Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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für das Drthodoxe «MudenthumÄ n 0 f». lNr. 19. 24 Oct. 1901J '£^fi „Königin Armuth" regierte ein großes Reich. Mehr als neunzehntel aller Menschen standen unter ihrer Herrschaft. Sie hatte nun die Absicht, sich einen Thron zu errichten und zog aus, um in ihrem großen Reiche den Ort ausfindig zu machen, den sie für ihre Residenz am geeignetsten hielt. Zugleich schickte sie Gesandte noch allen Richtungen aus, um sich überall nach den dazu geeigneten Orten umzusehew Sie selbst zog nach Afrika. Sie batte von den Negern gekört, wie sehr diese unter ihrer Herrschaft ständen, und sie dachte daran, ihren Thron unter denselben zu errichten. Gerade als Königin Armuth im Negerlande an. tam, waren Korsaren eingebrochen und hatten die kräftigen Jünglinge und Jungfrauen weggeschleppt, um sie an Sklavenhändler zu verkaufen. Wie war da Alles von?( r m u t h beherrscht! Schlechte Hütten, nothdürstige Kleidung, Glasperlen als stolzer Schmuck — nein, kein Platz der Welt konnte sich besser zur Residenz der „Königin Armuth" eignen! Schon war sie im Begriff, den Grundstein zu ihrem Schlosse zu legen, da kamen zwei ihrer Gesandten: „Hunger" und „Krankheit", von ihrer Forschungsreise zu ihrer „Königin Armuth" zurück. „Gut, daß Ihr da seid!" begrüßte sie die Königin, „Ihr kommt gerade recht, um der Grundsteinlegung meines Schlosses beizuwohnen." „O Königin Armuth," erwiederten „Hunger" und „Krankheit", „wir haben einen Ort ausgefunden, wo Dein Szepter mächtiger waltet, als im Negerlande." „Ist das möglich?" fragte „Königin Armuth." „Gewiß!" erwiederten „Hunger" und „Krankheit". „Negerland ist ein Paradies im Vergleich zum Bezirk der „W e b e r" im Riesengebirge. Negerland hat frische und warme Lust; die Neger sind gesund, sie nagen nicht am Hungertuche, auch haben sie nie Befferes gesehen und sind zufrieden mit dem Wenigen. Was weiß der Neger von der „Königin Armuth"? —" „Ihr habt Recht, meine Getreuen, ich war auf falschem Wege. Wie ist es denn bei Euern Webern im Riesengebirge?" „O Königin „Armuth"! Dort ist Deine Herrschaft unbeschränkt! Die Weber kennen den Reichthum ihrer Arbeitgeber und sind doppelt arm! Der Hunger weicht nicht aus den engen, dumpfen Wohnungen; die getreuesten Regimenter Deiner Krankheiten, Typhus an der Spitze, haben da ihr beständiges Quartier aufgeschlagen. Du kannst nirgends Deine Residenz bester errichten, als bei den Webern." „Königin Armuth" dankte ihren getreuen Dienern „Hunger" und „Krankheit" und zog mit ihnen in das Riesengebirge. Sie fand alles genau so, wie es ihre Gesandten berichtet hatten, und sie beschloß darum, bei den Webern ihre Residenz aufzuschlagen. Scbon war sie im Begriffe, den Grundstein zu legen, da kamen die andern Gesandten: „Uebervölkerung" und „Heimathlos" von ihrer Rundreise zur „Königin Armuth" zurück. „Ihr kommt eben recht, meine Getreuen," begrüßte sie „Königin Armuth," „um der Grundsteinlegung meines Schlosses beizuwohnen."