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Der Israelit · 1901-12-24 · Heft 101-102 (24.12.1901) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 101-102 (24.12.1901)
Date
1901-12-24
Page
– (sequence 27)
Language
German
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3365 Einen Moment ward es schwarz vor ihren Augen, sic tasteie um sich nach einer Stütze und wäre zu Boden gestürzt, hätte der treue Diener sie nicht gehalten. „Gnädiges Fräulein, um Gotteswillen!" „Mein Onkel ist erkrankt," flüsterte sie tonlos, „ich must sofort abreisen —" „Gnädiges Fräulein werden doch nicht allein —" „Sie können mich begleiten, machen Sie sich bereit." Der alte Diener verneigte sich. „Wann befehlen das gnädige Fräulein?" „Wann geht der nächste Zug?" „Der nächste Zug geht um fünf Uhr Morgens von hier ab, erreicht die Station aber erst um elf Uhr und erst um halb zwölf könnten das gnädige Fräulein in Schloß Rauhenstein sein. Der zweite Zug ist ein Schnellzug, geht erst um acht Uhr ab und trifft schon um zwölf Uhr in der Station ein. Das wäre, meiner bescheidenen Ansicht nach wohl der geeignetste Zug. Das gnädige Fräulein könnten doch einige Stunden ruhen, würden um drei Stunden später abreisen und nur um eine Stunde später ankommen." Jsabella schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, nein, wir reisen mit dem nächsten Zug. Sie sorgen wohl dafür, Pedro, daß der Wagen um halb fünf Uhr vor dem Hause hält." „Wie das gnädige Fräulein befehlen. Dürfte ich vielleicht Frau Klaaßen heraufschicken, damir sie die Effekten des gnädigen Fräuleins einpackt?" „Ja, ja, schicken Sie Frau Klaaßen herein." Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sie hatte offenbar an dergleichen nicht gedacht. Besorgt blickte der treue Diener ihr in das bleiche Angesicht. „Das gnädige Fräulein könnten sich doch noch auf einige Stunden niederlegen, Mitternacht ist kaum vorüber und bis halb fünf —" „Ja, ja. guter Alter. Schicken Sie nur Frau Klaaßen her, damit ich ihr sagen kann, was ich mitnebmen will, dann tverde ich mich sofort niederlegen. Also ich verlasse mich darauf, Pedro, daß wir um halb fünf Uhr abreisen können. Sie sorgen für alles Erforderliche —" „Das gnädige Fraulein können unbesorgt sein, Frau Klaaßen wird sofort hier sein, um Ihre Befehle entgegen zu nehmen und dann werde ich schon darauf sehen, daß Alles geordnet >vird, wie das gnädige??räu lein es gewöhnt sind." Er entfernte sich eiligst und gleich darauf trat die Haushälterin in das Zimmer, die sich seit zwei Monaten in ihrem Dienst befand. Jsabella nannte ihr die Effekten, die sie mit sich zu nehmen wünschte, dann warf sie sich, ohne sich vollständig zu entkleiden, auf's Bett. „Ich bin iodtmüde. Ich fürchte, ich tverde schlafen. Frau Klaaßen. könnte ich darauf rechnen, daß Sie nrich um vier Uhr wecken?" „Mit vollster Bestimmtheit, gnädiges Fräulein, um vier Uhr werde ich hier am Bette stehen und mir erlauben, das gnädige Fräulein laut zu rufen, bis Sie ertvachen." „Im Voraus Dank, ich muß schlafen —" Sie fühlte sich in der That erschöpftbleiern senkte es sich auf ihre Lider und dennoch floh ste der Schlaf. Tie Angst um das Leben ihres nächsten Verwandten, an dem sie mit der Liebe einer Tochter hing, ließ ste keine Ruhe finden. Plötzlich fuhr sie auf, wo hatte ste denn ihre Sinne, daß ste noch wehr als vier Stunden mit der Abreise warten wollte? — Gefahr im Verzüge! — Hastig setzte ste die Handschelle vor ihrem Bette in Bewegung. Frau Klaaßen, die im anstoßenden Zimmer mit Packen beschäftigt war, stürzte herein. „Pedro soll kommen, bitte, geschwind, rufen Sie ihn!" — Kaum eine Minute später stand der alte Diener vor ihr. „Pedro!" ries sie, ihm das erhaltene Telegramm reichen, „Gefahr ist im Verzug! — Eilen Sie zum Bahnhof, bestellen Sie einen Extrazug, ich muß sofort abreisen." Pedro zuckte die Achseln. „Ich eile, ob das aber in der Nacht möglich sein wird?" — „Zahlen Sie das Doppelte, das Dreifache, trachten Sie nur, daß ich rasch nach Nauhenstein komme. Gefahr ist im Verzüge! — O Gott! O Gott!" Pedro entfernte sich eiligst. Jsabella drängte inzwischen die Haushälterin, die ihre Effekten in Koffer einpackte, zur Eile, während ste selbst ihre Toilette in Ordnung brachte. Längst waren jedoch beide mit ihrer Arbeit fertig, bevor der Bediente vom Bahnhofe zuriickkam. Nahezu eine Stunde war verflossen, als er endlich heimkehrte. „Nun," riet Jsabella ihm entgegen, „ist der Zug bereit?" Der Alte schüttelte den Kopf. „Verzeihung, gnädiges Fräulein, aber meine Vermuthung hat sich als richtig bewährt, in den Nachtstunden ist es unmöglich. Aber um sechs Uhr Morgens wird ein Extrazug bereit stehen, der um neun Uhr in die Halle der Station von Rauhenstein einlaufen wird. Ich habe bereits eine Depesche an Herrn von Rauhenstein aufgegeben und zweifle nicht, daß die Equipage um neun Uhr an der Eisenbahn sein wird. Dann sind das gnädige Fräulein spätestens um halb Zehn in Schloß Rauhenstein." „Ich dante Ihnen," sagte Jsabella. tief ausathmend, „also sorgen Sie dafür, daß wir zur reckten Zeit am Bahnhof sind." „Um halb sechs Uhr wird der Wagen vor dem Hause stehen. Aber im Namen, wenigstens im Sinne des Herrn Oberst, der für das Wohlsein des gnädigen Fräulein immer so sehr besorgt ist, erlaube ich mir die inständige Bitte, das gnädige Fräulein wolle bis dahin ruhen." Auch die Haushälterin vereinigte ihre Bitten mit denen des treuen Dieners und die junge Herrin ließ sich schließlich erbitten. Sie gestattete sogar, daß Frau

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