Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 83 (21.10.1901)
- Date
- 1901-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«f»»» 1800 «MMMMUMWLWMWWWWWWWWW Jndifferentismus und Friedhofsruhe im Innern, und knechtisches, kriecherisches Gebühren nach Außen. Höhere, ideale Bestrebungen scheinen geschwunden und an deren Stelle Bequemlichkeit und Materialismus getreten zu sein. Nichts von Gemeinsinn, nichts von dem, was man Solidarität nennt. Ein Jeder rettet, wie aus einem brennenden Hause, seine liebe Person, unbekümmert um die Kranken, Schwachen, die zurückbleiben, unbekümmert darum, ob man nicht mit vereinten Kräften des Feuers Herr werden könne. Wie Biele sind es, die froh sind, wenn sie wenig oder gar keine Erziehung genossen; wie Viele stolz darauf, wenn sie unsere Geschichte nicht kennen, das Hebräischlesen verlernt haben; wie Viele schämen sich geradezu, wenn sie als Juden angesprochen, und sind überglücklich, wenn sie als solche verkannt werden; und wie Viele sind tief befriedigt, wenn sie Juden und jüdischen Angelegenheiten geschickt aus dem Wege gehen können. Von den stolzen Höhen der Bildung und der vermeintlichen Emanzipation blicken sie mit Verachtung auf diejenigen hernieder, die sich noch an der Tradition halten, mit Liebe noch am Judenthum hängen und ein Herz für ihr Volk ssch noch bewahrt haben. Es ist geradezu beschämend und erniedrigend, wie gewisse Komilitonen um den Verkehr mit christlichen Kollegen buhlen, wie sie, wiederholt unsanft zurückgewiesen, sich immer wieder an ihre Rockschöße hängen. Von allen Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften u. s. w. sind Juden ausgeschlossen. Da versuchte man unter falscher Flagge zu segeln. Akademisch-litterarische und sozialwissenschaftliche Vereinigungen mit den verschiedensten Namen wurden von Juden in's Leben gerufen, um d a womöglich unterzutauchen. Doch es half nichts. Sobald eine dieser Vereinigungen eine erschreckend große Zahl von Juden aufzuweisen hatte, kam dieselbe in Verruf, und alles zeigte mit dem Finger auf die Judengesellschaft. Ein solches kriecherisches, aufdringliches Benehmen zeigt nur von moralischer Feigheit, und diese Nichtachtung ihrer selbst muß sie in den Augen ihrer Feinde doppelt und dreifach verächtlich machen. Dies hatte sich auch voriges Semester eklatant in Berlin gezeigt. Es handelte sich um das Hineinbringen von jüdischen Komilitonen in den Vorstand der akademischen Lesehalle, die in Berlin eine große Rolle spielt. Der „V. I. St." Berlins war es, der sich dieser schwierigen Aufgabe unterzog. Es galt einerseits, die indifferenten Massen der jüdischen Studentenschaft aufzurütteln, zu organisiren, andererseits den Kampf gegen den „Verein deutscher Studenten" aufzunehmen, eine Vereinigung, die bekanntlich ausgesprochen antisemitisch ist und kraft ihrer numerischen Stärke eine hegemonische Stellung in der Studentenschaft Berlins einnimmt. Der glückliche Ausgang dieses Kampfes ist bekannt. Jakobsohn, ein Mitglied des „V. I. St.", wurde gewählt. Interessant ist aber eine Erklärung, die Herr Redakteur Becker im Namen des „V. D. St." in der öffentlichen Versammlung bei dieser Gelegenheit abgegeben hat. Auf die Frage Jakobsohn's, wie er sich die Lösung der Judenfrage denn denke, antwortete er wörtlich: „Ich gestehe, daß ich die Lösung nicht kenne. Wollen wir aber mit Juden Zusammenleben, so wollen wir es wenigstens mit solchen, die wissen, wo die Wurzel ihrer Kraft ist, und nicht mit jenen, die weiter nichts sind, als gebrochene Existenzen." Wir wissen, meine Herren, wen dieser von christlicher Seite gemachte Vorwurf treffen sollte. Es sind die jüdischen Verbindungen, die Kouleur tragen und sich Namen beigelegt haben, die durchaus nicht geeignet scheinen, die Juden als solche zu kennzeichnen, eher dieselben zu maskiren. Wir dagegen haben eine bessere Meinung von diesen jüdischen Verbindungen. Wir wissen, daß sie meistenthcils ursprünglich sich als bewußte Juden zusammengethan haben, daß sie auch gegenwärtig auf Beleidigungen, die sie als Juden oder das Judenthum treffen, reagiren. Wir wissen sogar, daß aus der einen und der anderen dieser Korporationen Männer hervorgingen, die in Wort und That mit Begeisterung für's Judenthum eintreten. Wir wissen es erfreulicherweise aus persönlicher Erfahrung. Allein das sind vereinzelte Erscheinungen, und selbst diese sind das Produkt der Individualität der betreffenden Herren und nicht der erzieherischen Thätigkeit der Verbindungen, der sie angehörten. Eine jüdische Verbindung kann entweder auf der religiösen oder nationalen Idee, oder auf beiden zusammen basiren. Wenn aber keine dieser Ideen als der der Verbindung zu Grunde liegende Gedanke zugegeben wird, so hat eine solche Korporation für das Judenthum keine Bedeutung. Die jüdischen Korporationen haben in der That fast ausnahmslos eine unerfreuliche Entwickelung genommen. Sie sind jetzt größtentbeils mehr oder minder Geselligkeitsvereine und säbelrasselnde Trutzverbindungen. Mit dem Versprechen. sich nie zu taufen, das übrigens nicht immer eingehalten würde, mit diesem Versprechen, das manche Verbindung ihren Mitgliedern abnimmt, ist dem Judenthum nicht gedient. Ungehindert ist der Antisemitismus gerade innerhalb der Studentenschaft mächtig angewachsen, ungehindert konnte der Jndifferentismus unter den jüdischen Akademikern immer größere Dimensionen annehmen, ungehindert schreitet der Verfall des Judenthums vor sich, und ungehindert nimmt das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Tag zu Tag ab. So sind die Zustände, die gegenwärtig unter der jüdischen Studentenschaft herrschen, so ist es um unsere intelligente Jugend von heute bestellt. Wie sind da die Ideale eines Mendelssohn, eines Gabriel Nießer, die von gleichberechtigten, aber stolzen, selbstbewußten Juden auf der Höhe der Zeitbildung träumten, wie sind da diese Ideale zu Schanden ge-