Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 80 (10.10.1901)
- Date
- 1901-10-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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42. Jahrgang. Zweite Aeikage zu M 80 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 2. Olt. Die Thatsache, daß neben mehreren mchtjüdischen auch leider eine „jüdische" Anarchistin, die als Jüdin geboren ist, aber nicht als solche lebt, anläßlich des empörenden Attentats von ruchloser Hand ans den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Mac Kinlep, bei der Ilntersnchung der Mordthat auf einige Lage verhaftet wurde, gibt natürlich den Antisemiten willtommenen Anlaß, von einem „jüdischen Anarchistennest" in Chigaco zu faseln und zu sagen: „Juden sind demnach die Komplizen deS Mordbuben und die Führer der anarchistischen Propaganda in Amerika, wie ja auch in Rußland die nihilistische Verhetzung unter jüdischer Oberleitung geschieht." Daß der Mordbube und seine intimsten Freunde Nichtjuden sind, genirt diese Leute nicht! Emma Goldmann steht für sie im Mittelpunkte der Bewegung, die doch Johann Most leitet. Dabei wird natürlich rasch die nicht weniger unwahre Behauptung angefügt, daß auch in Rußland die nihilistische Verhetzung „unter jüdischer Oberleitung" geschieht. Wenn einmal von Verhetzung die Rede ist, so kann man die jüdischen Nihilisten, deren Prozentsatz sicher ein geringer ist, viel eher und mit mehr Recht die Verhetzten als die Hetzer nennen. Im Uebrigen haben diese mit dem Judenthum, das sie immer verleugnen und oft sogar schmähen, auch nicht das Mindeste zu thun. Berlin. (Verspottung des Judeni hu m s in Witzblättern.) Es ist die Gepflogenheit einiger Witzblätter, mit Vorliebe Witze über die Juden zu bringen, zu welchen als Illustrationen Earrieaturen von Juden dienen. Das Haupterforderniß einer Carricatur, characteristisch zu sein, erfüllen diese Zeichnungen meistens nicht. Die Urbilder, die diesen Zeichnungen ähnlich sind, werden unter Inden höchst selten angetroffen. Gegenwärtig wird folgender „Scherz" mit einer solchen Carricatur in den Witzblättern kolvortirt: Bankdirektor zu seinem Sohn, der Düten klebt: „Recht so, mein Sohn, das wirst Du als Bankdirektor einmal brauchen können." — Vater und Solm entsprechen dem Bild, welches in antisemitischen Witzblättern von Inden gezeichnet wird. Und das in einer Zeit, wo die in's Gefängniß gewanderten Bankdirctoren sämmtlich Arier, meist fromm und antisemitisch sind. Und eine solche Zeitung heißt womöglich ein Judenblatt, dessen Taktlosigkeiten gelegentlich den Juden aufgemutzt werden. Dresden, 3. Olt. Auf Einladung des Reform- Vereins hier hatte Graf Pückler-Kleintschirne am 20. November v. I. vor einer etwa 2000 Personen zählen- . den Zuhörerschaft einen Vortrag über „das Judenthum und das deutsche Volk" gehalten, in dem er Ausdrücke gebrauchte, die ihm eine Anklage wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden zuzog. Die fünfte Strafkammer des hiesigen Landgerichts verurtheilte ihn darauf am 20. Juni d. I. wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens zu 100 Mark Geldstrafe. Gegen dieses Urtheil hat Graf Pückler Revision eingelegt. Wie der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erfahren hat, ist diese Revision nicht zur vorgeschriebenen Zeit begründet und deßhalb vom Landgericht zurückgewiesen worden. Die von dem Grafen Pückler dagegen eingereichte Beschwerde hat das Reichsgericht zurückgewiesen, so daß die Sache nun endgiltig erledigt und das Urtheil des Dresdener Landgerichts rechtskräftig geworden ist. Oesterreich. Wien, 2. Okt. (Eduard von Hartmann über d i e antisemitische R i t u al m o r d - Beschuldigung.) Vor einem halben Jahre richtete der Herausgeber einer Wiener Zeitungskorrespondenz, Herr Wilhelm Eckfeld, an hervorragende Gelehrte Europas eine Rundfrage betreffs ihrer Ansicht über den Ritualmord. Unter den eingelaufenen Antworten befindet sich auch diejenige des Pos. E. v. Hartmann. Dieses schon mit Rücksicht auf die Person des Verfassers — der Philosoph des Unbewußten ist über den Verdacht der Voreingenommenheit ZU Gunsten der Juden erhaben, ein Buch von ihm prangt sogar in dem Verzeichniß der in dem Antisemitenkatechismus empfohlenen Schriften — interessante Schreiben hat folgenden Wortlaut: Gr.-Lichterfelde, 25. April 1901. Hochgeehrter Herr! Geist und Gesetzesbuchstabe der jüdischen Religion schließen jeden Mißbrauch von Menschenblut zu kultischen wie zu abergläubischen Zwecken unbedingt aus. Falls sich im Talmud Stellen finden sollten, die sich auf den entgegengesetzten Standpunkt stellen, so befänden sich deren Verfasser im Widerspruch mit dem Geist und Gesehesbuchstaben der jüdischen Religion, und nicht minder diejenigen Juden, die sich auf solche Stellen stützen wollten, um superstitiöse Handlungen zu rechtfertigen. Ob sich solche Stellen im Talmud Nachweisen lassen oder nicht, entzieht sich meiner Nachprüfung; ich meine aber, daß diejenigen unbefangenen Gelehrten, die es bestreiten, mehr Glauben verdienen, als die antisemitischen Gelehrten, die es behaupten. Zu allen Zeiten hat finsterer Aberglaube zu Blutthaten verleitet, die superstitiösen Zwecken dienen sollten;