Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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i84o;a e kommando. Das tapfere und hochherzige Schiffervolt eckte aus den Hütten, löste die Kähne, ergriff die Ruder und steuerte hinaus in Nacht und Nebel zur Unglücksstätte. Unter Anspannung aller ihrer Kräfte, mit Todesverachtung kämpften sie gegen die Elemente, und nachdem sie die Barke gehoben, die Segel in Stand gesetzt, begannen sie die Schiffbrüchigen aufzunehmen. Wer Ausdauer und Energie genug besaß, wer sich so lange über Wasser zu halten vermochte, der wurde gerettet; die Schwächlichen und des Schwimmens Unkundigen gingen unrettbar verloren. So ist es Brauch bei Seeleuten, und so war es bei uns immer gewesen. Nur einige Beispiele. Bleiben wir bei den bereits angeführten. Neunhunderttausend Juden wurden nach dem Fall Jerusalems nach den römischen Kolonien, nach Aegypten, nach Afrika, nach Nom, nach Gallien, Hispanien und Britanien in die Gefangenschaft geschleppt. Sklaverei und Frohndienst bei Barbaren waren ihr Loos. Doch wohin sie kamen, wo sie nur Juden ansichtig wurden, da erscholl ihr Hilferuf Hoschiu achiml, und überall boten ihre Brüder ihre ganze Habe, ihren ganzen Einfluß auf, um ihre Stammesbrüder loszukaufen. Die Angabe, daß schon zu Esra's Zeiten eine Judengemeinde in Worms bestanden hätte, daß dieselbe auf ein Sendschreiben Esra's mit der Aufforderung, nach Palästina zu kommen, geantwortet hätte, sie habe ihr Jerusalem am Nheine, diese Aufgabe, die manches Religionsgeschichtsbüchlein noch enthält, scheint nur eine tendenziöse Mär zu sein. Wahr ist's aber, daß schon in der Römerzeit und noch viel früher (300 Jahre v. d. g. Z.) an der Tiber wie an der Rhone, am Ebro wie am Nheine, Juden als Pferde- und Getreidelieferanten für die römischen Heere, jüdische Wechsler und Juweliere zu finden waren. Und diese gaben ihre feurigsten Rosse, ihren besten Hafer und ihre blitzendsten Goldreifen für die Befreiung ihrer Stammesgenossen hin. Seit der Zeit und auf diese Weise entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte die großen Judengemeinden in den genannten Ländern. Unrettbar verloren wären die im Jahre 1290 aus England vertriebenen Juden gewesen, wären sie nicht von ihren Volksgenossen in Spanien auf's Brüderlichste ausgenommen worden; unrettbar verloren wären auch unsere ein Jahrhundert später aus Frankreich vertriebenen Vorfahren gewesen, hätten sie nicht bei ihren Stammesgenossen in Italien und Deutschland gastliche Aufnahme gefunden. Und erst der gewaltige Schiffbruch im Jahre 1492, die Austreibung der Juden aus Spanien.' Diesmal war es der beste und kernigste Theil unseres Volkes, der mit den Sturmeswellen fürchterlich rang. Hunderttausende fanden den Tod in den eiskalten Fluthen, und alle, alle wären unrettbar verloren gewesen, hätten nicht ihre Brüder in der Türkei und Neapel, später auch in Holland, Rettungsseile und Nettungsgürtel ausgeivorfen. Und in Deutschland? — Hier bildet das ganze Mittelalter eine lange, fast ununterbrochene Kette von schrecklichen Leiden und fürchterlichen Verfolgungen für die Juden. Durch den gelben Fleck geächtet, waren sie den rohesten Instinkten des Pöbels preisgegeben, und Judengemetzel, bei welchen unzählige Menschenleben vernichtet wurden, waren an der Tagesordnung. Ich erinnere nur an die Kreuzzüge, auf welchen die Wallbrüder die Juden überall, wohin sie kamen, furchtbar Mitnahmen. Ich erinnere an das Jahr 1298, in welchem die blutige Judenverfolgung unter Pfefferkorn über hunderttausend Menschenleben dahinraffte.- Auch hier, meine Herren, wären die Juden nach und nach gänzlich oder größtentheils ausgerottet worden, wenn sie sich nicht allmählich nach dem Osten geflüchtet hätten. Jahraus, jahrein wanderten sie schaarenweise oder heimlich in Polen und Rußland ein; hier, bei ihren gastfreundlichen Glaubensgenossen, rissen sie sich den gelben Schandfleck vom Leibe, hier athmeten sie frei auf. Daher kommt es, daß die große Mehrheit der heutigen Juden des Ostens deutsche Namen tragen, und die Strauße und Hirsche, Bären und Löwen sind auch dort keine Raritäten. Als aber die Judenverfolgungen auch dort auftraten, namentlich seit dem Kosakenaufstande unter Chmelnitzty um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, bei welchem rund eine Viertelmillion Juden massakriri wurden, da wanderten unsere Vorfahren wieder nach dem Westen, nach Deutschland, zurück, wo der Morgen der Aufklärung anzubrechen schien und wo sie wiederum bei ihren Glaubens- und Stammesgenossen Hilfe und Zuflucht suchten und auch fanden. Daher die deutschen Ortsnamen, wie Wormser, Trierer, Mainzer, Hildesheimer, Mosbacher, Ofener, .Hirschfeld u. s. w., deren Träger fast ausschließlich Juden sind. Es sind die Namen, die man ihnen dort im Osten nach den Orten ihrer Herkunft beigelegt hatte. Ein beträchtliches Theil der Juden lebt heute in Britanien und in den britischen Kolonien in relativ günstigen Verhältnissen. Wem haben wir es zu verdanken, nachdem, wie wir gehört haben, die Juden 1290 aus England vertrieben wurden? — Einem Stammesgenossen! Menasse ben Israel aus Amsterdam war es, der eigens dazu nach England reiste und durch seine Sprachgelehrsamkeit, sein ritterliches Auftreten und seine warmherzige Fürsprache Kromwell so einzunehmen wußte, daß dieser die Wiederansiedelung der Juden 16o7 gestattete. Und in unseren Zeiten sind die marokkanischen und rumänischen Juden durch die persönlichen Bemühungen Montefiores, den die Juden des Osten aus Dankbarkeit so schön Motif oro (Lichtspender) nennen, vor dem Schlimmsten bewahrt worden.