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Der Israelit · 1901-10-21 · Heft 83 (21.10.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 83 (21.10.1901)
Date
1901-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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-c V - 1805 „Er lernt Gemarah," wiederholte das Kind. „Gemarah?" Jsabella schüttelte den Kopf, „was ist das? Das Wort habe ich noch nie gehört." „Das glaube ich Ihnen," entgegnete Frau Müller lächelnd, „das Wort hört man nicht in Ihren Kreisen. Gemarah heißt der Talmud —" „Was?" rief Jsabella staunend, „Viktor studirt den Talmud, das Gesetzbuch der Israeliten? So'n kleiner Knirps?!" „Viktor! Viktor!" rief Selma, indem sie sich von dem Schoße des jungen Mädchens herniedergleiten ließ und in das Zimmer zu ihrem Bruder eilte, „komme geschwind heraus, Fräulein Bella hat gesagt, Du wärst ein kleiner Knirps." Der für sein Alter in Wirklichkeit groß gewachsene Knabe folgte dem Schlvesterchen hinaus auf die Veranda und indem er seine schlanke Gestalt zu ihrer vollen Größe reckte, sagte er: „Aber bin ich denn ein so kleiner Knirps?" „Nein," versetzte Jsabella lachend, „wirklich klein bist Du nicht, so habe ich das nicht gemeint, aber Du bist doch noch sehr jung, kaum zehn Jahre alt —" „Uebermorgen werde ich zehn Jahre." „Und da stndirst Du schon ein Gesetzbuch?" „Ein Gesetzbuch?" wiederholte der Knabe fragend. „Fräulein von Rauhensiein wundert sich, daß Du schon Gemarah lernst," erklärte die Großmutter." „Schon? Ich werde doch übermorgen zehn Jahre alt, aber als ich angefangen habe, Gemarah zu lernen, da war ich noch nicht acht Jahre alt." „Nicht möglich!" rief das junge Mädchen staunend, „ein Kind von acht Jahren sollte ein Gesetzbuch studieren? Das ist doch nicht denkbar." „Und doch ist es so," versicherte Frau Müller lächelnd, „in unserem Gesetzbuch lernen Kinder und Jünglinge, Männer in der Vollkraft ihrer Jahre und Greise " Jsabella schüttelte noch immer den Kopf. „Zeige mir das Buch, in dem Du studirt hast, lvillst Du?" „Warum nicht?" Er sprang zurück in das Zimmer und kam gleich daraus mit seinem Folianten wieder heraus. „Das ist ein Theil, aber die Gemarah besteht aus zwölf solchen Büchern." „Hilf Himmel! Das ist aber ein ungeheures Werl! Was steht denn eigentlich darin?" „Darin steht alles,!vas wir thun dürfen und was lvir nicht thun dürfen, und was wir thun müffen," erklärte der Knabe. „Alles?" wiederholte Jsabella, indem sie fragend auf die alte Dame blickte. Diese nickte ihr lächelnd zu. „Viktor hat recht, alle möglichen Verhältnisse sind in dein Talmud besprochen." Das junge Mädchen schlug das Buch auf, das Viktor auf den Tisch gelegt hatte und betrachtete voll Verwunderung die krausen Schriftzeichen, wie sie solche noch nie gesehen hatte. „Das kannst Du lesen?" „Gewiß, sonst könnte ich doch nicht daraus lernen." „Lies mir einige Zeilen vor, willst Du?" Er entsprach ihrem Wunsche. „Wie seltsam das klingt. Willst Du mir nun auch auf Deutsch sagen, was Du da gelesen hast?" „Da steht, wenn man an einem Zaun vorüber geht, so darf man keinen Strohhalm herausziehen, um ihn als Zahnstocher zu gebrauchen." Jsabella lachte hell auf. „Mit solchen Kleinlichkeiten befaßt sich ein Gesetzbuch! Das ist nett!" „Aber das sind doch keine Kleinlichkeiten!" rief der Knabe erregt, indem dunkle Gluth sein intelligentes Antlitz überzog. „Wenn nun alle Tage hundert Menschen an dem Zaun vorübergehen und jeder einen Strohhalm herausziehen würde, wie bald würde der Zaun verdorben sein." „Da hast Du recht," entgegnete das junge Mädchen gleichfalls erröthend, „ich sehe ein, meine Aeußerung war sehr unpassend —" „Gewiß." fuhr Viktor eifernd fort, „in der Gemarah stehen keine Kleinlichkeiten, das kommt Einem nur so vor, wenn man es nicht versteht und nicht gehörig darüber nachdenkt." Die Großmutter warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. „Viktor! Du vergißt Dich!" — „Ich habe doch nichts Böses gesagt," versetzte er kleinlaut, „es ist ja doch so —" „Lassen Sie ihn, lassen Sie ihn!" fiel Jsabella lachend ein, „er ist ein Prachtjunge und hat nach jeder Richtung hin vollkommen recht. Wenn ich nicht so vorschnell geurtheilt, sondern gehörig darüber nachgedacht hätte, da hätte ich doch einsehen müssen, daß dieses Gesetz über den Strohhalm, den man nicht aus einem Zaun ziehen darf, höchst wahrscheinlich als Beispiel angeführt ist, um darauf aufmerksam zu machen, daß man nicht einmal einen Strohhalm sich aneignen darf, der uns nicht gehört. Habe ich recht, Du kleiner Gelehrter?" Viktor blickte bewundernd zu ihr hinüber. „Fräulein Jsabella, Sie würden gut lernen, wenn Sie Gemarah studiren würden. Aber Recht haben Sie nicht, denn wenn man einen einzelnen Strohhalm findet, so darf man ihn nehmen, er hat ja keinen Werth, doch im Zaun bat er allerdings einen gewissen Werth, und soll uns dieses Verbot, einen Strohhalm aus dem Zaun zu ziehen, lehren, daß wir nichts thun dürfen, wodurch das Eigenthum eines Andern beschädigt werden könnte. Daß man sich nichts aneignen darf, was einem Andern gehört, wenn es auch einen ganz unbedeutenden Werth hat, das steht an anderer Stelle." Jsabella blickte ihn lächelnd an. „Ich danke Dir, Deine Erklärung hat mich sehr interessirt. Ich fange an zu glauben, daß es ganz interessant sein muß, den Talmud zu studiren." „D. das ist sehr, sehr interessant —" „Möchtest Du mich im Talmud unterrichten?"

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