Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. tzrke Meilage zu Jfs 84 -es,,Israelit.'^ LeitenderArtikeL. Er inner ungsbiätter llils illlS srislhk Grab llllscrcs grcht» Mtistcrs unD i!thrcrs, des Kabb. Dr. Kelig Auerbach in ^alberftabt. Bon Rabbiner Dr. Danict Fink—W i e n. V. Es wäre jedoch verfehlt, wollte man aus dieser Thatsache auf eine Zaghafte Gesinnung und allzu ängstliche Bescheidenheit seines Wesens schließen. Die landläufigen Tugenden und ihre Kategorien hörten überhaupt auf, einen Maßstab für die Hoheit seines Charakters zu sein. Was man sonst Tugend nennt, ist doch mehr oder minder ein Ausfluß der unbewußten Triebe der menschlichen Natur, oder steht damit wenigstens irgendwie im Zusammenhänge. Bei ihm jedoch war alles Aeußerung eines höheren, rein abgeklärten Bewußtseins, Sein Wesen war so eine Art — verkörperte Pflicht. In seinem öffentlichen Auftreten lag nichts weniger als eine weltscheue Aengstlichkeit, aber auch nichts, was an salbungsvollen Pathos des Geistlichen erinnerte. Er trat mit Entschiedenheit überall in die Schranken, wo dem Juden als solchen sein Recht verkümmert ward. Er achtete die moderne Schule, wollte aber gerade darum es nicht haben, daß sie seinen Schutzbefohlenen eine Stätte bitterer Kränkungen werde, die sie nur mit innerem Widerstreben betreten und mit desto größerer Freude meiden. Wo eine diesbezügliche Ausschreitung zu seiner Kenntniß gelangte, stellte er seinen Mann. Seine Stimme hatte aber auch in allen Kreisen ein bedeutendes Gelvicht. Die ungetheilte Verehrung, deren er sich erfreute, und die Lauterkeit seines Charakters war ja stadtbekannt. Man wußte, daß die ganze Gemeinde stets hinter seinem Rücken stand. So war er es auch, der bald nach dem ersten Austauchen der antisemitischen Bewegung zu derselben Stellung nahm. Durch das heimlich verstohlene Lispeln der bekannten Beschloichtigungsgeheimräthe ließ er sich keineswegs beirren. Er sah hier viel schärfer als jene. Mochten sie auch noch so oft auf das nahe bevorstehende Verflackern einer plötzlich auftauchcnden Volksleidenschast vernaeisen, — er wußte, wo der saß, der unablässig sie zu schüren bemüht war. Daran konnte ihn auch die so oft betonte Thatsache nicht beirren, daß Bismarck die auf Aufhebung unserer Gleichberechtigung abzielende Maffenpetition dem Reichstage nicht vorgelegt hatte. Er berief, ohne zu zaudern, seine Gemeinde zu einer Versammlung ein. Es blieb meines Wissens fast keiner aus. In einer denkwürdigen Rede beleuchtete er die politische Situation. Das Ergebniß, zu dem er kam, tvar, daß wir uns nicht auf bloße Abwehr ausschließlich zu beschränken hätten. Er wollte vielmehr die gesummte Judenheit in einer einzigen Organisation zusammengefaßt sehen — Bindung aller Kräfte in den Dienst eines Zieles. Es ist doch einmal unbestreitbar, daß wir auf uns allein angewiesen sind. Daß wir darum unsere Kräfte nun erst recht zersplittern, war ein Gedanke, den er nicht zu vollziehen vermochte. Für ihn lag das Richtige genau auf der entgegengesetzten Seite. Weil wir auf uns angewiesen, darum eben müßten wir uns gegenseitig helfen. Wer diese Erinnerungen überschaut, dem muß sich die Frage unwillkürlich aufdrängen: wie kam es, daß ein Mann dieses Schlages seine Kraft auf dem so beschränkten Gebiete einer mittleren Gemeinde bethätigen mußte. Wer konnte sich mit ihm in Bezug auf Hoheit des Charakters, Uneigennützigkeit und Lauterkeit in der Entfaltung eines so vielseitigen Strebens, Umfang des Wissens, Macht der Rede, Adel der Gesinnung auch nur im entferntesten messen? Er war doch, wenn ich so sagen darf, die edelste Blüthe am Baume Israels. Um sie so herrlich auszugestalten, hatten sich alle edlen Kräfte unseres Stammes zur höchsten Leistung vereinigt. Ich bin mir keiner Uebertreibung bewußt, wenn ich ihn als einen Jochid bedaurau, als den Unerreichten seines Zeitalters bezeichne. Wie viele unserer Großgemeinden sind doch so trostlos öde. Wohin man ihn gestellt hätte, sein Wirkungskreis wäre ein blühendes Gefilde eines reichen jüdischen Lebens geworden. Die richtige Antwort vermag uns hierauf allerdings nur die zeitgenössische Judenheit, wie sie sich in zahlreichen Großgemeinden concentrirt, zu geben. Diese wird sie uns jedoch voraussichtlich schuldig bleiben. — Von meiner Seite kann dies jedoch nur in einseitiger Weise geschehen. Da muß nun zunächst betont werden, daß er sich unter keiner Bedingung dazu verstanden hätte, die eigene religiöse Ueberzeugung als Privatsache zu betrachten und in der Gemeinde die entgegengesetzte zu vertreten. Das war die Kunst nicht, auf welche er sich verstand. Dadurch allein war der für ihn in Betracht kommende Spielraum — wie die Dinge einmal liegen — schon an sich ein sehr beschränkter. Ein Rabbineramt durch Anwendung von Mitteln rein geschäftlichen Wettbewerbs erstreben, das war wiederum mit seiner Auffassung von demselben nicht zu vereinbaren. Seine Energie war zwar für jede menschliche Leistung