebervölkerung, Jahrhunderte lange Entnervung und Heimathlosigkeit, alles vereinigt sich, um Deine Herrschaft, „Königin Armuth," dort zu verbürgen." So zog denn „Königin Armuth" zu den polnischen Juden, schlug dort ihre Residenz auf und errichtete dorr ihren Thron. II. „König Reichthum" war neidisch auf das große Gebiet, welches „Königin Armuth" beherrschte, und erklärte dieser den Krieg. Der Krieg dauerte viele Jahre, und wenn auch „König Reichthum" keinen entscheidenden Sieg erringen tonnte, so gelang es ihm doch, der „Königin Armuth" manches Gebiet zu entreißen. Kein Wunder! Obgleich „König Reichthum" bei weitem nicht die zahl- , reichen Heere in's Feld schicken kann, so gibt es doch im Heere der „Königin Armuth" zu viel Fahnenflucht. Wer nicht muß, bleibt der Fahne der „Armuth" nicht treu. - „Königin Armuth" mußte es mitansehen, wie ihre Herrschaft aus den festesten Plätzen zurückgedrängt wurde. Wo früher ihre Vasallen: Alter, Siechthum, Waisennoth eie. geherrscht halten, da wehten jetzt die Fahnen des „Königs Reichthum" auf Altersversorgungs-Anstalten, Siechen-, Kranken- und Waisenhäusern, sowie in Anstalten für verwahrloste Kinder. Da ]te nicht im Stande war, es mit Gewalt zu wehren, so nahm sie zur List ihre Zuflucht, und sie ersann einen schlauen Plan, um sich zu retten, was noch zu retten war. Sie ließ ihren treuen Diener, den Diplomaten „I rrlicht" zu sich befehlen und sprach zu ihm: „Liebes „Irrlicht"! Siehe, das Reich der Armuth wird immer kleiner: „König Reichthum" dringt siegreich gegen mich vor. Wir müssen darum zur List unsere Zuflucht nehmen und durch Schlauheit ersetzen, was uns an Macht abgeht. Du mein treuer Diener „Irrlicht" hast schon so viele Unterthanen mir in's Netz gelockt, daß ich Deiner Geschicklichkeit, wie Deiner Treue auch jetzt mein volles Vertrauen schenken will." „Ich habe Dein Vertrauen nie getäuscht, mächtige „Königin Armuth," sagte „Irrlicht," „und ich werde es auch diesmal zu rechtfertigen suchen." „Ich bin davon überzeugt," erwiederte gnädig „Königin Armuth." „Also zur Sache!" „König Reichthum" errichtet jetzt alle möglichen Anstalten, um mir meine Unterthanen zu entreißen. Was ich dadurch an seine Altersversorgungs-, Siechen- und Krankenhäuser verliere, das ist unwiderbringlich verloren. In's Unvermeidliche muß ich mich eben fügen. Anders ist's mit seinen Waisenhäusern und seinen Anstalten für verwahrloste Kinder. Da ist noch nicht alles verloren. Wenn Du, Freund „Irrlicht," es geschickt anstellst, so können wir da reichlich wiedergewinnen, was wir für den Augenblick verlieren." „Laß Deinen Plan hören, „Königin Armuth," versetzte gespannt der Diplomat „Irrlicht," „und wenn ich kann, soll Dein Plan ausgeführt werden." „Du kannst, „Irrlicht!" Führe Dich unter der Maste des Weltbeglückers bei „König Reichthum" ein! Suche sein Vertrauen zu erschleichen! Spiele den unversöhnlichen Feind der Königin „Armuth", die Deinen Weltbeglückungs-Jdeen im Wege steht. Ich habe schon einige geheime Vertraute am Hofe des „Königs Reichthum": „Verschwendung," „Prunksucht," „Eitelkeit," „Uebermuth." Mit diesen setze Dich in Verbindung, um den treuen Freund des „Königs Reichthum," den Kanzler „M ä ß i g u n g" aus dem Felde zu schlagen." „O, das soll uns nicht schwer werden," lachte „Irrlicht." „König Reichthum" hört viel lieber das, was seinen Schwächen schmeichelt, als die strenge Wahrheit." — „Ich sehe, Du verstehst mich, Freund „Irrlicht," sagte „Königin Armuth." „Wenn Du als edler Weltbeglücker in das Vertrauen des „König Reichthum" Dich eingeschlichen, dann veranlasse ihn, die Waisenhäuser und die Anstalten für verwahrloste Kinder s o luxuriös wie m ö gl i ch zu bauen und einzurichten! Wenn die Kleinen in solchen Palästen an Luxus gewöhnt werden, dann sind sie mir nicht für immer geraubt, dann kommen sie zu ihrer „Königin Armuth" schon von selbst wieder zurück." „Mein Kompliment, große Königin," sagte bewundernd „Irrlicht," „der Plan ist sein ersonnen — ich bürge Für das Gelingen." III. „Weltbeglücker" hatte Audienz bei „König Reichthum." — „Warum habt Ihr Euch nicht schon früher in meinen Dienst begeben?" „Majestät haben früher keinen Krieg gegen „Königin Armuth" geführt. Konnte ich bei Euer königlichen

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