Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 80 (10.10.1901)
- Date
- 1901-10-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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*4& Jahrgang. Krste Weilage zu 80 des „Israelit." Leitender Artikel. Erinnerungsblätter ms Ins snsihk Kr«t uscrcs gragen Rnstkks »xd Wtts. des Rabb. Dr. Selig Auerbach in tzalberstadt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink, n. Schon als Schuldirektor in Fürth schlug Dr. Selig Auerbach s. A. die Richtung ein, die für ihn zeitlebens maßgebend war. Als Student war ihm, wie bereits erwähnt, die Erledigung des Schulpensums nur die kleinere Hälfte der Tagesleistungen. Im Amte stehend, hielt er es damit nicht anders. Die mit demselben verbundenen Pflichten, welche er mit einer eisernen Pünktlichkeit erledigte, bildeten nur die eine Seite seiner Thätigkeit. Neben derselben entfaltete er eine private in einem Umfange, wie sie für sich allein genommen schon die volle Arbeitskraft eines Menschen erschöpft hätte. Er sammelte eine Schaar wißbegieriger Jünglinge aus allen Berufsständen um sich, um sie in das Studium unseres heiligen Schriftthums einzuführen. Es war schon damals für ihn ein seelisches Bedürfniß, daß die Luft, in der er athmete, gleichsam von dem Weihrauch der Thora gewürzt sei. Er ließ sich daher aus der Schaar der Jünglinge, die in Halberstadt zu Füßen seines Vaters saßen, einen nach Fürth kommen. Dieser hatte den Wechsel des Aufenthaltsortes keineswegs zu bedauern. Seiner äußeren Stellung nach erfreute er sich der Rechte eines Kindes im Hause — ohne jede Schmälerung. Was jedoch noch mehr sagen will — er wurde damit zugleich Genosse der nie rastenden Geistesarbeit des Meisters. In diesem Rahmen bewegte sich seine zehnjährige Wirksamkeit in Fürth. Im Jahre 1872 wurde der Vater in Halberstadt von dem Schauplatze seiner segensvollen Thätigkeit abberufen. Wenn ich nicht irre, hatte er letztwillig den Wunsch geäußert, daß der Sohn sein Nachfolger im Amte werde. Dieser Umstand war für letzteren bestimmend, einen liebgewonnenen, von reichem Segen begleiteten Wirkungskreis aufzugeben. Die Gemeinde Halberstadt wiederum konnte sich zu einem solchen Nachfolger nur Glück wünschen; einen geeigneteren und würdigeren hätte sie wohl schwerlich gefunden. Man kann seine stets ins Große ausgreifende Wirkungsweise an der Spitze dieser Gemeinde nur hegreifen, wenn man die besondere Eigenart des Schauplatzes ins Auge faßt. Halberstadt ist ein Ort mittlerer Größe in der preuß. Provinz Sachsen, am Fuße des Harzes gelegen. Er war schon in den ältesten Zeiten ein Sitz echtdeutscher Kultur und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Auch das moderne Leben entfaltet sich dort in allen seinen Ausgestaltungen. Die Bevölkerung treibt theils Industrie, theils Handel und Ackerbau. Alle möglichen Schulen und sonstige Bildungsanstalten sorgen für ihre geistigen Bedürfnisse. Es herrscht in dem Orte ein reges, geistiges Leben. Bildung und Kenntnisse werden nirgends höher geschätzt als dort. Die Bewohner zeigen in ihrem meist hochaufgeschossenen Körperbau, den stark entwickelten Gliedmaßen und dem blonden Haarwuchs, daß sich der altgermanische Stamm der Cherusker dort noch ziemlich unvermischt erhalten hat. Man würde es hierzulande für unmöglich halten, daß innerhalb einer solchen Umgebung eine verhcUtnißmäßig kleine jüdische Gemeinde ihre Eigenheit nicht bloß ungeschmälert behaupten, sondern darüber hinaus noch ein reges, geistiges Leben entfalten könne. Auch führt sie nicht etwa ein weltfremdes, abgeschlossenes Dasein innerhalb des engen Zwingers eines Ghetto. Es hat wohl ein solches in Halberstadt früher gegeben. Die Juden jedoch haben schon seit geraumer Zeit dessen Gebiet verlassen und auch in geistiger Beziehung dessen Schranken längst hinter sich. An allen aus Bildung und Kultur abzielenden Bestrebungen sich betheiligend, wurzeln sie in ihrem geistigen und religiösen Leben so ganz ungetheilt auf dem Boden des Judenthums. Alles in allem genommen, kann man dreist behaupten, die Halberstädter jüdische Gemeinde, die ihrer Größe nach kaum zu den mittleren in Deutschland zählt, kann, was ihre geistige Bedeutung betrifft, einen ersten Rang entschieden in Anspruch nehmen. Diese Ueberzeugung gewinnt man schon durch einen flüchtigen Blick auf die Gemeinden ihrer Umgebung im ganzen Umkreise der Provinz. Was die äußeren Verhältnisse betrifft, so werden sie sich wohl von denen in Halberstadt kaum unterscheiden. Aber welcher Kontrast in Bezug auf die inneren! In jenen ist das jüdische Leben so gut wie erstorben. Von einer irgendwie gearteten Bethätigung auf dem Gebiete des jüdischen Geistes und Wissens — auch keinen blassen Schimmer. Ihr gottesdienstlicher Kultus, der ein verkümmertes Dasein ohnehin fristet, ist ganz nach protestantischem Muster zugeschnitten. Die besonderen jüdischen Gemeindeeinrichtungen liegen mehr als im Argen. In einer dieser Gemeinden — die mit der Halberstädter etwa in derselben Größe — ist es leider schon dahin gekommen, daß selbst der Sabbatgottesdienst keine Theilnehmer mehr findet. Statt dessen küßt sich die Gemeinde Sonntags durch die