Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 82 (17.10.1901)
- Date
- 1901-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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MM^WNMWVWWWMWWWWWWWWWWDWW 1760 gierung des Kantons Vaselstadt ein Grundstück von 1600 Quadratmeter zum Preis von 40,000 Frs. käuflich erworben. Die zur Errichtung des Waisenhauses benöthigten Pläne sind in Arbeit. Feuilleton. Nach vierhundert Jahren. yj Von Friedrich Rott. ..Möglich," erwiederte das junge Mädchen, den schönen Kopf leicht wiegend, „vielleicht auch nicht. Ich habe, wie Sie gehört haben werden, heute Vormittag eine Szene mit meiner Juanita gehabt, die sich erdreisten wollte, mir Vorschriften über mein Thun und Lassen zu machen. Daß ich mir das nicht gefallen lasse, können Sie sich denken, dabei hat sie sich aber erlaubt, die Frage aufzuwerfen, was wohl mein Vetter Alfred dazu sagen würde —" „Zu was?" fragte die alte Dame mit erwachendem Interesse, „daß Sie eine alte Judenfrau besuchen?" „Liebe, liebe gnädige Frau!" rief Jsabella aufspringend und beide Hände der alten Dame ergreifend, dieselben innig drückend, „ich bitte Sie um's Himmelswillen, sprechen Sie doch nicht so häßlich von sich. Sie. eine alte Judenfrau!" — — „Was bin ich denn anders?" fragte Frau Müller lächelnd. „Was Sie sind? — All' zu bescheiden sind Sie!" „Allzugroße Bescheidenheit soll keine jüdische Eigenschaft sein, sagen unsere Widersacher." „Aber Sie haben überhaupt keine jüdische Eigenschaft," eiferte Jsabella, „nicht eine einzige —" Ein feines Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. „Liebes Fräulein, wenn mir das ein Anderer sagte, würde ich es ihm sehr übel nehmen. Ich sollte keine iüdischen Eigenschaften haben? — Ich glaubte, im Gegentheil ruir schmeicheln zu dürfen, keine einzige Eigenschaft zu besitzen, die nicht echt jüdisch —" Das junge Mädchen war glühend roth geworden. „Verzeihen Sie!" bat sie in flehendem Ton, „ich habe Sie nicht verletzen wollen — sicherlich nicht —" „Das weiß ich, Fräulein, und ich verstehe vollkommen, was Sie mit der Behauptung, ich hätte keine jüdische Eigenschaft, sagen wollten. Sie haben doch heute morgen erwähnt, daß Sie die Juden eigentlich nur aus einigen Theaterstücken und Witzblättern kennen, wo wir gewöhnlich nur in Karrikaturen zu finden sind. Und da Sie mich keiner der uns ^gedichteten Eigenschaften fähig halten, und ich auch nicht im Jargon rede, so glaubten Sie mit gutem Gewissen versichern zu können, daß ich keine einzige jüdische Eigenschaft besitze —" „Liebe, gnädige Frau — wenn Sie mir nur verzeihen wollten —" „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Kind, ich sehe ja ein, Sie glaubten, mir etwas Angenehmes zu sagen." „Ich habe eine entsetzliche Dummheit begangen, als ob ich bei Juanita in die Schule gegangen wäre — wenn Sie wüßten, wie ich mich schäme. Aber sind Sie mir nur nicht böse! ich bitte inständig!" „Seien Sie unbesorgt, liebes Fräulein, ich bin Ihnen nicht böse und habe auch gar keine Ursache, Ihnen böse zu sein." „Ursache hätten Sie allerdings, mir zu zürnen, ich habe Sie doch beleidigt!" „Sie haben mich keineswegs beleidigt, im Gegentheil, ich erkenne an, daß Sie die Absicht hatten, mir — vielleicht gar eine Schmeichelei zu sagen," fügte sie lächelnd hinzu. In dem ausdrucksvollen Angesicht des jungen Mädchens stieg die Farbe noch höher. „Wenn Sie wüßten, wie ich mich über meine Eselei ärgere. Aber ich bin nur froh, daß Sie mir nicht darüber zürnen. Sie haben gesagt, wenn Ihnen das ein Anderer sagen würde, daß Sie leine einzige jüdische Eigenschaft hätten^, so würden Sie ihm das sehr übel nehmen —" „Allerdings, wenn mir z. V. ein gesetzestreuer Jude dies sagte, so würde ich mich dadurch sehr beleidigt fühlen." „Aha, ich fange an, zu verstehen. — Sie wissen, daß ich die spezifisch jüdischen Eigenschaften nicht kenne und deßhalb fühlen Sie sich durch meine diesbezüglichen Aeußerungen nicht verletzt." „So ill's. Ihnen gelten, oder — es ist Ihnen vielleicht lieber, wenn ich sage galten — bisher als spezifisch jüdische Eigenschaften Geldgier, die Sucht zu betrügen, eine gewisse kanibalische Neigung, ganz besondere Vorliebe für Christenblut —" „Nein, nein, gnädige Frau," fiel Jsabella lachend ein. „daran habe ick nie geglaubt." „Nicht? Das ist schön von Ihnen." „Wie Sie spötteln können, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut." „Warum nicht? Spötteln, harmlos spötteln, ist eine charakteristisch jüdische Eigenschaft. Dadurch haben wir den Hohn und den Spott, mit dem unsere Feinde zu allen Zeiten uns überhäuft haben, weit leichter ertragen." Jsabella blickte aufmerksam zu der alten Dame hinüber. „Ich glaube, gnädige Frau, wenn alle Juden so denken, wie Sie, so hat sie der Spott der Außenwelt gar nicht berührt." „Daß er uns gar nicht berührt hätte, möchte ich nicht behaupten, aber allerdings sehr wenig." „Das ist merkwürdig. Wenn ich dächte, daß Jemand über mich spotte, so wäre ich in Verzweiflung und würde ihn hassen —"