Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 80 (10.10.1901)
- Date
- 1901-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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173Ü Kirchenglocken in die Synagoge rufen. Ob sie dem Folge leistet, ist allerdings eine andere Frage. Halberstadt nimmt sich in dieser Umgebung recht >vie eine Oase in der Wüste aus. Allein auch in der Natur werden als solche nicht durch den Zufall geboren. Sie bilden ein Ergebniß, dessen Zustandekommen das Zusammenwirken mannigfaltiger Kräfte erst ermöglicht. Bei der Schaffung jener geistigen — waren solche ebenfalls am Werke. Hier wäre vor allem eine große, ruhmreiche Vergangenheit in Betracht zu ziehen, wie sie der Vater unseres Lehrers in seinem mit so großem Fleiße und vollster Beherrschung des Stoffes gearbeiteten Werke „Die Geschichte der Juden in Halberstadt" schildert. Doch diese allein erzeugt ebensowenig wie sonst irgendwo das Todte — ein reges Leben. Der Quell, aus welchem es in Halberstadt immer auf's Neue hervorsprudelte, das war die große und reichbegabte Persönlichkeit unseres Lehrers. Daß wir es hier nur gleich sagen, die Stellung, die er in deren Mitte cinnahm, hatte nichts mit der Schablone des heutigen, sog. modernen Rabbiners gemeinsam. Er hatte diesen Gegensatz mit vollem Bewußtsein stets betont und auch vertreten. Es war ja überhaupt seine Ansicht nicht, daß das alte Rabbinerthum bereits ein überwundener Standpunkt wäre, der dem jüdischen Predigerthum nach protestantischem Zuschnitt den Platz einzuräumen hätte. Verstehe ich die Grundsätze, die ihn in der Auffassung seines Berufes leiteten, recht, so gingen sie dahin: Ter heutige Rabbiner miisse in und mit dem Geiste der alten auch die Bildungsmittel der Zeit beherrschen, um solchermaßen eine vielseitige und eindringliche Wirksamkeit in seiner Gemeinde zur Entfaltung bringen zu können. Wer hier wieder die Kluft des unüberbriicklichen Widerspruches gähnen sieht, den mögen ,.ie Thatsachen belehren. Zeigen wir einmal, wie sich — außergewöhnliche Vorkommnisse ausgenommen --- seine tägliche 'Arbeit vor unseren Augen abwickelte. Im Sommer um fünf, im Winter um sechs Uhr früh — - jedesmal eine Stunde vor Beginn des täglichen Gottesdienstes in der Gemeindesynagoge — sehen wir ihn bereits am Studiertische, den großen Folianten aufgeschlagen und seine Jünger um ihn geschaart. Es mag ivohl vorgekvmmcn sein, daß wir, von der Arbeit des Tages erschöpft, uns hie und da der Getvalt des Schlafes nicht hatten entwinden können. Er hatte der väterlichen Nachsicht genug, uns dies in keiner Weise entgelten zu lasten. Auch die leiseste spöttische Bemerkung — was doch hier so besonders nahe lag — ließ er hierbei nicht fallen. Daß er selbst zu dieser „Morgenstunde zu spät gekommen wäre, daran wüßte ich mich nicht zu erinnern. Die strengste Pünktlichkeit war überhaupt der leitende Grundsatz in all' seinem Handeln. Kaum war der Gottesdienst beendet und der Kaffee eingenommen. da war der lange, grün ausgeschlagene Tisch im Lehczimmer schon wieder besetzt. Junge Leute — allen Berufsständen angehörend — hatten die Plätze eingenommen. Ihre Genoffen mögen wohl in der Rege! nach dem Grundsätze handeln: erst das Geschäft, dann — das Vergnügen. Die um ihn sich schaarten, hatten das „Lernen" höher als beides gestellt. So mochte es wohl 9 Uhr getvvrden sein. lieber die folgenden zwei Stunden hatte er freie Verfügung. Da galt es, Gemeinde-Angelegenheiten besorgen, den rituellen Einrichtungen die nöthige Aufsicht zuwenden, eingelaufene Briefe erledigen und vor allem den Stand der Dinge in der Schule in Augenschein nehmen. Wenn er auch selbst nur einzelne Stunden Unterricht an derselben ertheilt hat, die Fäden ihres gesammten Betriebes liefen stets in seiner Hand zusammen. Er kannte jeden Schüler bis in's Einzelne. Hielt er doch jeden Freitag eine förmliche Musterung unter ihnen ab. Bei solchem Anlässe entging nichts seiner Aufmerksamkeit. Besonders wurden da die Leichtfertigen und Nachlässigen scharf auf's Korn genommen. Von 11—-1 Uhr waren wir Jünger w'eder die Genossen seiner M'.iße. Gerade um diese Zeit pflegte er die ganze Bracht seines Geistes zur Entfaltung zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und <Lorrespondenzen. Deutschland. München, 7. Okt. Am 12. Tischri ist hier schnell und unerwartet iu Fotge eines Schlagansalles Frau Bella Sch a l m a n n im (vi. Lebensjahre verschieden. Sie war die Tochter des durch sein eifriges, rastloses Thorastudium, sowie durch seine tiefinnige, hingebende, an vz:r, r,":s grenzende Frömmigkeit hier rühmlich bekannten ww Rabbi Mosche Ettenheimer s. A., dessen Lebensbild bei seinem vor vier Jahren am zweiten Tage Suktoth erfolgten Tode in diesen Blättern eine eingehende Betrachtung erfuhr. Die Verstorbene hatte ihren Heimgegangenen Vater, der in den letzten acht Jahren seines Lebens des Augenlichts völlig entbehrte, während seiner überaus langen, dornenvollen Krankheit mit einer Sorgfalt, mit Hingebung und Aufopferung geoftegt, die ihre Kräfte zu übersteigen drohten. 'Nur ihr gottgläubiges, von felsenfestem Vertrauen zum himmlischen Lenker erfülltes Gemüth, ivelches sie als echte Tochter ihres vortrefflichen Vaters besaß, vermochte sie auch in den härtesten Stunden und in den schwierigsten Lagen aufrecht und stark zu erhalten. Im Geiste und iin Sinne ihres frommen Vaters, dessen unerschütterliche Glaubenslreue ihr stets als Vorbild vor Augen schwebte, war ihr Leben immer das einer gottesfürchtigen, im besten Sinne des Wortes jüdischen Frau gewesen, und als solche schied sie auch von hinnen. Wer sie gekannt, wird ihr Andenken stets in Ehren Hallen.