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Der Israelit · 1901-10-14 · Heft 81 (14.10.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 81 (14.10.1901)
Date
1901-10-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1757 habt — sehr, sehr lieb — vielleicht noch lieber, als Du, wenn ich aber auch alle Abend so weinen würde, dann würde mir am Tage der Kopf nicht klar sein und ich könnte den Kranken — Gott behüte — falsche Rathsckläge ertheilen, so das; sie durch meinen Rath, statt gesund zu werden, nur noch mehr leiden müßten, das wäre doch schrecklich. Und wenn Du alle Abend so weinst, dann wird Dir auch am Tage der Kopf nicht klar lein, dann wirst Du gar nichts lernen können — denke nur, wenn das die liebe Mama wüßte, wie sie das schmerzen würde." Da hat das Kind sich aufgesetzt und den Arm um den Hals seines Vaters geschlungen und hat gesagt: „Papa, ich verspreche Dir, ich werde nie mehr weinen!" Und er hat auch Wort gehalten, und von dem Tage an ist er zusehends frischer geworden, und jetzt ist er ja auch ein ganz schöner, frischer Knabe. Und nun bitte ich Sie, gnädiges Fräulein, solchen seinen, lieben Leuten soll man die Wohnung kündigen?" „Rein, das sollen Sie nicht, Frau Holm, ich bin im Gegentheil sehr froh, daß sie hier wohnen, denn ich habe die Absicht, mich ihnen anzuschließen und recht viel niit ihnen zll verkehren." „Recht haben Sie, gnädiges Fräulein," rief Frau Holm erfreut, „!ver einem Gutes gethan hat, den darf man nicht meiden. Und überhaupt, wohin kämen wir, wenn ivir sagen wollten, wir wollen absolut mit keinem Juden verkehren —" „Ich habe bis gestern wissentlich noch mit keinem Juden gesprochen." „Ja bei Ihnen, gnädiges Fräulein, das ist ganz was anders. Aber unsereiner, wenn wir sagen wollten, wir dulden absolut keinen Juden unter unserem Dach, — ja, an manchem Jahre hätten wir dann vielleicht das ganze Haus leerstehen gehabt. — Ich bin nur froh, das die ganze Geschichte nichts weiter als eine Dnmmheck von Ihrer Juanita gewesen ist. Mein Mann wird sich auch darüber freuen." „Ich könnte beinahe beleidigt sein, daß Sie mich einer solchen Handlungsweise fähig gehalten haben," sagte Jsabella. „Aber ich bitte sehr, gnädiges Fräulein, wir haben ja erst seit gestern die Ehre Ihrer werthen Bekanntschaft. Und überdies, heutzutage trifft man solche Ansichten, wie diejenigen Ihrer Juanita, sehr in Ihren Kreisen. Freilich, in Ihrem Falle wäre es doch noch kraffer gewesen —" „Freilich, freilich — und deßhalb möchte ich Sie sehr bitten, Frau Holm, trachten Sie, daß diese Dummheit nicht weiter bekannt wird, namentlich, daß die Familie Müller nichts davon erfährt." Frau Holm rieb sich die rosige Stirn. „Von mir und meinem Manne wird kein Mensch auch nur em -Sterbenswörtchen von dieser Sache -erfahren, dafür kann ich einen Eid leisten. Daß aber die Sache Geheimniß bleiben wird, dafür kann ich nicht stehen. Die Juanita war erregt, mein Mann hat sich fürchterlich geärgert, da sind sie alle Beide laut geworden, so daß sicherlich das Mädchen in der Küche die ganze Geschichte gehört hat. Und gleich darauf habe ich sie unten am Brunnen mit den Mädchen aus dem ersten und aus dem zweiten Stock gesehen, da wird sie ihnen vermuthlich das Vorkommniß erzählt haben." „Das würde mir in Wirklichkeit sehr, sehr leid thun —" „Machen Sie sich nichts daraus, gnädiges Fräulein, Sie sind doch nicht verantwortlich für die Dummheit Ihrer Leute. Und überdies werde ich jetzt sofort im ganzen Haus mittheilen, daß das gnädige Fräulein von dem eigenmächtigen Vorgehen der Zofe nicht das Mindeste gewußt und sich sehr darüber geärgert haben. Und nun empfehle ich mich dem gnädigen Fräulein und hoffe und wünsche, daß dieses die einzige Unannehmlichkeit gewesen ist, die Ihnen in unserem Hause bestimmt war." — — Fort rannte die kleine, runde Frau mit weit leichterem Herzen, als sie gekommen war. Und sie hielt Wort.^ Im ganzen Haus verbreitete sie die Kunde, daß Fräulein von Rauhenstein sich in ihrer Wohnung sehr behaglich fühle und nicht daran denke, auszuziehen. Als jedock Jsabella in den Nachmittagsstunden, der ihr gewordenen Einladung entsprechend, sich hinauf in die erste Etage begab, kam ihr die alte Dame zwar mit freundlicher Höflichkeit entgegen, aber das scharfe Ohr des jungen Mädchens erkannte sofort die fehlende Herzlichkeit. Auch die Kinder reichten ihr wohl die Hand, aber mit einer gelotsten schüchternen Zurückhaltung. — „Warum seid Ihr denn heute Mittag nicht zu mir gekommen, um Eure Bonboniere abzuholen?" fragte Jsabella. „Zuerst haben wir daran vergesten," erwiederte Viktor. „Und dann?"- Die Kinder sahen einander an und blickten dann gleichzeitig zu Boden. „Run, wollt Ihr mir nicht sagen, warum Ihr nicht gekommen seid?" „Die Großmama hat gesagt, Ihr Dienstmädchen könnte uns nicht leiden, und —" „Sie dürfen es nicht übel nehmen, Fräulein von Rauhcnstein, daß die Kinder nicht gekommen sind," fiel Frau Müller ein, „aber Sie werden es begreiflich finden, daß ich sie möglichst vor Beleidigungen schützen möchte." „Und Sie haben gefürchtet, Ihre Kinder könnten bei mir beleidigt werden!? — Liebe, gute ' gnädige Frau, wenn Sie wüßten, wie wehe mir das thut —." Es lag so ckiek 'Jtmigkeit in dem Ton des' jungen Mädchens, daß Fra-wLMller jeden Groll schwinden fühlte und auch ihr Ton ward wieder herzlich wie am Morgen.

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