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Der Israelit · 1901-10-14 · Heft 81 (14.10.1901) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 81 (14.10.1901)
Date
1901-10-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1760 vor, daß er durch Amtsgeschäfte behindert, zu dieser Lehrstunde etwas spater kam. Beim Eintritt in das Lehrzimmer konnte ihm keine größere Freude widerfahren, als wenn er beobachtete, daß die Gedanken auch ohne sein Hinzuthun bereits bei uns arbeiteten. In solchen Augenblicken sah ich öster sein Gesichi von einem wahren Freudenschimmer verklärt. Auch in der späten Abendstunde, nach der Nachtmahlzeit, war sein Tisch wieder von Lernbefliffenen dicht besetzt. Es ist der größte Ruhm dieses eben geschilderten Tagewerkes, daß es sich mit einer nie aussetzenden Regelmäßigkeit vollzog. Wer es einen Tag lang beobachtete, gewann hierdurch zugleich das Bild seiner Fahre, ja seines Lebens überhaupt. So erschöpfte sich seine ganze Kraft in dem einen Ziele nur, den Geist der Ewigkeit in den engen Rahmen der Zeit zu spannen. Auch die Freuden des Lebens waren ihm nur dann genießbar, wenn sie sich in diese Sphäre erhoben. Mit welchem Jubel, der sein ganzes Wesen in einen hehren Glanz hüllte, wurden da die Sabbat- und Festtage empfangen! Wie ein Kind, das von der Welt und ihrem Treiben noch keine Ahnung hat, konnte er da fröhlich fromme Weisen anstimmen. Ein einziger Abglanz reinsten-Glückes verklärte die ganze Familie, von welchem die solchem Geiste entfremdeten Kreise schwerlich eine Vorstellung gewinnen können. Es bedarf der besonderen Betonung nicht, daß solche Familienfeiern auf Kinder und Alle, die daran theilzunehmen das Glück hatten, von unauslöschlichem Eindrücke waren. Von solchen Wahrnehmungen ausgehend, ist es! mir zur vollendeten Ileberzeugung geworden, daß der j Niedergang des Judenthums in unserer Zeit Hauptfachj lich dem Umstande zur Last fällt, daß bei uns Sabbatj und Festtage der herzlichen Freude in der Familie entj kleidet sind. Das ganze Judenthum muß solcher Art! dem Kinde schon als nichts anderes denn eine traurige j Einöde erscheinen. i Soll ich nun erst von den feierlichen Accorden erj zählen, mit welchen Neujahrs- und Versöhnungstag! seine Seele erbeben machte? Beim Austritt aus der Synagoge am ersten Neujahrsabend erschien er uns als ein anderer, höher gestimmter Mensch. Das Sukkoth-; fest war ihm wirklich ein solches wahrer Freude und! nicht der nüchternen Eintönigkeit. Wenn ich nicht irre,! feierte er in den Halbfeiertagen regelmäßig die Wiederkehr seines Verlobungstages. Er hatte auch vollkommen Recht, wenn er diesen Tag immer auf's Neue festlich beging. Und nun erst Simchath-Thora! Eine solche Chatan-Thora-Feier, ich weiß nicht, ob ihresgleichen noch irgendwo anzutreffen wäre. Nachmittags strömte die ganze Gemeinde, ohne jede Ausnahme, in seiner Behausung zusammen. Ohne Unterschied wurde Jeder mit der größten Zuvorkommenheit bewirthet. Bei dieser Gelegenheit hielt er immer eine seiner glanzvollen Reden. in welchen er zum eifrigen Studium der Thora eindringlich aufmunterte. Dieselben waren auch stets von Erfolg begleitet. Denn schon am folgenden Tage >vurde mit ausgespannten, schwellenden Segeln auf ihr uferloses Meer tapfer hinausgesteuert. (Fortsetzung folgt.) Zeilungsnaarrtchlc»» nnv «Korrespondenzen. Deutschland. Haulburg, II. Okt. (Hat ein israelitischer Geschäftsinhaber die Rechtsp f l i ch t, während des Sabbats Vertretung i in tt o n i o r z u haben?) Ein hiesiger Kaufmann erhielt von einer Firma in Prag ein telegraphisches Angebot auf eine Maare, über die er vorher eine unverbindliche Offerte gemacht hatte. Das Telegramm traf am Freitag Abend im Kontor zu einer Zeit ein, „wo schon die ersten Sterne am Himmel sichtbar geworden waren und mithin der jüdische Sabbat begonnen hatte" und wo der Geschäftsinhaber, ein strenger Jude, mit seinen Prokuristen — seinen Brüdern — das Geschäft bereits verlassen hatte. Nur ein zwanzigjähriger Kommis war noch da und empfing die Depesche. Da er das Lagerbuch führte und sonst vom Chef über alle Verläufe sofort in Kenntniß gesetzt wurde, aber über den hier fraglichen nichts gehört hatte, so hielt er es, nachdem er den Chef vergeblich in feinem Hause telephonisch zu erreichen versucht hatte, für das Veste, die — den verlangten Preisen entsprechende — Offerte anzunehmen; er schickte deßhalb nach Prag eine mit dem Namen der Firma Unterzeichnete Depesche: „30 Kisten Juli geordnet, X." Unglücklicherweise hatte nun aber der Chef die dreißig Kisten schon verkauft gehabt, ohne dem Angestellten Mittheilnng davon zu machen. Als er des Sonntags Morgens ins Kontor kam und die Sache sich herausstellte, machte er dem Kommis denn auch lebhafte Vorhaltungen über den Abschluß, that aber, obwohl der Kommis meinte, man solle den Sachverhalt sofort nach Prag mittheilen, vorläufig nichts. Vielmehr schrieb er erst am Montag einen Brief, der des Abends zur Post gegeben wurde und in dem er unter näherer Darlegung des Sachverbalts erklärte, daß er nicht liefern könne und werde. Die Prager wollten sich damit nicht zufrieden geben, sie deckten sich anderweit ein und klagten aus Ersatz der Differenz von 720 Mk. Das Landgericht gab dieser Klage statt. Es begründete dieses Urtheil mit der Ausführung, daß es nach kaufmännischer Auffassung so gut wie ausgeschlossen sei, daß in einem nicht unbedeutenden kaufmännischen Geschäfte bei einer solchen regelmäßigen Abwesenheit des Chefs und der Prokuristen Niemand befugt sein sollte, wenigstens einzelne nothwendige Ge-

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