Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 81 (14.10.1901)
- Date
- 1901-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1756 Enkel des gleichnamigen ersten jüdischen Reformators in Ungarn, des Arader Rabbiners, hat sich diesmal um ein Mandat nicht beworben. In Regierungskreisen wird sein Rücktritt bedauert, das Judenthum wird ihn nicht vermissen. Er ist wohl Borstandsmitglied der großen jüdischen Gemeinde und hat — allerdings nur nach Ansicht des „Egyenlöseg" — dem Judenthum viel genützt, aber seine Kinder hat er selbst zur Taufe geführt. Wir wollen übrigens, mit Erlaubniß der geehrten Redaktion, über das Verhältniß der jüdischen Abgeordneten zu ihrem Judenthum, noch einige Mittheilungeu später folgen lassen. Afrika. Elisabcthgrad. (Antisemitismus im r o t h e n Kreuze.) Aus dem Bericht der Gesellschaft zum „Rothen Kreuze" über ihre Thätigkeit ist zu ersehen, daß oer Antisemitismus selbst in diese ausschließlich im Dienste der reinen Menschenliebe stehenden Gesellschaft sich Eingang zu verschaffen gewußt hat. In diesem Bericht ist nämlich zu lesen, daß die Juden zu den im Hospital von Elisabethgrad von der Gesellschaft veranstalteten Vorlesungen über freiwillige Krankenpflege nur in der „vom Gesetze vorgeschriebenen Norm" zugelasten wurden. Was das für ein „Gesetz" ist, auf welches der Bericht sich beruft, ist für jeden Einsichtigen unerfindlich. Sollte das Komitee mit dem „Gesetz" die willkürliche Verordnung des ehemaligen Kultusministers Grasen Deljanow vom Jahre 1887 meinen, so erscheint die Berufung auf dieses „Gesetz", welches übrigens nur für die unter der Leitung des Kultusministers stehenden st a a t l i ch e n Mittelschulen Geltung hat, von Seiten einer privaten Wohlthätigkeitsgesellschaft umsomehr an den Haaren herbeigezogen, als selbst der russische Finanzminister sich um jene prozentuale Beschränkung nicht kümmert und für die unter seiner Aufsicht stehenden Anstalten eine Norm von 40—50 pEt. festgesetzt hat. Uebrigens genirt sich das Komitee des „Rothen Kreuzes" durchaus nicht, den unentgeltlichen Dienst der jüdischen Aerzte in einer weit höheren Norm, als 10 pCt., in Anspruch zu nehmen. So waren in demselben Hospital zu Elisabethgrad, in welchem auf die Juden die 10 pCt. Norm angewendet wurde, von den 17 der Gesellschaft gratis zur Verwendung stehenden Aerzten 14 jüdischer Konfession. Dazu kamen noch zahlreiche geprüfte jüdische Heilgehülfen, welche in selbstlosester Weise daselbst sich ebenfalls freiwillig in den Dienst der Gesellschaft zum „Rothen Kreuze" gestellt hatten. Von den Juden möglichst viel Steuern und recht viel Soldaten zu nehmen, und ihnen dagegen möglichst wenig Rechte einzuräumen, war eben von jeher das Ideal der antisemitischen Internationale gewesen. T. Feuilleton« Nach vierhundert fahren. 8| Von Friedrich Rott. „Iw begreife das nicht," sagte Frau Holm, „solch' nette Familie, — und die .Kinder, so lieb und schön, so wohlerzogen, alle Parteien im ganzen Haus unterhalten sich gerne mit denselben. Wir haben es oft beobachtet, sie sind sehr höflich, grüßen immer, wenn sie Einem sehen, aber sie kommen zu Keinem, wenn sie nicht gerufen werden. Ach, wenn Sie die Kinder gesehen hätten, wie sie ausgesehen, als sie das erste Mal hierherkamen — jetzt sind sie ja frisch und rosig, aber damals waren sie so blaß und so zart — und der Herr Doktor hat ausgesehen, wie eine wandelnde Leiche, und die alte Dame so abgehärmt. Ich habe ihr Mädchen gefragt, ob sie Alle krank gewesen wären, aber dasselbe sagte, nur die Kleine, die Selma wäre krank gewesen, aber die Mutter von den Kindern sei gestorben, darum tvären sie Alle so traurig, lind einige Tage später erzählte das Mädchen, daß der Knabe, der Viktor, alle Abend stundenlang im Vett liege und weine, und daß er auch in der Nacht im Schlafe oft schluchze und Mama! Maina! rufe. Der Herr habe das aber nicht geivußt, weil er Abends gewöhnlich im Kurhaus die Zeitung lese. Aber an einem Abend wäre er zufällig zu Hause gewesen und hätte das arme Kind leise weinen gehört. Da hätte er sich an des Knaben Bett gesetzt und ihm zugeredet. Ich versichere Sie, gnädiges Fräulein, wie das Mädchen mir das erzählt hat, da sind ihr selbst die Augen voll Wasser gestanden. Wie der Herr Doktor immer das Kind gestreichelt und zu ihm gesagt hätte, „mein lieber Viktor, mein guter, braver Viktor, Du darfst nicht so viel iveinen, sonst könntest Du krank werden. Und wenn man trank ist, dann kann man nicht so alle seine Pflichten erfüllen, wie wenn man gesund ist, darum ist jeder Mensch verpflichtet, sein Möglichstes zu thun, um gesund zu bleiben. Und Du weißt doch, lieber Viktor, die gute Mama hat mich gebeten, dafür zu sorgen, daß Du immer alle Deine Pflichten erfüllst und brav und fromm werdest, aber dazu mußt Du vor allem gesund sein. Und wenn die liebe Mama auch nicht mehr bei uns ist, so hat sie doch Freude davon, wenn Du brav bist; und wenn Du — Gott behüte — nicht brav fein würdest, so würde ihr das sehr sehr leid thun. Komm', sei mein braves Kind, weine nicht." Und als das Kind sich noch immer, nicht hat fassen können, da — so erzählte das Mädchen — Hat es in' dem Gesicht des Doktors gezuckt, daß sie geglaubt hat, er würde auch gleich weinen. Aber er hat nicht geweint, nur seine Stimme hat stark gezittert, als er sagte: ..Sieh' Viktor, ich habe die Mama doch auch lieb ge-