Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1901)
- Date
- 1901-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2340 lernen! Also weg mit dem Talmud! Weg mit der längst bankerotten Methode! Wir möchten uns aber erlauben, ganz ergebenst zu fragen: Wer waren eigent lich die Urheber und Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft, der Geschichte, Bibel-Exegese, Kritik u. s. w. Nicht Rappoport, Zunz, Frankel, Krochmal, Grätz u. s. w.? Haben diese leuchtenden Sterne am Himmel des Judenthums nicht alle nach der „längst bankrotten Methode" Talmud gelernt?! War nicht der Talmud der Boden, aus dem sie ihre Gelehrsamkeit geschöpft. nicht der Talmud die Sonne, das Licht, das ihnen die dunkelsten Wege und Pfade der Wissenschaft erhellt und erleuchtet, nicht der Talmud der Genius, der sie zu den Höhen der Wahrheit und Weisheit em pvrgetragen!!! Denken Sie sich einen Rappoport ohne Talmud, einen Zunz, Frankel, einen Grätz ohne Tal mud! Was bleibt von ihnen übrig?! War nicht der Talmud die Atmosphäre, in der sie gelebt, ohne die sie keinen Augenblick athmen, existieren konnten. Die „Allg. Zeitung des Judenthums" irrt sich gewaltig. Nicht weil man an den Lehranstalten und Seminaren Talmud „lernt." Nein! Weil man an den Lehranstalten und Seminaren Talmud nicht lernt, ist es mit der jüdischen Gelehrsamkeit so schlecht bestellt. Die meisten jungen Rabbiner, die aus den Seminaren konimen, verstehen so wenig, so blutwenig vom Talmud, das; man sich „nicht mit Bewunderung," sondern mit „Verwunderung" fragt: Wie kann man anständigerweise und mit gutem Gewissen solch' unreifen jungen Leuten ein „Zeugnist der Reife", ein Rabbiner- Zeugniß geben?! Schaffen Sie nur wieder junge Rabbiner, mit talmudischem Wissen ausgestattet, wie es Rappoport, Zunz, Frankel, Grätz gewesen, und Sie sollen sehen, Harnak wird nicht ohne Antwort und Widerlegung bleiben. Der Talmud must an den Lehranstalten und Seminaren die E r st e Rolle spielen, dann werden die Rabbiner und die Seminare nicht eine solch' „untergeordnete Rolle" spielen, wie dieses heute der Fall ist. Oder glaubt die „Allg. Ztg. des Judenthums" wirklich, dast die modernen, kritischen Hallueinationen, exegetischen Absurditäten und linguistischen Gliederverrenkungen — Namen nennen wir nicht — wichtiger sind, als der Talmud, diese Goldgrube, in der alle Schätze und Kostbarkeiten des Judenthums enthalten sind? Trachten Sie nur, dast an den Lehranstalten Talmud und wieder Talmud „gelernt" und abermals „gelernt" wird, meinetwegen nach der alten, „längst bankrotten Methode" — die moderne, wissenschaftliche „Erforschung" des Talmud ergibt und entwickelt sich bei dem heutigen Bildungsgrad der Jünger 60 ipso — und Sie werden alle Ihre Wünsche bald erfüllt sehen . . . Und was wünscht denn eigentlich die „Zeitung des Judenthums"9 Einen Gelehrten, der Harnak widerlegt! Harnak stellt das Christenthm höher, als das Judenthum! Wir sollen das widerlegen! Wie sollen wir aber das unter den heutigen Verhältnissen machen? Dürfen wir denn so frei und offen über die christliche Religion sprechen und schreiben, wie Harnak und Genossen über jüdische Religion spricht9.' Ist nicht die christliche Religion die herrschende und oie jüdische die geduldete?! Hat doch selbst die „Allg. Ztg. d. Judenth." kaum den Mutb, eine Vertheidigung des Judenthums gegenüber Angriffen von christlicher Seite aufzunehmen und zu veröffentlichen! Es ist schon länger als ein Jahr, seitdem ich von einem evangelischen Geistlichen — der mir sonst absolut unbekannt war — einen Brief erhielt, der zum Inhalt u. zum Ziele hatte, mich für die Wahrheiten des Ehristenthmns zu begeistern. Zur selben Zeit hat ein französischer Priester den Schriftsteller Norvau aufgefordert, die Juden möchten doch endlich eine „Revision" der Verurtheilung des Stifters der christlichen Religion vornehmen. Ich besprach diese beiden Momente in einem Schreiben, das ich der „Allg. Ztg. des Judenth." znr Veröffentlichung einsandte. Die „Ztg. d. I." har dieses Schreiben, das allerdings offen und furchtl o s war, bis heute nicht veröffentlicht. Offenbar, weil sie die Tugend der Vorsicht besitzt nnd es scheut, „offen und furchtlos" über Judenthum und Christenthum zu sprechen. Und der Gelehrte soll den Muth haben, nachzuiveisen, dast das Judenthnm viel höher steht, als das Ehristenthum, dast das Christenthum alles, was es Schönes nnd Kostbares besitzt, ansschliestlich dem Judenthnm verdankt, dast „christliche Liebe" eigentlich „jüdische Liebe" und „christliche Wahrheit nnd Weisheit" in Wirklichkeit „jüdische Wahrheit nnd Weisheit" ist! Wir sollen ein Buch gegen Harnak schreiben. Wozu?! Hat nicht schon Mosche Rabenu dieses Buch geschrieben!'! Hat nicht schon Jesaja, haben nicht schon die Propheten dieses Buch geschrieben?! Haben nicht schon die Lehrer der Mischnah nnd des Talmud's dieses Buch geschrieben9! Hat nicht in jüngster Zeit erst, nach zehnjähriger Arbeit. L a z a r u s dieses Buch geschrieben!9 Oder taugt dieses gediegene, kostbare Buch auch nicht, weil der arme Lazarus ebenfalls so „unglücklich" war, Talmud nach der „längst bankrotten Methode" zu „lernen"?! Wozu ein Buch? Werden wir durch unsere Bücher Harnak und Gesinnungsgenossen bekehren, ihnen eine andere lieber - zeugnng verbringen?! Werden sie nicht, müssen sie nicht trvst alledem behaupien, das Ehristenthum stehe höher, als das Judenthnm, wie wir, ohne einen Augenblick nachzudenken, das Gegentheil glauben und behaupten. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthunrs" spricht - - wir glauben etwas despektirlich — von dem „Wirr war im Talmud, der chronologisch geordnet werden müsse." Welcher Wirrwar herrscht in dem armen Kovie, der diesen weisen Wunsch ausgedacht und ausgesprochen! Einen „Wirrwar" im Talmud gibt es in Wahrheit nur für den c>* für den Jgnv rauten, der vorn Talmud keinen Begriff hat, der nicht Nächte geopfert und durchgewacht, um in die Tiefe dieses erhabenen Werkes einzndringen, der da glaubt, der Talmud habe nur die „untergeordnete Rolle," als Magd Handlangerdienste zu leisten bei der gnädigen F r a ri „Geschichte nnd ihren Schlepptragern