Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 82 (17.10.1901)
- Date
- 1901-10-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Erste Aeil'age zu M 82 de 4 66 leitender 11 i f c l. Lrinnerungsblätter auf Sas jch'chc Srab niiftrrä qroRni Üiripcrs uni) üfprta dcö Kabb. Dr. Selig Auerbach y'xt in ftalbevftabt. Bon Rabb ner Dr. Daniel. Kink—W i e n. IV. Was feine amtliche Wirksamkeit betrifft, so fesselten, >vie sich leicht denken läßt, hauptsächlich seine Predigten meine Aufmerksamkeit. Er wendete dieser Seite seines Berufes leine übermäßige Sorgfalt zu. Seine Kanzelvorträge bereitete er nur dem Gedankengange nach vor, die Form jedoch überließ er der Eingebung des Augenblickes. Bei dem Reichthum an Gedanken, über den er verfügte, und bei der großen Gewalt, mit der er über die Sprache herrschte, konnte er damit für gewöhnliche Fälle sein Auslangen finden. Er sprach vollkommen frei, benutzte keinerlei Notizen, zitierte selbst alle herangezogenen Texte — ganze Stellen aus Bibel, Talmud und Midrasch — genau dem Wortlaute nach aus dem Gedächtnisse her. Sein Organ hatte einen vollen Klang unb bewegte sich am kräftigsten in der Mittellage. Die Aussprache war lute Krystall, so klar und frei von jedem Auklang an eine besondere Mundart. Der Sprudel der Rede ergoß sich ohne Stocken über seine Lippen. Es getvann, wenn er da oben stand, nicht selten den Anschein, als ob er ein besonders harter, unerbittlicher Eharakter wäre. Es sind auch Aeußerungen dieser Art verschiedentlich mir zu Ohren gekommen. Es hing dies jedoch nothwendig mit seiner gesammten Auffassung der Dinge zusammen. Unter einer modernen Predigt verstand er zunächst etwas anderes, als eine Veranstaltung, die Gemeinde schöngeistig zu unterhalten. Worte der Anerkennung, des Dankes und der Aufmunterung für diejenigen, tvelche ihm folgten, hatte er nur wenige. Ihre Leistungen schienen ihm mit Dankesworten aus seinem Munde nicht hinreichend quittiert. Dagegen drang er mit so getvaltig erschütternden Tönen in die Seele, die er verloren glaubte, that so machtvolle Griffe an ihre Herzen, rüttelte so gar ungestüm an ihre Gewissen. Die Arznei, glaubte er, sei für die Kranken, die Gesunden könnten ihrer ohnehin entrathen. Was Wunder, wenn sich dem Fernstehenden der gedachte Eindruck ergab? Und doch, welch' grobes Mißverständniß konnte einem unterlaufen, wenn man daraufhin ein Urtheil über seinen Charakter bauen wollte! Ich wüßte nicht, wo in aller Welt es eine edlere Seele, mit einem liebevolleren Herzen vereinigt, je gegeben hätte. Das heftige Pochen an die Gelvissen — es mochte wohl manchem, der es lieber in süßen Schlummer gewiegt sehen wollte, lästig erscheinen. Seine Art aber, es immer wieder unter die Einwirkung des Feuer stromes seiner Rede zu stellen, war so erfolglos denn doch nicht. Fn jeder Gemeinde begegnen uns heutigen Tages engere, oder gar weitere Kreise, denen Religion überhaupt ein überwundene»' Standpunkt ist, die davon nichts mehr wissen mögen. Unter seinen Fuhörern konnte es solche nich! geben. Auch aus den Widerstrebenden ivar sein Wort nicht ohne Wirkung. Da gab es lein Ansiveichen. Hier mußte Feder zur Religion und ihren Proble'nen Stellung nehmen, Anch nur ein verlorenes Schaf vergällte ihm die Freude an seiner Heerde.! Es lag so etwas von dem pathetischen Schwung! eines Jesaja in feinem Wesen. Für seine Ausfassnng; sollte die jüdische (Gemeinde schon durch ihre ciefammie i innere und äußere Haltung die unzweideutige Beknn | dnng einer göttlichen Offenbarung der Welt gegenüber! bilden. So ivar denn.ancki sein Berhalten den Gemeinde. | Mitgliedern gegenüber, obne iede Ausnahme, ein dnrck> ■ aus väterliches. Aus Anlaß besonderer Fami-.r-'v.! ereignine machte er bei Allen, stets in Begleiiuug seiner j Gemahlin, Besuche. Er hielt es iedoeh aneb ander er sei! r | in den Befugnissen seiner Stellung gegeben, erforder; lieben Falles steh den 'Besuch seiner Gemeindemitglied.- i zu erbitten. Svl-ben Aufforderungen ivurde stets To! ge gegeben. Füe Casualnälle, als Trannnas und Leichen reden, nahm er d>w bieget nach keinerlei Honorar an. Röthigte man ilnn ein solches ans, so ivurde es ba wieder an Arme vertheilt. Bei "Erstorbenen. die in j ihrem religösen, oder moralischen Lebensinandel üffet:: lieh Anstoß boten, lehnte er die Abhaltung einer Trauerrede ab. Wo sedoch die Gelegenheit danach angethon war. i da sche'ste er auch eine eingehende Vorbereitung für fei",'; Predigten nickst. Dieselben erhoben lieb alsdann n r Höhe klastischer Vollendung. Periode reihte steh m Periode, wie Perlen an einer Schnur. Der so sproeb, von dem konnte man es merken, daß er bei Griechen und Römern in die Schule gegangen ivar. Doch bestand dabei noch immer ein großer Unterschied. Während der Grieche mit der eiligen Rnbe des und.' tbeiliaten Anschauers den kunstvollen Ausbau der Rede vollzog, ivogte hier ein inneres Feuer, durch welches VU strengen Linien der Kunstformen ganz allgemach in