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Der Israelit · 1901-10-24 · Heft 84 (24.10.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 84 (24.10.1901)
Date
1901-10-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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42. Jahrgang. Zweite Meikage z« M 84 des „Israelit". Leitender Artikel. Jüdische Studenten. (Fortsetzung.) Die jüdischen Akademiker, sagten wir, sind heute dem Judenthum, wie der Judenheit, sind der Religion ihrer Väter, wie ihrem Volke, größtentheils entfremdet. Das jüdische Volk, meine Herren, ist von jeher mit einem Fahrzeug auf hoher See verglichen worden. n-rxr nrecs 'n wehe dem Segelschiff, das seinen xv^Qvijx^, seinen Steuermann verloren hat, heißt es wiederholt im Midrasch und Talmud. In der That gleicht das jüdische Volk in seiner ganzen Leidensgeschichte einem schwachen Fahrzeug, das seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden auf hoher See treibt, umtobt von Stürmen, die von allen Seiten einherbrausen, gepeitscht von Meereswogen, die sich nimmer erschöpfen wollen. Kein Fahrzeug, kein Dampfer würde es auf die Dauer aushalten: wie kommt es, daß wir allein allen Stürmen der Zeiten Trotz bieten konnten? Diese Frage hat von jeher viele, Juden wie Nichtjuden, Freund und Feind, Dichter wie Sozialökonomen, beschäftigt. Die einen meinen, und das sind die Antisemiten, man hätte eS nie verstanden, mit den Juden gänzlich anfzuräumen. Andere messen Israel eine spezifisch hohe Zähigkeit bei. Wieder andere erblicken darin die Wunder Gottes, der sein Volk nicht untergehen läßt. Sic berufen sich auf den bekannten Schlußvers der Tochacha in Deutoronomium, der da heißt: nb: B’rB«e »d arr« pxz crma nxr c: -p. m •’jx '3 ans arvbvb cti^x;. „Selbst wenn sie im Feindeslands find, werde ich sie nicht gänzlich vernichten, denn ich bin der Ewige!" Ich muß gestehen, daß ich gegen diese Erklärung nichts einwenden kann. Dennoch sei es mir gestattet, ein wichtiges Moment anzuführen, das die aufgeworfene Frage auf natürlichem Wege zu beantworten sucht. Ich meine das Moment des Gefühls der Zusammengehörigkeit und der daraus folgenden Solidarität und gegenseitigen Hilfeleistung, so mächtig, so entwickelt, so prägnant, wie sie in keinem anderen Volke, keinem andern Menschenstamme zu finden sind; und wenn wir je von dem Ato-bechartonu-Gedanken, von der Idee der Auserwähltheit Gebrauch machen sollten, so dürfen wir es mit vollem Rechte, mit inniger Genugthuung, mit stolzem Bewußtsein in Bezug auf diese edelsten und gesündesten der Volkseigenschaften thun. Ohne diese Eigenschaften wären wir schon längst dahin, wäre des Judenthums Fahrzeug schon längst eine Beute der Wellen geworden. In der That, meine Herren! So oft diese xuftsQvtjreQ sich üppigen Gelagen Hingaben, so oft diese Steuermänner draußen im wilden Meer der Weltgeschichte in persönlichen Zank und Zwist geriethen, da sank das Fahrzeug unter; und als der Bruderkampf der Pharisäer und Saduzäer die letzten Kräfte des Volkes lahm legten, da erfolgte ein gewaltiger Schiffbruch: Das Reich Juda wurde zerstört, das herrliche Jerusalem, die Stadt aus Marmor und Elfenbein, ein Raub der Flammen, eine Million Menschen kamen um's Leben und ebenso viele gingen in die römische Gefangenschaft. — So oft die Meeresstürme orkanartig wurden und in wüihendem Geheul aus das Fahrzeug des Judenthum eindrangen, da sank es unaufhaltsam unter; und als der Judenhaß bei den Wirthsvölkern in Hellen Flammen aufloderte, da wurden die Juden nacheinander aus England, Frankreich und Spanien des Landes verwiesen und in's unendliche Elend gejagt, da wurden furchtbare Massakres, die Hunderttausende von Menschenleben vernichteten, unter den Juden angerichtet. So oft man versuchte, des Schiffes Segel zu beseitigen und das Fahrzeug mit Dampfkesseln und Maschinen moderner Konstruktion auszurüsten, da krachte es aus allen Fugen, und unaufhaltsam sank das Fahrzeug unter; und als man sich unterfing, das Judenthum umzumodelliren und aus demselben in äffischer Nachahmung eine moderne Kirche machen wollte, da krachte es auch hier aus allen Fugen, und das Reformjudenthum stürzte elendiglich in sich zusammen. So oft endlich das Schiff selber angefault wurde und ein Leck bekam, da drangen die Fluthen ein, stiegen immer höher und höher, bis das Fahrzeug sammt Insassen untersank; und als der moralische Halt und die innere Festigkeit nachließ im Judenthum, da stiegen die Fluthen der Assimilation immer höher und höher, und ganze Schaaren gingen dem Judenthum verloren. Unzähligemal hat also das Fahrzeug des Judenthums Schiffbruch erlitten, unzähligmal ist es untergetaucht. Wie kommt es, daß es wieder auftaucht, immer wieder auf hoher See steuert? Sehr einfach. Das gesunkene Schiff wurde gehoben und die mit den Wellen ringenden Schiffbrüchigen wurden von ihren Brüdern gerettet. Ringsumher an den Meeresgestaden befanden sich durch die Jahrhunderte hindurch Rettungsstationen, und sobald ein Hilferuf durch die unglückschwanger* Lust erscholl, sobald das Sch'ma Jisroel das Bruderohr erreichte, da ertönte ringsumher das Rettungs-

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