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Der Israelit · 1901-10-17 · Heft 82 (17.10.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 82 (17.10.1901)
Date
1901-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1776 lust an Gütern? Wenn sie nur so viel hatten, um der äußersten Noth begegnen und Sabbat und Festtage würdig empfangen zu können, dann hatten sie genug und sie fühlten sich sogar reich. Der Besuch des Gotteshauses, das andächtige Gebet in demselben, das Lauschen auf das Vorlesen der Thora, die Beschäftigung mit derselben im Hause, bot ihnen reichlichen Ersatz für die Mühen der Werktage. Treten aus jenen Zeiten nicht zahllose Jobsgestalten uns entgegen, Männer, von denen man sagen konnte, „tadellos, rechtlich und gottesfürchtig." Oft nichts ahnend, mitten in ihren Festfreuden, erschien der Störenfried und trieb sie aus dem lichtumflossenen Heim hinaus in die finstere Nacht. Sie blieben dennoch ihrem Gotte treu, fluchten nicht ihrem Geschick und trösteten sich mit dem Worte ihres großen Vorbildes: „Das Gute haben wir angenommen, sollten wir das Schlimme nicht auch annehmen?" Unsere neuzeitlichen Novellenschreiber überbieten sich an Schilderungen solcher Bilder, manchmal — wer fände dies nicht tadelnswerth? — begleiten sie dieselben sogar mit spöttelnden und höhnenden Phrasen, um recht geistreich bei der gedankenlosen Menge zu erscheinen. Der Spätgeborene gesteht sich aber nicht ein, daß sein Leben und Streben, das nur Haschen und Jagen kennt, eigentlich viel inhaltsloser ist. Seinem Thun und Treiben fehlt jede religiöse Weihe. Weder T'fillin, noch T'siloh, weder Kiddusch noch Hawdoloh geleiten ihn auf seinem Gang, und selbst die „hohen Feiertage" laßen ihn vielfach nicht mehr zur Sammlung kommen, und sein ganzer Gottesdienst ist höchstens zum „Kaddischsagen" zusammengeschrumpst. Wird aus dieser Zersetzung neues Leben erblühen? Diesen bangen Zweifel will der Midraschlehrer mit dem Hinweis auf Job lösen. Er will damit andeuten, daß dieser Zerfall nothwendig für eine bessere Gestaltung eintreten muß, und noch ein Zweites will er uns lehren. Es ist für die Bereicherung der Erfahrungen viel werthvoller, wenn man sie durch eigene Anschauung kennen gelernt hat und von einem Punkte aus die Entwickelung der Familie in ihren drei Stadien verfolgen kann. Wer nur in dem Werdegang Aufblühen und Welken und nicht Ersteben neuen Lebens sieht, kommt zu dem Schluß, daß alles schließlich dem Untergang anheimfällt. Nur wer, wie Job, den Entwickelungsgang in seiner dreifachen Gestaltung sich zu erklären sucht, wird den Werth der Erscheinungsformen zu würdigen wissen. Als lebenden Zeugen nennt uns ferner der Midrasch Daniel. Ihm war es möglich, die höhere Einheit, den Staat, von diesen Gesichtspunkten aus zu überschauen und in noch höherem Maße hatte Noach dasselbe von der Gesammtmenschheit erfahren. Ziehen wir aus dem Bisherigen für uns die tröstliche Zuversicht, daß aus dem religiösen Zerfall unserer Zeit, der von keiner Seite bestritten werden kann, trotz der vielfach recht unzulänglichen und verkehrten Mittel, die zum Einhalt angewandt werden, wieder eine andere Zeit anbricht, in der wir uns wohler fühlen werden. Diese wird sich nicht genug wundern können, über die Jrrgänge, durch die Israel sich hindurchgewunden hat. Ein mitleidiges Lächeln wird sie haben für all' die Abweichungen von der geraden Richtung und wird den Kops schütteln über Fortschritt und Aufklärung im Judenthum aus den Tagen ihrer Vorgängerin. M. Schweitzer- Glogau. Zeitungsnachrichten und Corresponvenzen. Deutschland. Berlin, 14. Ott. Aus dem Bureau des „D.-J. G.-B." erhalten wir folgende Mittheilung: Als der „Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund" vor Jahresfrist die Begründung einer jüdischen Fürsorge-Anstalt als wünschenswerth erklärte, konnte er selbst kaum ahnen, in welchem Grade das Bedürfniß hierzu vorhanden ist. Im Mai d. I. ist die durch ein hochherziges Geschenk des Rentier R o s e n st i e l 'scheu Ehepaares und durch die bereitwillig seitens vierzig jüdischer Gemeinden Preußens zur Verfügung gestellten Beiträge ermöglichte Eröffnung der „Israelitischen Fürsorge-Erziehungsanstalt in Repzin bei Schivelbein" erfolgt, und bereits sind aus den verschiedenen Landestheileu zehn Knaben eingewiesen, zwei fernere Anmeldungen sind bereits erfolgt, mehrere weitere stehen in naher Aussicht. An der Spitze der Anstalt, deren Kuratorium sich aus Ausschus'.mitgliedern des „D.-J. G.-B." und den Vertretern der den höchsten Beitrag leistenden Gemeinden zusammensetzt, steht Herr Erziehungs-Inspektor Nosenbaum, früher Inspektor des Israelitischen Waisenhauses in Jnowrazlaw; ihm ist als Aufseher und Helfer in der technischen Ausbildung der älteren Zöglinge Herr Gärtner Sommer, früher Zögling der Ahlemer Anstalt beigegeben. Von den bereits überwiesenen oder angemeldeten Zöglingen stammen je drei aus der Rheinprovinz und aus Berlin, zwei aus Ostpreußen, je einer aus Hessen- Nassau, Sachsen, Westfalen und Schlesien. Das Alter der Zöglinge schwankt zwischen 11 und 17 Jahren. Leider hat sich herausgestellt, daß die Schaffung einer Anstalt für Mädchen noch dringender war, als die von den Deeernenten ans dem Kultusministerium für die am notwendigsten erachtete Anstalt für Knaben. Sobald die mannigfachen Arbeiten für die Repziner Anstalt dem Kuratorium die notwendige Muße verstatten werden, wird es nicht unterlassen, sich um die Schaffung einer Fürsorge-Erziehungs-Anstalt für Mädchen zu bemiihen. Berlin, 14. Qkt. Ein amtliches Gutachten über die Ermordung des Ernst Winter in Könitz ist aus Anlaß des Prozesses gegen die „Staatsbürger-Zeitung"

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