Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 82 (17.10.1901)
- Date
- 1901-10-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1*84 WWWWWWWW einander flössen. So schmolz er denn nicht selten an der eigenen Kohle. Ich sehe ihn noch im Geiste, wie er auf dem Gipfel solcher Kunstleistung sich bewegend, unter Theilnahme der ganzen Gemeinde, der Vertreter sämmtlicher Behörden und aller Schichten der Bürgerschaft die renovierte, prachtvoll geschmückte Gemeindesynagoge für ihre heilige Bestimmung weihte. Alle Festtheilnehmer waren von der Gewalt seiner Worte mächtig bewegt. Zu besonders hinreißender Gewalt erhoben sich seine Reden am Sabbat teschuwo und Sabbat haggodaul. Das waren für ihn jedesmal gar anstrengende Tage. Vormittags hielt er eine Predigt, Nachmittags eine Derascha im echten Sinne des Wortes. Bei letzterer verstand er eS wieder so meisterlich, den alten Geist in neue Schläuche zu füllen. Von der Eindringlichkeit, mit welcher er Vormittags zur Buße predigte, läßt sich schwer eine Schilderung geben. Das mußte schon ein hartgesottener Sünder sein, der sich da der Thränen erwehren konnte. Die Derascha Nachmittags wurde nach allen Regeln talmudischer Technik und mit wahrhaft architektonischer Kunst in der Anordnung und dem Aufbau der Gedankenmasten durchgeführt. Daß dieselbe keinen bloßen Schlag gegen das Master bedeutete, dafür war hinreichend Vorsorge getroffen. Denn eS wurden Einrichtungen geschaffen, daß das betreffende Thema vier Wochen vorher von allen Gelehrten in einem sich immer ausweitenderen Kreise von Schülern behan delt wurde. So kam es, daß er bei solchen Gelegenheiten stets vor zahlreichen, mit Verständniß folgenden Zuhörern sprechen konnte. In der Regel wurde die Disputation über das in Verhandlung gestellte Problem am Sabbat, der in die Festtage fiel, fortgesetzt und zum Abschluß gebracht. Er schwelgte im Genüsse höchster Wonne, wenn die Aufführung des Gedankenbaues bis auf den letzten Stein ihm wohlgelungen schien. Welch' fromme Pietät zeigte sein Verhalten der Mutter gegenüber. Die Zartsinnigkeit der Empfindung, in welche seine Seele sich ihr gegenüber erging, das zu schildern, ist der Kraft der Feder versagt. Es war uns, als beträten wir heiligen Boden, wenn er am Fahrzeitstage des Vaters uns in dessen Studiersaal führte, um uns dort einen Perek Mischnajoth vorzutragen. Er erwähnte aus diesem Anlaste in der Regel irgend einen Gedanken, oder eine Auslegung von demselben. Die fromme Innigkeit, mit welcher er dann das Kaddischgebet sprach. war geradezu rührend. Seine kindliche Ergebung dem Vater gegenüber kennzeichnet ani besten die Thatsache, daß er stets, bevor er das Neilahgebet vortrug, sich in dessen Talith hüllte und letztwillig anordnete, duß man ihn zur letzten Ruhe an dessen Seite betten solle. Wenn seine Kraft leider früher, als irgend ein Mensch es ahnen konnte, zusammenbrach, so ist es ja für Keinen, der ihn in seiner Rastlosigkeit kannte, ein Geheimniß, daß es die Folge von geistiger und leiblicher Ueberanstrengung war. Allein wo lag denn der stachelnde Ansporn zu solch' gewaltiger Ueberanstrengung aller Kräfte? Etwa in einer unzufriedenen, stets nörgelnden Gemeinde? Gerade das Gegentheil ist der Fall. Alles, was auf ihn Einfluß gewinnen konnte, drängte unablässig in ihn, sich doch größerer Schonung zu befleißigen. Doch alle diesbezüglichen Vorstellungen blieben erfolglos. Für meine Auffassung lag der Dränger ans einer fiir keinen Menschen nah baren Stelle. Das Vorbild des Vaters schwebte so unerreichbar hoch vor seinem Geiste, daß er demselben nie gerecht zu werden vermeinte. (Schluß folgt.) Zeituttgs«achrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 15. Dlt. Wegen Aufreizung verschiedener .Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthatigkeiten sollte heute gegen den Grafen Pückler, Kl. Tschirne, und den Redakteur der „Staatsb. Ztg.", Böckler, vor der ztveiten Strafkammer des Landgerichts I verhandelt werden. Jnkriminirt waren zwei Reden, die Graf Pückler in zwei antisemitischen Versammlungen in den Konkordia feilen gehalten und die Berichte, ivelche die „Staatsbürg. Zeitung" über diese Versammlungen gebracht hat. Beim Aufruf der Sache war der Angeklagte Vöckler zur Stelle, sowie eine Reihe von Zeugen. Gras Pückler war nicht erschienen; es lag auch kein Entschuldigungsschreiben von ihm vor. Der Vorsitzende stellte fest, daß Gras Walter Pückler s. Zt. beantragt hatte, ihn vom Erscheinen zu entbinden. Darauf sei ihm nntgetheilt worden, daß dies nicht angängig sei. Staatsanwalt Kan zow beantragte die Verhaftung des Grafen Pückler, da es scheine, als ob derselbe jetzt gewohnheitsmäßig den gerichtlichen Vorladungen sich entziehe. So habe er auch nach Dresden zu einem dort anstehenden Termin transportirt werden müssen. Im klebrigen beantragte der Staatsanwalt, die Sache zu trennen und gegen der. Angeklagten Böckler allein zu verhandeln. Einer solchen Trennung widersprachen der Angeklagte und sein Bertheidiger, da das subjektive Moment sehr wesentlich sei lind der Gerichtshof vielleicht zu einer anderen Ans legnng der Artikel komme, wenn er die Persönlichkeit des Grafen Pückler vor sich habe. Staatsanwalt Kanzow er>viederte, daß es nach der bekannten Reichsgerichtsentscheidung nicht darauf ankomme, welchen Eindruck Graf Pückler mit seiner Rede auf die begrenzte Zahl seiner Zuhörer gemacht habe, sondern welchen Eindruck die weiter verbreitete Rede auf einen.größeren Personenkreis macht. Der Gerichtshof beschloß Vertagung und Vorführung des Grafen Pückler zuni nächsten Termin.