Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1901)
- Date
- 1901-12-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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3258 weßwegen die jüdische Religion langsam aushöre, dem geistig „Höherstehenden" ihrer Bekenner zu-„ge nügen" und diese gezwungen seien, andere Formen für ihre religiösen „Bedürfnisse" zu ruhen. Zugleich aber sinlen wir aus einem beinahe entgegengesetzten Grunde > in der Achtung der zivilisirten Menschen. So lange i wir nämlich treu und unerschütterlich an dem väterlichen Glauben festhielten, erregten wir mit Recht die Hochnch tung, ja die Bewunderung der Völker. Wir boten ein einzig in der Welt dastehendes Beispiel von unentwegter Treue, die Jahrtausende hintereinander, trotz unerhörter Plagen und Verfolgungen, mitten in Strömen von Blut und lodernden Scheiterhaufen nicht wankte und nicht zitterte, und wir legten so Zeugniß ab für das Hohe und Edle in der Menschennatur. Selbst in der Seele der verbiffensten und grimmigsten Judenhaffer regte sich mitunter ein Gefühl der Ehrfurcht vor diesem irralten Volke, das seiner uralten Lehre durch die Jahrtausende trotz der blutigen Geschicke, unbeirrt von allen Anfechtungen und Verlockungen, die Treue bewahrt hat. Und dieses Gefühl, so imponderabel es erscheint, war unser bester Anwalt. Jetzt dagegen darf ein Jeder, aus die große Anzahl der getauften „Intellektuellen" hinweisend, uns zurufen: „Was seid Ihr für ein Volk, wenn solche unter Euch, die Begabung besitzen und sich Bildung angeeignet haben, sich nicht scheuen, die angestammte Religion um eines goldenen Kragens willen, wegen einer Schürze, eines größeren Gehaltes oder eines Titels den angestammten Glauben verlassen" Verdiem Ihr Treue und Glauben? Habt Ihr Ehre im Leibe? Darf man Euch trauen? Verdient Ihr Achtung? Wie können wir Euch zu Aemtern, zu Würden zulassen, wenn Ihr so geartet seid, daß Ihr wegen einer Lappalie uralte, ehrwürdige Bande zu zerreißen fähig seid, die sogar den Fremden Ehrfurcht einflößen,, So könnte man zu uns sprechen und wir müßten stumm dastehen. Und das Tragische hierbei wäre auch hier, daß die Ge sammtheit wegen ein paar räudigen Schafen zu leiden haben würde. Allein es wäre thöricht zu meinen, daß die Taufe ein Akt ist, den man mit einemmale vollzieht. Nein, man tauft sich sozusagen stufenweise. Zuerst fängt man an. zu nörgeln, man wird „freisinnig", und es ist das merkwürdige Loos dieses Freisinns, daß er in den . . . Katholizismus münden muß! Man fängt an, sich der jüdischen Bräuche und Sitten zu schämen, alles Nichtjüdische schön und vornehm zu finden. Man schämt sich des jüdischen Namens, und man findet es „ästbeti scher." einen christlichen zu tragen. Erst vor Kurzem wurde der geradezu unglaubliche Fall bekannt, daß ein junger Mann aus guter, hochachtbarer Familie sich taufen ließ, weil er, der sein Freiwilligenjahr bei einem Husarenregiment abdienen sollte, sich seines iüdischen Namens schämte! Und er lautete, dieser Name? S a l o m o n! In der That, wenn Jemand das Unglück hat, Salomon zu heißen, so bleibt ihm wirklich nichts übrig, als den Glauben zn wechseln. Man bedenke! Salomon! Eine größere Schmach, als diesen Namen zu führen, könnte es wahrlich nicht geben. Und ) wenn man erst die hohe Ehre hat, Husarenleutnant zu sein, kann man da noch Salomon heißen? Also, den Weihwedel her!. Was müssen sich wohl die un- ' verblendeten Christen dabei denken? Mit welch' grim - > miger und wohlbegründeter Verachtung müssen sie auf i eine Gesellschaft herabblicken, bei der solche namenlos oberflächliche und unsagbar gewöhnliche Motive für ihr Handeln in solch' hochwichtiger Angelegenheit maßgebend sind? Und was müssen erst Offiziere von einen' Kameraden denken, der sich des Namens des berühmten Königs seines Stammes schämt, eines Königs, der von allen Kulturvölkern der Weise genannt wird, und dem die Weltlitteratur zwei ihrer schönsten und tiefsinnigsten Bücher verdankt? Und was muß man erst in echtchristlichen Kreisen von einem aus solchen Motiven „erworbenen" Christenthum halten? Wahrlich, eine größere Schmach kann es nicht geben! Doch sind solche Schandthaten gemeinhin nur die unabwendbare und zwingende Konsequenz einer Erziehung, deren ganzer Inhalt nichts als eine langsame und gründliche Entjudung der Kinder darstellt. Es nützt wenig, daß nun die Eltern stehen bleiben, sich zerknirscht an die Brust schlugen und ansrufen: „S o haben wir es ja gar nicht gemeint!" Was sie sonst gemeint haben mögen, ist herzlich gleichgiltig. Die Folgen sind da. Und sie lassen sich nicht mehr gut machen. Wenn ein Kind sein Leben lang keinen Eindruck non dem inneren Leben der jüdischen Religion empfangen, wenn man ihm das Wesen der jüdischen Lehre nicht erschlossen, es die jüdische Vergangenheit nicht lieben gelehrt, und von ihm die jüdischen Neligionsübungen sorgfältig ferngebalten hat, soll es da im reifen Alter eine Anhänglichkeit an das Judenthum empfinden? Warum soll es da auch nur das geringste Opfer für eine Sache bringen, die es gar nicht kennt, die ihm niemals thener gewesen ist'.' Was man sät, das erntet man. Es wäre aber schon die höchste Zeit, andere Saaten auszustrenen! Zeitungsnachrichten und Corresponvenzen. Deutschland. Berlin, im Dez. In meiner jüngsten Korresvondenz versprach ick Ihnen, nochmals auf den Vortrag des Herrn Dr. Berliner auf dem diesjährigen Dibbukfeste zurückzukommen, dessen „Litterarische Canserien" der Feier einen besonderen Reiz verlieh. Was der Redner bot. war in der That in ein solch gefälliges Gewand gekleidet, daß man seinem Vortrag so gern wie einer Plauderei folgte. Der Vortragende wurde vielfach durch stürmische Heiterkeit unterbrochen. Zugleich gab er aber eine Fülle belehrender Einzelheiten, ein kleines litterar-historisches Repetitorium. Es ist im Rahmen dieses kurzen Berichtes natürlich nur möglich, wenige Einzelheiten zu berichten. Der Vortrag, so führte Redner aus, wäre ein Unikum, er wolle über hebräische Büchertitel sprechen, die, wie in keiner anderen Litteratur, eine Eigenart bilden. In der