Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1901)
- Date
- 1901-10-08
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449220--54376-2505046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1720 minder aber auch auf Grund der Benachtheiligung der Landwirthe beim Verkaufe zum Schächten bestimmten Vieh beantrage ich: „Großherzogliche Regierung zu ersuchen, dem Landtage alsbald einen Gesetzentwurf vorzulegen, darinnen das Verbot des Schächtens im Großherzogthum Hessen ausgesprochen wird. Höchberg. Dem Jahresbericht der Lazarus Ottensoser-Stiftung für die „Israelitische Präparandenschule" (Talmud Thora) in Höchberg (Bayern) für 1900, bezw. 1900—1901, entnehmen wir: Am 23. Ellul waren es 25 Jahre, seitdem die Leitung unserer israel. Präparandenschule der bewährten, zielbewußten Führung ihres Gründers und unvergeßlichen Wohlthäters, des frommen und edlen Rabbi Elosor Ottensoser entrückt wurde, da er einging in Edens Gefilde. Auch er hatte mit seltenem Kennerblick seine Zeit erfaßt; er erkannte die hereinbrechenden Gefahren, die das Judenthum bis in seine festgefügten Grundlagen erschüttern mußten; da suchte er, nachdem für „Ausreißen und Umhauen, für Vernichten und Niederreißen" gar zu sehr gesorgt war, wieder „aufzubauen und einzupflanzen," da gründete er eben für Thauroh und Jiroh und Gemillus-chesed zum Zwecke der Ausbreitung der göttlichen Lehre, der Gottesfurcht und des Wohlthuns, die hiesige Anstalt. Das war nur selbstredend, ganz selbstverständlich bei dem biederen, bescheidenen Sinn dieses „Großen in Israel," der nicht nach Anerkennung geizte, sondern glücklich war, wenn er sich dadurch seinem Volke nützlich erweisen, wenn er sein ideales Streben verwirklichen konnte; er erkannte eben vollkommen die hohe Berechtigung jener erhabenen Worte: „Ich will nur unter meinem Volke wohnen!" Wohl blieben die Zeiten auch später dem höheren Streben nicht besonders günstig. Der Boden der Zeitströmung schien unfruchtbar zu sein für Erwerbung idealer Güter. Wie aber bei Jsak, so auch ruhte des Himmels Segen sichtlich auf der Pflanzstätte des sel. Rabbiner Ottensoser; denn hundertfältig ist auch deren Ertrag. Was dieser große Meister erstrebte, wollte: Hunderte von Schülern seiner, unserer Anstalt haben es in alle Gegenden getragen, haben sich erprobt, gleich ihm. Pioniere zu sein für Thauroh, Jiroh und Gemilluschesed, haben aufopfernd und anspruchslos für unser Volk zu wirken gesucht, eingedenk der schönen Worte: ,,Jn meinem Volke nur will ich weilen!" Und seit damals — volle 25 Jahre — ist unsere Schule bestrebt, ihrem Gründer und Meister rastlos zu iolgen in seinem Streben, in seinem Wirken, in seinen Gesinnungen, in seinen Ansichten, in seinen Absichten — und gar oft gab bei auftauchenden Fragen, bei vorkommendem Zweifel den Entscheid die Erwägung: „Wie würde Rabbi Elosor secher zadik lifrochoh dieses machen? Und wie seither, so wird er auch allezeit der Leitstern unserer isr. Präparandenschule sein; weiß sie sich ja doch am sichersten geborgen in ihrem Volke. Doch ill sie auch festgewurzelt in den Anschauungen ihres edlen Gründers, so steht ste doch offenen Blickes aus der Warte der Zeit; sie will eben auch ferner „in ihrem Volke wohnen," sie soll allezeit Zeugniß ablegen, wie das unveränderliche Gottesgesetz nie im Widerspruch stehen kann mit den wahren Errungenschaften der Gegenwart, der Zukunft, wie die gewissenhafte Bethätigung unserer heiligen Lehre keinen Gegensatz bilden darf auch mit dem Leben außerhalb der Schule. So gehen denn die Ereignisse im Leben draußen nicht unbeachtet und unbemerkt an ihr vorüber, und die Schule und ihre Organe, sie nehmen auch regen Antheil an den Pulsschlägen des öffentlichen Lebens; sie bildet ja nur ein Glied des Volkes, in deren Mitte sie weilet. Daß dem thatsächlich so ist, davon konnte man sich so recht überzeugen, als der hochedle Geistes- und Gesinnungsfürst, der gelehrte und hochedle Philantrop, Seine Hochwohlgeb. Freiherr Wilh. Carl von Rothschild aus seinem inhalts- und thatenreichen Leben schied. Da durchzitterte uns die schmerzliche Gewißheit, daß von hinnen gegangen ist, Ofi oft rechef jisroel uforoschof (Könige II, 2. 12.) nicht nur derjenige, durch den sich Gesammt-Jsrael getragen und gehoben wußte, sondern auch der. welcher jedem einzelnen unserer Schüler wie der Schule selbst stets ein Vater war. Jeder Jahresbericht unserer Schule wußte von fürstlichen Summen zu sprechen, die „ein edler ungenannter Wohlthäter," oder „ein Wohlthäter aus der Provinz Hessen-Nassau" in unermüdlichster Weise spendete; dieses war der hochedle, aber auch unvergleichlich bescheidene „Baron Rothschild." So verlor denn unsere Schule ihren größten Wohlthäter, ihren größten Gönner, ihr größtes Vorbild, und deßhalb gab sie sich der tiefsten Trauer hin, der Trauer, wie um einen lieben Verstorbenen: sie zündete ein Seelenlicht an, verrichtete und verrichtet für ihn durch Schiur und Kaddisch die üblichen Seelengebete. Die Schülerzahl betrug Anfangs des Wintersemesters im ersten Kurse 19, im zweiten 11 und im dritten 7, zusammen 37. Von denselben traten während des Jahres aus: am Ende des ersten Quartals ein Schüler des zweiten Kurses; derselbe trat in eine staatliche Präparandie seines Heimathlandes über; ein weiterer Schüler desselben Kurses am Ende des Wintersemesters, um Aufnahme in der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover zu finden, endlich in der gleichen Zeit ein Schüler des ersten Kurses, um in ein Geschäft zu treten. 'Dagegen wurde mit Beginn des Sommersemesters je ein Schüler in den ersten, bezw. den zweiten Kurs ausgenommen. Seitens des Kuratoriums wurde die namhafte Summe von ca. 3000 Mark für Unterstützungen an arme Schüler verwendet.