Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 81 (14.10.1901)
- Date
- 1901-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42* Jahrgang. Krke Aeikage zu Jfs 81 des „Israelit." Leitender Artikel. Erinnerungsblätter auf im frischt 8rad ««scrcs grcht« Reiftkrs and Sfrlrrtrs, des Nabb. Or. Selig Nuerbsch in ^alberftabt. Von Rabbiner De. Daniel Fink—Wien. in. Um diese Zeit lehrte er abwechselnd bald Talmud, unter Zuhilfenahme der alten und neueren Commentatoren, bald Joreh deah unter Bezugnahme auf die Quellen, bald wieder legte er uns die Schriften der Propheten aus, deren Gedanken er stets bis in ihr feinstes Geäder hinein verfolgte. Das waren in der That die schönsten Weihestunden des Lebens. Sein Verkehr mit den Schülern athmete den Geist, in welchem sich etwa Rabbi Akiba unter den Schaaren seiner Jünger bewegte. Alle Kräfte des Geistes wurden unter vollster Anspannung in Dienst gestellt. Kein höheres Ziel und keine andere Rücksicht gab es da, als die Erforschung der Wahrheit. Von diesem Streben wurden die Geister so voll in Anspruch genommen, daß die Grenzen zwischen Meister und Jünger sich fast wie von selbst verwischten. Jener ward zum Jünger, der eine schwierige Stelle unermüdlich in immer neuen Versuchen, nach ihrem letzten Sinn ausforschte. Wir wiederum traten in den Rang eines Meisters, indem er jeden bei uns auftauchenden Gedanken, mochte er noch so unreif sein, aufnahm, um ihn auf seine Richtigkeit zu prüfen. Wir Jünger bildeten überhaupt eine Art Lebenselement höheren Ranges für ihn. Wer in diesem sein Verhalten ihn beobachtete, der konnte eine Vorstellung davon gewinnen, wie es in den Schulen unserer Propheten hergegangen sein mochte. Ganz in modernem Gewände lebten da die Verhältnisse wieder auf, die sonst unserem Gesichtskreise völlig entrückt scheinen. Diese wunderbare Verschmelzung des antiken jüdischen Geistes mit den Formen des modernen Lebens — das war gerade seine eigenthümliche Kunst, in welcher er eine vollendete Meisterschaft zur Entfaltung brachte. Während er seine Lehrstunden hielt, war er für keinen Menschen zu haben. Eine Ausnahme machte er nur, wenn die Armuth oder die Roth cnv sein gutes Herz pochte. Wo die ihre Stimmen erhoben/ da war er trotz seiner sonst so scharf geprägten Grundsätze — entwaffnet. Was wäre nun gar erst alles über seine Mohltbätigkeit zu erzählen. Er spendete und spendete geradezu unerschöpflich. Ich, der doch nur einen Theil seiner persönlichen Leistungen nach der Richtung hin beobachten konnte, sah mich immer vor ein neues Räthsel gestellt. Wo mochte die Kaffe eines Rabbiners nur all' die Mittel hernehmen? Meiner Schätzung nach dürfte sein ganzer Gehalt den Aufwand für diese Zwecke kaum zu bestreiten vermocht haben. Auch der kraffesten Aufdringlichleit begegnete er nicht anders als mit schonender Nachsicht. Den absonderlichsten Zumuthungen gegenüber verlor er die Geduld nicht. War er ein würdiger Gelehrter, so wurde er mit Ehrerbietung und Zuvorkommenheit ausgenommen. Er wurde regelmäßig zu Tische geladen und bildete dort den Mittelpunkt der Unterhaltung. Ein gediegenes Wort Thauro galt ihm ja als die beste Würze eines Mahles. An Sabbaten gar erst, da fehlten niemals dürftige Gäste an seinem Tische. Er nahm sie auf, ganz wie sie ihm in den Wurf kamen. Gelehrte und Laien, Kaufleute und Handwerker. Gerechte und Ungerechte. Das war ja überhaupt das Einzige in diesem nunmehr abgeschlossenen Leben. Es gab in demselben nichts, das zu verschleiern wäre. Es konnte sich somit in allen seinen Aeußerungen vor den Augen der Jünger, ja vor denen ganz unberufener Zuschauer abwickeln. Was man einen Mittagsschlaf nennen darf, das gönnte er sich weder an Sabbatnoch an Wochentagen. Nachdem das Mittagsmahl eingenommen war, hielt er eine kurze Rast, indem er den Oberkörper ein wenig in die Sophaecke lehnte. Es geschah dies jedenfalls in Berücksichtigung der von Maimonides hilchoth deosh Kap. 4^3 gegebenen Vorschrift. Bald darauf fanden sich die Klausrabbiner, die als Rabbinats-Affefforen gleichzeitig zu seiner Seite standen, bei ihm ein, und es entspann sich sofort ein reger, wiffenschaftlicher Gedankenaustausch. Unserem Geschlechte erscheint der fieberhafte Wettbewerb mit Ueberanspannung aller Kräfte nur erklärlich, wo es sich um greifbare Werthe handelt. Hier jedoch ward mit mindestens gleichem Hochdruck um die Erlangung geistiger Güter gearbeitet. Ja, es kamen dabei Erkenntnisse in Betracht, mit welchen man. heutigen Tages weder vor weiteren Kreisen des Judenthursis, noch viel weniger aber vor der großen Welt Ehre einlegen kann. Vor dem Abendgottesdienste im Sommer und nach demselben im Winter, faßen wir wieder um ihn, um die sechs Ordnungen der Mischnah der-nReiHe nach durchzuarbeiten: - Bei?MharMung der ersten--.wurden ■ auch in dem von. sstmem Vqtsr^verfgßten -Werke ^Mischnoth die rabbi Nathan" gegebenen tiefsinnigen ' Auseinandersetzungen durchgesprochen. Es kam nicht selten