Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 83 (21.10.1901)
- Date
- 1901-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1801 worden! Wenn sie wiederkämen, sie würden die Verantwortlichkeit für die unnatürlichen Folgen ihrer edlen Bestrebungen nicht auf sich nehmen wollen. Sie wollten dem etwas in's Stocken gerathenen Mühlenwert des Judenthums neue Kräfte, frische Waffermaffen zuführen und öffneten ihren Brüdern die Schleusen der Bildung und der Gleichberechtigung. Wenn sie heute wiedertämen, sie fänden die Mühle sammt Müller und Müllerin — weggeschwemmt! Der Prophet gilt nichts in seinem Lande, und die wahren Jünger Mendelsohn's, die seine Ideale ganz erfaßten, sind nicht in Deutschland, nein, im Osten zu suchen. Die Losung Mendelssohn's, Wissen und Aufklärung, drang auch in die fernen Lande des Ostens, und nmren und sind dort die eigentlichen Träger des Mendelssohn'schen Geistes. (5s waren Dichter u. Gelehrte, es waren Männer von hohem Geist u. reichem Gemüth, welche die Geistesschätze der Zeitbildung sich erwarben, sie aber nicht für sich behielten, sondern heimbrachten zu ihren Angehörigen, und ihr ganzes Können, ihr ganzes Fühlen und Denken gaben sie in der hebräischen Sprache, die ihnen am liebsten und teuersten war, Ausdruck. Sie waren Kinder des jüdischen Volkes und weihten auch ihre Talente, ihr Leben dem Volke Judas. Seitdem begann der ungeahnte Aufschwung der hebräischen Sprache, die bis dahin vielfach so verwahrlost, so maltraitirt ivurde, seitdem erstand sie zu neuer Blüthe, zu neuer Pracht, seidem ivurde sie zum Nationalgut des weitaus größten Theiles des Mischen Volkes; und seitdem begann das Judenthum auch auf diejenigen, bei denen das religiöse Gefühl geschwunden war, seine Ivunderbare Kraft auszuüben; während Deutschland seit Papenheim's Arba-Koßos keine nennenswerthe literarische Erscheinung im Hebräischen auszuweisen hat, während in Deutschland hebräische Sprache und jüdisches Wissen allmählich in Vergessenheit geriethen, ivährend in Deutschland der Abfall vom Judenthunz zugleich die Lostrennung von der Judenheit bedeutete. Daher kommt es, daß in Rußland und in den Ländern, wo Judeneinwanderungen aus dem Osten in Massen in den letzten Dezennien stattfanden, der Kulturkampf, der auch hier nicht ausbleiben konnte, nicht denselben Verlauf, nicht dieselbe Entwickelung genommeii hat, wie es leider in Deutschland der Fall war; daher kommt es, daß die jüdische intelligente Jugend dort einen festen Halt im Judenthum finden, mit Liebe an ihrem Volke hängen, Juden sind und Juden bleiben wollen. In diesen würde Mendelssohn, wenn er wiederkäme, seine Ideale verwirklicht, in diesen der Meister seine Jünger finden. Käme er aber nach Deutschland, so würde es ihm ergehen, wie es einem gewissen Städter ergangen ist.*) — *) Der Herr Redner sieht offenbar die Verhältnisse in seinem Vaterlande durch eine allzu rosig gefärbte Brille, während er die deutsch-jüdische 9age zu ungünstig beurtheilt. Redaetion des „Israelit." Von jeher sehnte er sich hinaus in die freie Natur, in's Gebirge. Doch die vielen Geschäfte hielten ihn in der Stadt zurück. Er beneidete die Gebirgsbewohner, die ein so herrliches Leben führen können. Endlich sollte ihm sein sehnlichster Wunsch erfüllt werden. Er eilte hinaus, wanderte kreuz und quer, durch Triften und Alme, stieg bergauf und bergab, doch nirgends bemerkte er etwas von dem freiheitlichen Bergvolk, für das er so schwärmte. Nur hie und da begegnete er einem Touristen, einem Städter. Als er aber in's Thal gelangte. da fand er das eigentliche Bergvolk vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein in den engen Gastzimmern in Rauch und Qualm, bei schlechtem Bier, dicht beieinander sitzen. (Fortsetzung folgt.) Aeitttirgsnachrtchte« und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 17. Okt. Antisemitische und auch konservative Blätter nörgeln an dem jetzt bekannt gewordenen Gutachten des Danziger Medizinalkollegiums über die Ermordung des Ernst Winter in Könitz herum, in dem unverkennbaren Bestreben, die Vermuthung des „Ritualmordes" zu retten. Nur die „Kreuzzeitung" gesteht zu, daß man auf Grund dieses Gutachtens zu einer andern Aufastung jener Mordaffaire kommen kann. Sie schreibt: „Vorläufig stehen sich über die Todesursache immer noch zwei Meinungen gegenüber, und man wird, bevor man sich für die eine oder die andere ausspricht, die Entscheidung der obersten Medizinalbehörde, der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinwesen, abwarten müssen. Nichtsdestoweniger wird man die Möglichkeit zugeben müssen, daß das Gutachten des Danziger Medizinalkollegiums, wenn sein Inhalt von der „Ostdeutschen Zeitung" richtig wiedergegeben ist, eine erhebliche Wendung in der Art der Beurtheilung des Konitzer Mordes herbeiführen wird. Aus diesem Grunde stimmen wir der „Voss. Ztg." vorbehaltlos zu, wenn sie ihrem Bedauern Ausdruck gibt, daß die Mitwirkung der höheren Medizinalbehörden nicht schon früher in Anspruch genommen worden ist. Es war doch wirklich durch nichts gerechtfertigt, daß man mehr als lx/i Jahre hat warten müssen, bis von der Aeußerung einer dieser Behörden etwas verlautet hat." Berlin, 9. Okt. In der heutigen Abendsitzung der „Repräsentanten-Versammlung" fand die Ausloosung des Repräsentanten-Stellvertreters statt. Ausgeloost wurden die Herren Benas Levy, Willibald L ö w e n t h a l, Justizrath Dr. Simon, Ju-