Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 80 (10.10.1901)
- Date
- 1901-10-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449221--54401-2505106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MWWWWMWMWWWWVWWWWMi^WWW 1744 wenn auch gegenwärtig der Aberglaube gegen frühere Jahrhunderte und Jahrtausende eingeschränkt ist, so ist immer noch genug davon in ungebildeten Volksschichten übrig, um auch heute noch solche Verirrungen als möglich erscheinen zu lasten. Auch unter den Juden gibt es noch genug Elemente, bei denen krasser Aberglaube herrscht; deßhalb ist es nicht von vornherein für unmöglich zu erklären, daß auch von Juden noch solche Verbrechen begangen werden können. Es können dann aber nur solche Juden sein, die mit dem Geist und Gesetzesbuchstaben ihrer Religion nicht vertraut sind oder bei denen der unjüdische Aberglaube stärker ist, als die jüdische Religiosität. Keinesfalls wäre das Judenthum für etwaige Vorkommnisse dieser Art verantwortlich zu machen. Es gehört mit zu den abergläubischen Neigungen des ungebildeten Volkes, daß es den Mysterien anderer Religionen mit geheimnißvollem Grauen gegenübersteht und in sie das hineinprojizirt, was in der eigenen Seele schlummert, aber sich nicht mehr an's Licht wagt. Wenn Gebildete diese Meinung schüren, um den Religions- und Rassenhaß zu steigern, so übernehmen sie damit eine schwere Verantwortung. Wer solches zu politischen Zwecken mit dem Bewußtsein der Unwahrheit thäte, beginge einen Frevel; wer trotz seiner Bildung sich vom Haß bis zu fixen Ideen verblenden läßt, kann damit, freilich einen Umstand für sich geltend machen, der 'aber für seine Verantwortlichkeit kaum „mildernd" genannt werden dürfte. Hochtachtungsvollst ergebenst Dr. E. von Hartmann. Ungarn. Budapest, im Okt. Am 2. d. M. haben in den Ländern der ungarischen Krone die Reichsrathswahlen begonnen. Am Samstag und Sonntag wurde nur in drei Städten gewählt. Mit Rücksicht auf die jüdischen Festtage haben die meisten Wahlen bis zum 4. d. M. stattgesunden. Es dürften etwa 13 jüdische Abgeordnete — um drei mehr als in der früheren Periode — in den neuen Reichstag einziehen. Ein interessantes Schauspiel bot die Abgeordnetenwahl in Miskolcz. Dort ist nämlich der rühmlichst bekannte jüdische Journalist Alexander Braun mit liberalem Programm aufgetreten. Die Gegenpartei gab sich alle Mühe, den jungen jüdischen Kandidaten zu discreditiren und glaubte den Zweck am sichersten durch die demonstrative Publikation zu erreichen, daß der liberale Kandidat ein „Jude" sei. Nachdem diese Kundgebung ganz erfolglos geblieben, verbreitete man Plakate, daß der Journalist Alexander Braun „konfessionslos" sei. Letzterer veranstaltete hierauf eine Extra-Ausgabe des Miskolczer politischen Tageblattes und wies durch Dokumente von Rabbinen und jüdischen Kultusvorständen nach, daß er ein Sohn gesetzesireuer jüdischer Eltern, nicht nur de jure sondern auch in religiöser Beziehung ein gläubiger Jude sei. Diese kompetente Kundgebung hat in jüdischen Kreisen vollkommene Beruhigung hervorgerufen. Die Ugron-Fraktion, die mit der antisemitischen Volkspartei in den politischen Hauptfragen Hand in Hand geht, zählt auch zwei jüdische Deputirte als ihre Anhänger. (!!) Die antisemitische Volkspartei wird voraussichtlich gestärkt aus dem Wahlkampfe hervorgehen. Sie wird einen Zuwachs von mindestens 20 Abgeordneten haben. Verkappte Reaktionäre hat überhaupt jede Partei in ihrem Schoße. Frankreich. Paris, 3. Okt. (Die algerische Judenfrage.) Der Bericht der französischen parlamentarischen Enquete-Kommission über die Judenfrage in Algerien kommt zu dem Schlüsse, daß es sich dabei in erster Linie um politische, durch Dekret Cremieux (das 1870 den Juden das Recht der Naturalisation verlieh), hervorgerufene Unzuträglichkeiten handelt. Alle übrigen Beschwerden, die die von den Delegierten des Parlaments Vernommenen gegen die Juden vorbrachten, hielten einer ernsten Prüfung keinen Stand. Daß die Juden das Land durch Wucher und Betrügereien ausbeuten und ruiniren und daß sie sich den Franzosen nicht zu assimiliren vermögen, wurde sofort als Uebertreibung und Verdrehung der Thatsachen festgestellt. In Algerien blüht der Wucher und die Juden haben kaum ihren Antheil daran und keineswegs die Reichthümer des Landes aufgesogen. Die große Masse der jüdischen Bevölkerung der Kolonie ist blutarm; in Tlemcen gibt es unter 6000 Juden nur 10, die mehr als 60,000 Frs. besitzen, und von den 1024 in Konstantine eingetragenen jüdischen Wählern sind nur 10 Rentner und 146 selbstständige Kaufleute. Die übrigen müssen sich von Tag zu Tag armselig durchschlagen. Man hat nachgewiesen, daß viele Franzosen und Naturalisirte den Wucher betreiben; so gibt es im Departement Constantine vier Franzosen, darunter einen eifrigen Antisemiten, einen naturalisirten Italiener und einen Araber, die zahlreiche Eingeborene durch Wucher ruinirt und aus ihren Besitzungen vertrieben haben. Man thäte dem algerischen Antisemitismus also eine unverdiente Ehre an, wenn man ihn als sittlichen Entrüstunasausbruch ansehen wollte. Zwischen den Sitten und Bräuchen der Kolonisten und der Juden besteht sicher vielfach ein gewaltiger Unterschied; derselbe schwindet aber immer mehr und die Fortschritte der Juden hinsichtlich der Anpassung an die französischen Gesetze und das europäische Leben sind gewaltige. Sie haben bezüglich der Erbtheilung die Ueberlieferungen aufgegeben und die einschlägigen Bestimmungen des Code civil willig angenommen, sie kleiden sich überall europäisch und die französische Sprache verdrängt unter ihnen immer mehr die arabische. Es ist deßhalb kein Grund vorhanden, daran zu zweifeln, daß sie in absehbarer Zeit sämmtlich sich europäisiren werden.