Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1901)
- Date
- 1901-12-24
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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2366 Klaaßen ihr beim Auskleiden behilflich war und sank dann vollständig erschöpft auf das Bett. „Gefahr ist im Verzüge!" flüsterte sie in sich hinein. „O Gott, mein Gott, lasse mich nicht zu spät kommen!" Die Natur machte schließlich ihr Recht geltend, wider ihren Willen sielen ihr die Augen zu und bald verriethen ihre ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge, daß der schlaf sie übermannt hatte. Doch es war kein ruhiger, traumloser Schlaf. Der Traumgott hatte sie vielmehr, wie im Fluge, an das Lager ihres sterbenden Verwandten geführt, dessen brechende Augen noch in unendlicher Liebe zu ihr emporzublicken schienen. Aber er konnte sie vermutlich nicht mehr sehen. „Bella! Bist Du hier?" und seine Hände zuckten tastend auf deni Deckbett umher, als wollten sie ihre Hand suchen. Sie nahm seine Hände in die ihren und neigte sich schluchzend über ihn. „Onkel, Onkel! ich bin ja bei Dir! Siehst Du mich denn nicht?" „Nicht weinen, Kind!" lallte der Sterbende, „mein Herzenskind soll nicht weinen. Es wird noch alles gut werden. Siehst Du, dort im Sekretär steht das Etui mit dem Familenschmuck Deiner Mutter. Du weißt, übermorgen, wenn Du mündig bist, wollte ich es Dir geben. Nimm es heraus! schnell, leere es aus!" Er schien noch einige Worte hinzufügen zu wollen, aber sie waren unverständlich. Bebend, in namenloser Angst hob das junge Mädchen den Blick und schaute plötzlich in das von tödtlichem Hasse entstellte Angesicht ihres Vetters. Sie stieß einen gellenden Angstschrei aus. „„Gnädiges Fräulein, es ist bereits fünf Minuten über halb sechs Uhr." Die Haushälterin stand an ihrem Bette. „Dürfte ich mir erlauben, dem gnädigen Fräulein beim Ankleiden behülflich zu sein?" Jsabella blickte verstört um sich. „Es ist zu spät," flüsterte sie, in sich erschauernd, „er ist schon gestorben!" „Nicht doch, nicht doch! Das gnädige Fräulein werden mit Gottes Hülfe noch zur rechten Zeit ankommen. Ja, vielleicht ist gar keine Gefahr vorhanden — vielleicht hat nur die Angst des zärtlichen Sohnes übertrieben —" Das junge Mädchen athmete schwer auf, es war beinahe ein Aechzen. „Es wird zu svät," murmelte sie, „ich muß eilen," aber ihre Hände zitterten. „Gestatten gnädiges Fräulein, ich werde Helsen." Und ohne weiters die Zustimmung abzuwarten, begann die mitleidige, gewandte Frau die vollständig Erschöpfte anzukleiden. Bald war die einfache Toilette vollendet. Jsabella, jetzt vollständig willenlos, ließ sich überreden, ein Tasse heißen Thee mit Cognac zu sich zu nehmen. Dann eilte sie. von Frau Klaaßen unterstützt, die Stiegen hinunter und war eben im Begriff, in den vor dem Hause haltenden Wagen einzusteigen, als Doktor Müller, der zu einem Kranken gerufen worden war, aus der Hausthüre trat. Im höchsten Grade befremdet, zog er grüßend den Hut. Sie neigte dankend das Haupt, um nicht mit den Augen seinem fragenden Blicke zu begegnen, aber dunkle Röthe überzog für einen Moment ihre bisher so bleichen Wangen. Der Bahnhof war rasch erreicht und in kürzester Frist befand sich Fräulein von Rauhenstein in dem ihrer harrenden Zuge. Der treue, um seine junge Gebieterin ernstlich besorgte Diener hatte um die Erlaubniß gebeten, im selben Koupee mit ihr fahren zu dürfen. Schweigend hatte sie ihm Gewährung seiner Bitte zugenickt. Der Zug setzte sich in Bewegung. Jsabella saß zurückgelehnt in einer Ecke des Koupees. Sie starrte auf das Fenster, obgleich es noch vollständig Nacht war. Allmählich aber begann es zu tagen, sie merkte es nicht. Der Blick ihrer weit geöffneten Augen war nach Innen gerichtet; wieder und immer wieder durchlebte sie den Traum der verlvichenen Nacht — vernahm sie die Worte des Sterbenden: „mein Herzenskind darf nicht weinen — es wird noch Alles gut werden." Und dann sah sie wieder das haßerfüllte Gesicht des Vetters. Was sollte, was konnte denn noch gut werden? Ein lautes Aechzen entrang sich ihrer Brust. Es war vollständig Tag geworden, aber die Sonne blieb hinter Wolken verborgen. Ein düsterer, nebelumflorter Himmel starrte durch die Fenster des dahinbrausenden Zuges, machte aber die leuchtende Flamme oben an der Decke noch nicht überflüssig. Der alte Pedro, der seiner Herrin schräg gegenübersaß und während der ganzen Reise den Blick nicht von ihr gewandt hatte, zog die Uhr aus der Tasche. „Roch fünf Minuten fehlen vor Neun — wir werden sofort an der Station sein." Ein leises Beben zuckte durch die Gestalt des jungen Mädchens; sie erhob sich und richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf, als wolle sie sich aegen Alles rüsten, was da kommen konnte. Jetzt hielt der Zug. Pedro lehnte aus dem geöffneten Fenster. „Die Equipage von Rauhenstein wartet schon neben dem Perron, das gnädige Fräulein können sofort weiter fahren." Der Schaffner öffnete die Thüre. Der alte Diener beeilte sich auszusteigen und war dann seiner Herrin beim Aussteiqen und auch wiederum beim Einsteiqen behilflich. „Wie geht es meinem Onkel?" fragte das junge Mädchen gepreßt. Pedro wiederholte ihre Frage dem Führer der Equipage. Dieser zuckte seufzend die Achseln. „Gut geht es dem Herrn Oberst leider nicht, aber er lebt — doch es ist wenig Hoffnung." „Fahren Sie rasch, rasch!" Der Kutscher knallte mit der Peitsche, ergriff die Zügel und im Galopp eilten die leichtfüßigen Thiere dahin. Nach kaum zwanzig Minuten hatten sie das Stammschloß Derer von Rauhenstein erreicht. Der junge Freiherr stand auf der Rampe; er hatte nach dem Wagen ausgeschaut und eilte nun hinunter,