Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1901)
- Date
- 1901-12-24
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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2264 ior vierhundert Wahren von ZirieövLch Nott. [28. Fortsetzung. „Guten Morgen, liebes Fräulein! Sie find immer und überall willkommen. Entschuldigen Sie nur, das; ich Ihnen noch nicht die Hand reiche, ich bin gerade beim Fleischsalzen, aber ich bin sogleich fertig." „Bitte sehr, lassen Sie sich nicht stören, ich gehe auch sogleich wieder sort. Ich wollte nur fragen, ob Viktor heute Abend Feit bat und ob Sie ihm erlauben würden, l mit mir in's Theater zu gehen. Wilhelm Tell wird l gegeben, bas Drama. Es würde ihn sicherlich inj terestiren." ■ „Das würde ihn allerdings interesiiren und ich würde ihm gerne erlauben, Ihre freundliche Einladung anzunehmen. Ob er aber heute Abend keinen Unterricht hat? Selma wird es wissen, in wenigen Minuten dürfte sie aus der Schule kommen. Kommen Sie, Fräulein, lassen Sie uns indessen in das Wohnzimmer gehen." „Ach nein, bitte, ich möchte sie nicht stören. Machen Sie nur zuerst das Fleisch fertig, und dann —" „Guten Tag, Großmama! Guten Tag, Fräulein Bella!" Es war die kleine Selma, die eben aus der Schule gekommen war und mit diesen Worten den Damen entgegensvrang. Beide erwiederten freundlich den Gruß des Kindes. „Weißt Du vielleicht, Selma, ob Viktor heute Abend Unterricht hat?" fragte Frau Müller. „Nein, heute Abend hat er keine Stunde, es ist ja Mittwoch, da kommt Herr Lewison schon Nachmittags „Richtig, daran habe ich nicht gedacht. Da nehme ich Ihre freundliche Einladung für ihn mit Dank an." „Das freut mich, denn ich glaube mit Bestimmtheit, es wird ihn interestiren, und ich sehe ihn so gern, wenn er sich mit etwas freut oder für etwas interessirt. Da. funkeln seine Augen so wunderbar. Also ich kann daraus rechnen, daß Viktor mitgehen darf? Dann auf Wiedersehen, gnädige Frau, ich will durch Pedro die Billete bestellen lassen. Adieu, meine liebe Selma." Sie gab dem kleinen Mädchen noch einen Kuß und entfernte sich raschen Schrittes. Sie hatte nämlich gehört, daß die Wohnungsthür sich in den Angeln gedreht und glaubte annehmen zu müffen, daß der Doktor heimgekommen war. denn um diese Zeit kam er zuweilen nach Hause. Frau Müller blickte ihr lächelnd nachsie hatte die Ursache ihrer Eile errathen. Ein eigenthümlich sinnender. Zuglagerte auf dem feinen Angesichte der Greisin. Viktor war am Abend mit Fräulein von Rauhenstein in's Theater gefahren. In einer Loge ersten i Ranges folgte er der Aufführung des interessanten j Drama's mit unverholenem Interesse und Jsabella ergötzte sich an dem ausdrucksvollen Mienenspiel des lebhaften Knaben. „Nun Viktor, wie gefällt es Dir?" fragte sie in einem Zwischenakte. „Ö sehr! Ich bin Ihnen so vielen Dank schuldig, Fräulein Jsabella, daß Sie mrch mitgenommen haben." „Da darf ich also hoffen, daß Du mir öfters das Vergnügen schenken wirst —" „Q, Fräulein Jsabella, Sie scherzen „Nein, ich scherze nicht, ich hoffe vielmehr im Ernst, daß im Laufe des Winters noch einige klastische Stücke gegeben werden, die wir zusammen sehen müssen." Er nickte ihr freudig lächelnd zu, wandte dann aber den Blick wieder zur Bühne hin, wo der Vorhang eben wieder in die Höhe ging. Nach Schluß der Vorstellung fuhren Beide in gehobenster Stiurmung nach Hause und Fräulein von Rauhenstein amüsirte sich köstlich über die Kritik Viktors, die dieser an dem Gesehenen ausübte. „Gute Nacht, Viktor! Grüße die Großmama von mir." — „Ach, es war doch schön, wunderschön — und ich bin Ihnen so vielen Dank schuldig, Fräulein Jsabella! Schlafen Sie auch recht, recht gut!" Er drückte ihr kräftig die Hand, dann eilte er die Stiege weiter aufwärts. Es war schon ziemlich spät, Jsabella fühlte sich ermüdet und zog sich sofort in ihr Schlafzimmer zurück. Sie beabsichtigte, sich direkt niederzulegen, als sie durch den Schall der Hausglocke erschreckt wurde. Wer mochte das sein? Wer hatte zu dieser Zeit bei ihr etwas zu suchen? Sie hörte, wie einer ihrer Leute hinunter eilte und das Hausthor aufschloß. Aber es war dock vielleicht ein Jrrthum gewesen; man hatte wahrscheinlich nach dem Arzte verlangt und irrthümlich an dem Schellenknops der ersten Etage gedrückt.-Doch nein, da klopfte es an ihre Thür. Hastig schob sie den Riegel zurück und öisnete. Der alte Pedro stand vor ihr, eine telegraphische Depesche in der Hand. „Gnädiges Fräulein — von Schloß Raubenstein —" Jsabella stieß einen Schreckenslaut aus. „Vom Onkel! Großer Gott, was ist geschehen?" Sie zitterte so heftig, daß es einige Augenblicke währte, bevor sie das Blatt entfalten konnte. Dann las sie.- „Papa hat einen Schlaganfall erlitten, verlangt dringend nach Dir. Komme sofort. Gefahr im Ver Zuge. Alfred."