Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1829 nicht an Freier fehlen, ob die aber mehr meine Persönlichkeit, oder mehr mein Vermögen freien möchten?" — „Aber liebes Fräulein, eine derartige Befürchtung —" „Ist nur allzu sehr berechtigt. Selbst bei meinem Vetter Alfred bin ich nicht ganz sicher. — Er schimpft zwar häufig über die Geldgier anderer Menschen, ob er mich aber so begehrenswertst finden würde, wenn ich ein armes Mädchen wäre?" „Ich kenne Ihren Vetter nicht, aber nicht Jedem erlauben es die Verhältnisse, ein vermögensloses Mädchen zu heirathen." Sie ward unterbrochen, denn die Kinder kamen wieder auf die Veranda. Das Mädchen brachte das Kaffeegeschirr. Die kleine Selma ließ es sich nicht nehmen, das Tischtuch über den Tisch zu breiten und blickte dabei, Anerkennung heischend, sowohl auf die Großmutter, als auch auf die anwesende junge Dame. Diese nickte ihr lächelnd zu. „Wie schön Du den Tisch decken kannst, Du könntest morgen Früh zu mir kommen und mir auch den Kaffeetisch decken. Willst Du?" „Ja, das thue ich gern, und Sie werden mir dann auch den Korb zeigen, den Sie von Ihrem Onkel bekommen haben, nicht wahr?" „Gewiß, gewiß," versicherte Jsabella lachend. „Und Frau Juanita wird dann wieder Räucherkerzchen anzünden," fügte Frau Müller lächelnd hinzu. „Das wissen Sie auch?" rief das junge Mädchen sichtlich erschrocken, „liebe, liebe gnädige Frau!" — sie sprang auf und erfaßte beide Hände der alten Dame, die sie an ihre Brust drückte, „ich bitte Sie um's Himmelswillen, denken Sie daran nicht mehr! — Sie glauben nicht, wie mich diese Dummheit meiner Zofe schmerzt —" „Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu rnachen, liebes Fräulein, wenn ich weiß — oder vielmehr, weil ich weiß, daß es Ihnen so sehr unangenehm ist, verspreche ich Ihnen, absichtlich nicht wieder daran zu denken." „Ich danke Ihnen aufrichtig. Und nicht wahr, Sie erlauben doch, daß die Kinder morgen wieder zu mir kommen?" „Das — könnte ich nur bedingungsweise zugeben." „Ich verstehe, ich verstehe. Aber Sie können unbesorgt sein. Juanita weiß, daß sie bei der geringsten Unfreundlichkeit oder auch nur Unhöflichkeit gegen meine Gäste sofort entlassen ist." „Dann habe ich nichts dagegen. Dann können die Kinder zu Ihnen kommen, so oft Sie es wünschen. — Stellen Sie es nur drinnen hin," sagte Frau Müller zu dem Mädchen, das, wie es gewöhnt war, wenn Besuch zur Essenszeit anwesend, ein Lavoir und eine Kanne Wasser auf die Veranda stellen wollte. „Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten? — und bitte, mit dem Uebrigen bedienen Sie sich selbst." Jsabella nahm dankend die ihr dargebotene Tasse und griff auch nach dem Gebäck, das in einem zierlichen Körbchen vor ihr stand. „Nun, esset Ihr denn nicht?" wandte sich sich fragend an die Kinder. Viktor, der eben seine Hände abtrocknete, nickte ihr zu, ohne zu sprechen. Selma aber erwiederte: „Ja wohl, wir werden essen, aber erst, wenn wir uns die Hände gewaschen haben." „Ach, Deine Händchen sind ganz rein, Du brauchst sie nicht erst zu waschen, setze Dich nur hier her —" „Aber darauf kommt es ja gar nicht an," rief die Kleine herzlich lachend, „ich will Butterbrot» essen, da muß ich mir die Hände waschen, wenn sie auch ganz rein sind." „Wirklich?" fragte Jsabella, zu der alten Dame hinüberblickend. Diese nickte lächelnd. „So ist's." „Das steht auch in der Gemarah, daß man immer, bevor man Brod ißt, die Hände waschen muß," erklärte Viktor. „Das gebietet der Talmud?" rief Jsabella höchst erstaunt. „Das hätte ich nicht gedacht. Ich glaubte, es wäre vielleicht eine hygienische Anordnung Ihres Herrn Sohnes, denn ich habe dasselbe von dem Sanitätsrath Kuhnert in Dresden gesehen; der würde auch nicht das kleinste Stückchen Brod essen, ohne sich die Hände zu waschen, und ist doch nichts weniger als ein Talmudjude, sondern ein streng-gläubiger Katholik." „Das ist vermuthlich eine Reminiscenz aus seinen Kinderjahren, denn er ist als Jude geboren, das weiß ich gewiß, seine Eltern waren fromme Juden und hießen Kohn, sein Vater war sogar Schächter." „Ist es möglich! — und er, der Semite, ist Antisemit!" „Dadurch bofft er seine Abstammung vergessen zu machen, das ist ein nicfjt ungewöhnliches Manöver der Renegaten." „Aber das ist doch verächtlich im höchsten Grade." „Doch wohl nicht verächtlicher, als der Uebertritt an und für sich." „Wie? Sie verurtheilen jeden Uebertritt von einem Glaubensbekenntniß zum andern?" „Das Judenthum verurtheilt jeden Uebertritt, dem nicht die reinste Ueberzeugung von dem höheren Werth des anderen Glaubensbekenntnisses zu Grunde liegt. Darum war es zur Zeit der Blüthe des jiidischen Staates, namentlich unter der Regierung des Königs Salomo, geradezu verboten, Proselyten aufzunehmen, da man nicht wissen konnte, ob sie nicht irgend einen materiellen Nutzen durch ihren Uebertritt erstrebten." Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. „Das ist eine seltsame Religion, überaus seltsam. Ick dachte, jede Kirche strebe danach, daß die Zahl ihrer Bekenner zunehme." „Das Judenthum macht in dieser Beziehung, wie in so vielen andern, eine Ausnahme, denn es weist noch