Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 83 (21.10.1901)
- Date
- 1901-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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42* Jahrgang. Erste Anlage zu J& 83 des „Israelit." Leitender Artikel. Zum Beginn der Mintersaison. Vvu auuck. pliil. Herm. Klein, Bern. Die Feiertage sind vorüber und es beginnt wieder lebhaft zu werden in unseren Vereinen. Die langen Winternächte sind ja nur/ wie unsere Weisen sagen, zum Lernen da. Man kann sich auch wirklich kaum etwas Behaglicheres vorstellen, als ein gut geheißtes Zimmer und eine Gemoro aus dem Tisch. Es liegt ein Schimmer von Poesie über diesem Bilde, dem sich ein jüdisches Herz kaum verschließen kann. Die Neuzeit, die ja anerkanntermaßen jeglicher Poesie bar ist, hat auch hier eiue Wandlung geschaffen, die allen anderen Neuerungen ebenbürtig zur Seite gestellt werden kann. Wahrscheinlich von dem Gesichtspunkte by z~n ~zbz m*ri2 ppryn fx ausgehend, haben unsere Brüder zur linken Hand Vereine gegründet, die berufen sein sollen, jüdischen Geist und jüdische Lebensanschauung in die Zelte Jakobs zu tragen, die vor allen Dingen die Kenntniß der jüdischen Geschichte und der jüdischen Litteratur verbreiten sollen. Ich bin weit entfernt davon, zu behaupten, daß man keine jüdische Geschichte lernen soll; obzwar auch dieser Standpunkt seine relative Berechtigung hätte, denn wer im Judenthum lebt und fühlt, >vem die jüdische Gegenwart noch Vieles zu sagen hat, der kann bis zu einem gewissen Grade der Kenntniß der Vergangenheit entrathen. Aber ich will einmal, soviel ich nur aus meiner Haut kriechen kann, objektiv bleiben. Also die jüdische Geschichte gehört unbedingt zu dem Minimum, das ein jeder Jude wissen muß, aber erlernt sie der Jude auch in den Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur? Ja, lernt man dort überhaupt etwas zu? Einige meiner verehrten Freunde haben in dieser Zeitschrift der Vesürchtung Ausdruck gegeben, daß man in diesen Vereinen viel Schlechtes lernen könne, daß diese Vereine die Giftsaat des modernen Unglaubens und Aberglaubens ausstreuen. Ich theile diese Sorge nicht, denn ich weiß ganz bestimmt, daß man in diesen Vereinen überhaupt nichts lernt. Es geht auch Niemand hin, der etwas Ernstes lernen will. Man weiß ja allgemein, daß zum Wirklichen Studium etwas mehr Ernst gehört, als der, den die Besucher solcher Vorträge mitzubringen pflegen. In den Verein geht man, um sich zu zerstreuen, während zum Studium Sammlung gehört; in den Verein geht man, um sich seine Zeit zu vertreiben, während derjenige, der wirklich etwas lernen will, mit der Zeit kargt. Auf dem glatten Parkett der Vortragssäle gedeiht die Frucht des Wissens nicht. Ich möchte nur an die Gründer und Förderer solcher Vereine zwei Fragen stellen, von deren Beantwortung Sein oder Nichtsein abhängt. Ihr, die Ihr doch die Kenntniß der jüdischen Geschichte gepachtet habt, sagt uns, ob in der Vergangenheit auch solche Vereine existirt haben, und ob die Vergangenheit in religiöser Beziehung der Gegenwart nachgestanden hat? Sodann sagt Ihr doch auch, baß Ihr jüdische Litteratur pflegen wollet; gehört nun Talmud Babli und Alles, was dazu gehört, nicht zur jüdischen Litteratur? Wenn ich mit der Antwort vorgreifen darf, so will mir scheinen, daß man in der Vergangenheit nur deßhalb auf die famose Idee der Vereinsgründungen nicht fiel, weil man dieser Vereine nicht bedurfte, denn man verstand damals unter jüdischer Litteratur vornehmlich opmci -cv. Diese wurden aber gepflegt nicht unter dem Schein des Rampenlichts und nicht bloß zum Amüsement, sondern mit dem ganzen sittlichen Ernst, der unsere Vergangenheit charakterisirt, mit dem ganzen Heldenmuth und dem Feuereifer der Pflicht, den unsere Großen in jeder Lage bewährt, und mit der wahren Liebe zur Sache, die Wunder bewirkt, und Großes schafft. Ihnen war ihr Studium kein Luxus, sondern ein Lebensbedürfniß. Und nun wollen Pygmäen sich an die Stelle der Riesen setzen und wollen uns glauben machen, daß ihre Wissenschaft die Wissenschaft des Judenthums ist. Unsere Großen haben doch nicht umsonst gelebt. Sie haben schon dafür gesorgt, daß sie mit dem Leben hienieden nicht das Leben überhaupt beschließen sollen. Sie haben Werthe geschaffen, die nie verschwinden, denn die Kinder des Geistes kennen nicht Nacht, nicht Tod. Sie haben aber in erster Reihe dafür gesorgt, daß immer noch Menschen da sein sollen, die diejenigen Ideale weiter Hochhalten, für die ihr Herz warm geschlagen, daß die Fahne, unter der und für die sie gelebt, gekämpft und gelitten haben, noch immer Träger finde. Es klingt wie Ironie, wenn diejenigen, die Alles daran gesetzt haben, den Geist, der als Erbe unserer Großen auf uns gekommen ist, aus unserer Mitte zu bannen, jetzt so besorgt um den jüdischen Geist sind, daß sie selbst zu Wanderpredigern werden. Dieser Eifer würde sie auch dann verdächtig machen, loenn wir sie nicht kennen würden. Nicht sie und nicht so werden sie etwas zur Hebung des jüdischen Gefühles beitragen. Nur wenn wir uns unserer großen Vergangenheit würdig erweisen wollen, tvenn wir jüd. Geschichte lernen, um aus ihr auch Lehren fiir die Praxis zu ziehen, wenn wir namentlich aus ihr die eine Lehre gewinnen, daß unsere ureigenste und einzige Wissenschaft unsere Thora ist, dann brauchen wir ihre Vereine nicht, dann finden wir schon fiir die langen Winterabende eine andere Beschäftigung, als dem seich-