Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1901)
- Date
- 1901-12-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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„überzeugt" wäre, so daß er nicht ruhen könnte, bis er sie durch einen öffentlichen Akt bestätigt. Und doch behauptet man mit dreistem Cynismus, man habe aus „Ueberzeugung" die Taufe genommen. Man sollte mit dem heiligen Worte „Ueberzeugung" doch etwas vorsichtiger umgehen. Da war einmal ein Täufling, der dieser „Ueberzeugung" die richtige Deutung gab. Ich meine den Vater des vor Kurzem verstorbenen Geh. Raths und Ministers Rittner. Er war ein „Chirurge" in den: kleinen ostgalizischen Städtchen Bursztyn, und war unter der dortigen armen jüdischen Bevölkerung unter dem Namen Jossel Ehrik (verdorben von Chirurg) bekannt. Eines Tages erfuhr man, er habe sich mitsammt seinem zwölftährigen Sohn, seiner Frau und seinen zwei Töchtern taufen lassen. Ein Bekannter fragte ihn einmal „Jossel, warum hast Du Dich geschmadt?" „Aus Ueberzeugung!" antwortete der Gefragte. Der Andere reißt weit die Augen auf und machte eine ungeheuer verwunderte Miene. „Hör zu, lieber Freund," sprach der Täufling, „ich bin fest überzeugt, daß mein Sohn als Christ in der Welt weit besser sortkommen wird, wie als Jude." Das war ein offenes Wort. Bon dieser Ueberzeugung sind alle Täuflinge, hoch und niedrig, durchdrungen, von dieser Ueberzeugung lassen alle sich leiten, wenn sie die Taufe nehmen. Noch unverhüllter und frecher tritt der ganze Cynismus der Taufe, dieses unverschämten Schackerns mit dem, was allen zivilisirten Menschen das Heiligste ist, an den Tag in den Fällen, wo jüdische Ellern ihre unschuldigen Kinder, die von nichts wißen, sich nicht wehren können, an's Taufbecken führen. Sie legen da für die schuldlosen Kleinen ein Glaubensbekenntniß ab, welches sie selber für sich nicht anerkennen. Gibt es ein Wort, scharf genug, um dieses Verfahren zu kennzeichnen? Es ist aber ein Jrrthum, wenn man meint, daß die christliche Welt die Taufe und deren Werth anders, als wir einschätzen. Freilich, in jenen klerikalen Kreisen, die sich berufsmäßig mit dem Seelenfang befassen, herrscht immer unbändige Freude über jeden „Neubekehrten," der den Glauben seiner Väter verläßt, um ein Scheinchrist zu werden, aber die breiten Schichten der Gebildeten, ebenso wie die Masse des Volkes, weiß nur zu gut, was sie von derlei Erwerbungen der Kirche zu halten hat. Es ist daher nur natürlich, wenn man in echt christlichen Kreisen mit nicht mißzuverstehendem Argwohn die „neulen Seelen" betrachtet und sie erst in der zweiten Generation als voll giltig ansieht, häufig auch dann noch nicht. Zudem machen sich diese Elemente in der christlichen Welt durch ihre Strebersucht unangenehm bemerkbar, da sie so rasch als möglich den Lohn für ihre Schandthat einzustreichen bemüht sind. e>ie gehen mit aller Dreistigkeit des Renegaten vor und glauben noch Anspruch auf Bevorzugung zu haben. Es bricht sich allmählig in der christlichen Welt die Einsicht Bahn, daß diese Individuen mit frechem Cynismus das, was den Christen heilig und theuer ist, nur als Maske mißbrauchen, um sich ungehindert in die christlichen Kreise einzuschleichen und die j schmackhaftesten Bissen für sich wegzuraffen. Die, rm! Uebrigen für jeden nicht auf den Kopfgefallenen ohnehin! klar zu Tage liegende Thatsache, daß bei der Taufe von! Juden keineswegs himmlische, sondern recht grobe, sehr | greifbare, irdische, materielle Interessen im Spiele sind,! wird immer mehr begriffen, und danach richtet sich auch j die Stimmung. „Cherchez le. . . . goldenen Kragen!"! sagte ein hochstehender Christ vor Kurzen:, als in! der Gesellschaft von den Motiven die Rede war, die einen; der drei eingangs genannten Herren bewogen haben könnten, die Taufe zu nehmen. Der Betreffende hat nämlich das leidenschaftliche Bedürfniß, Hosrath zu werden und so den goldenen Kragen zu bekommen. Eine Hoffnung, nebenbei bemerkt, die jetzt erst recht nicht in Erfüllung gehen dürfte. Eine traurige, ja beinahe tragische Seite dieser! ganzen Frage muß noch betont werden. Mir Inden j bleiben nämlid; für das Thun und Lassen der Renegaten! verantwortlich, .wie wenn fie gilben wären. Alle Pari feien werfen un§ die getauften Juden an den Kops, mit j denen sie unzufrieden sind. Die Klerikalen und Konserj vativen nennen beispielsweise bie Sozialdemokraten j „jüdisch," weil einer ihrer Anführer, Viktor Adler, vor - 25 fahren $ube, d. h. Jude dem Warnen nad) gewesen ist. Dabei vergessen die Qcrren, daß in ihren eigenen Reiben eine Menge von Größen blühen, die gleichfalls nur einem Tropfen Wasser ihr Christenthnm verdanken, z. B. der saubere Dr. Porzer, ein leiblicher Nesse des Dr. Ludwig August Frankl, oder der Herr Dr. Ritter von Haller, Direktor der Kanzlei des Reichsrathes, ehemals Blumenstock mit Namen, oder Dr. von Habn, eine der Stützen des früheren Ministeriums Baden:, oder Dr. Rosner, der Direktor der Präsidialkanzlei des Ministeriums. In der Krakauer konservativen Starczykin-Partei wimmelt es von getauftenJuden und Jüdinnen, und Kenner behaupten, daß dieser Umstand der Grund dafür ist, daß in dieser Partei der Antisemitismus so sehr florirt! Die radikalen und nationalen Antisemiten aller Schattirungen, denen jene Täuflinge ein Dorn im Auge sind, suchen wiederum uns für sie verantwortlich zu machen und hetzen gegen den schlichten, armen Juden, weil irgend ein Meschumed ihnen unbequem wird. So haben wir von beiden Seiten zu leiden und befinden uns zwischen zwei Feuern. Doch abgesehen von all diesem, hat die Zunahme dieser traurigen Erscheinung für uns noch schlimmere Folgen. Die Abgefallenen sind freilich, mögen sie sozial und sogar intellectuell noch so hoch stehen, in moralischer Beziehung nichts als faule, wurmstichige Früchte, und für unsere innere geistige Fortentwickelung und Konsolidirung ist es vielleicht besser, daß derlei Elemente so rasch wie möglich unsere Reihen verlassen, da sie unter uns nur zersetzend und fäulnißerregend wirken könnten. Doch die christliche Welt betrachtet die Dinge nur selten von diesem Standpunkt aus, und daher kommt die Meinung in Umlauf — unterstützt theils von bösem Willen, theils von grober Unkenntmß — daß innerpaW des Judenthums ein „Auflösungsprozeß" sich vollziehe,