Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1901)
- Date
- 1901-10-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1712 litif, und besonders die Wahlmacherei, auf ihren richtigen Werth einzuschätzen. Es half wenig, daß die diversen Herren Kandidaten die Juden im Namen Gottes beschworen, zur Urne zu eilen, da davon das Heil der Welt und insbesondere des Judenthums abhänge, daß dieser oder jener Herr gewählt werde. Die Wähler gaben ihre Stimmen ab mit einem skeptischen Lächeln auf den Lippen. Sie übten ihr politisches Recht, aber sie versprachen sich wenig davon — und diesen Skeptizismus haben ein paar Kandidaten diesmal theuer bezahlen müssen; doch dieses Geschichtchen verdient, ausführlich erzählt zu werden. Die Stadt Lemberg entsandte in den Landtag vier Abgeordnete. Eines dieser Mandate hatte seit 24 Jahren ein Jude inne. Es war Dr. Bernhard Goldmann, der vor einigen Monaten verstorben ist. Vor einigen Jahren wurden der Stadt Lemberg noch zwei Mandate zugestanden. Da nun die Stadt Lemberg 44,000 Juden unter 149,000 Einwohnern zählt, so wäre es nur recht und billig, wenn von den sechs Mandaten zwei den jüdischen Mitbürgern zugestanden würden. Dock da die Wahl nicht nach Stadtvierteln, noch nach gewerblichen Kreisen geschieht, sondern alle Wähler auf eine Liste von sechs Namen zu stimmen haben, so können die Juden, die wohl in einzelnen Vierteln und in einzelnen gewerblichen Kreisen das numerische Uebergewicht besitzen, aber im Ganzen, der christlichen Wählerschaft gegenübergestellt, in der Minderheit sind, nichts ausrichten, ohne Kompromisse. Freilich sind diese Kompromisse nicht ganz zuverläflig. Wenn sich nämlich die Juden verpflichten, für eine gewiffe Partei zu stimmen, dafür, daß die Anhänger dieser Partei für den jüdischen Kandidaten eintreten, so ist es bei uns traditionell geworden, daß ein solcher Pakt nur für die Juden verbindlich ist, diese allein halten es für ihre Pflicht, zahlreich an der Urne zu erscheinen und ihre Stimmen abzugeben, während zumeist die christlichen Wähler es als mit ihrem Gewissen vereinbar ansehen, den jüdischen Kandidaten auf ihren Wahlzetteln zu streichen. Daher ist das Mandat des Juden stets unsicher und wenn derselbe gewählt wird, so ist das einzig und allein dem strammen und energischen Eintreten der jüdischen Wähler zu verdanken. Dazu gehört aber vor allem, daß der jüdische Kandidat die Masse der Wähler hinter sich hat. Das war in Lemberg stets so der Fall, die Juden folgten blindlings der Parole der Führer und hegten den Aberglauben, daß es genüge, wenn der Kandidat sich äußerlich zum Judenthume bekenne, ohne zu bedenken, daß diese Namensjuden ihr Judenthum im Foyer zurückzulassen pflegen. Doch die Ereignisse der letzten paar Jahre haben ihnen die Augen geöffnet. Als nämlich die Affaire Araten so viel Staub aufwirbelte, kam sie aus eine geradezu skandalöse Weise im Landtage zur Sprache. Achtzig Abgeordnete — also die größere Hälfte — richteten eine Interpellation an den Statthalter wegen Verletzung des Hausrechtes. Aber nicht etwa, weil dem Juden sein unmündiges Kind hinterlistig und tückisch entführt und gewaltsam zurückgehalten wurde, sondern >veil ein Bürgermeister — auf Antrag der Behörde! — es gewagt hatte, in einer Filiale des Klosters, worin dessen Oberin das Kind irgendwo versteckt hielt! — eine Haussuchung vornehmen zu lassen. Wir hatten vier jüdische Abgeordnete im Landtag. Aber alle schwiegen tapfer. Keinem fiel es ein, auch nur mit einem Worte den fürchterlichen und frechen Rechtsbruch zu brandmarken, der an uns verübt worden, der uns als Bürger zweiter Klasse erscheinen ließ, deren Haus und Familie ungeschützt und unvertheidigt jedem schamlosen Einbrecher offen steht. Da mußten denn die Juden sich endlich die Frage vorlegen, ob es sich verlohne, „jüdische" Abgeordnete zu wählen und zwar unter Aufgebot aller .Kräfte, ohne die größten Opfer zu scheuen. Aber dazu kam noch, daß die Person des Mannes, der sich diesmal um das Lemberger Mandat bewarb, viel auf dem Kerbholz hatte. Es war dies der Reichsrathsabgeordnete Herr Dr. Emil Buk, der Präsident der Lemberger züdischen Gemeinde. Seitdem dieser Herr auf dem Rücken seiner Glaubensgenossen zu allen Würden und Aemtern emporgestiegen ist, die für ihn erreichbar waren, hat er sich zu einem wahren EP tp-np entwickelt, der „seine" Wähler, „seine" Juden nur als dazu vorhanden betrachtet, um ihm als Staffage und Stufenleiter zu dienen. Dagegen hält er sich keineswegs für verpflichtet, etwas dagegen zu bieten. Jüngst hat er ersi einen krassen Beweis seines Mangels an Interesse für das Loos der jüdischen Bevölkerung erbracht. Im Abgeordnetenhause wurde ein Gesetz durchgepeitscht, welches den Hausirhandel beinahe gänzlich verbietet. Seit Jahren segelt die sog. Sozialpolitik Oesterreicks in dem Fahrwasser der Rettung des großen „kleinen Mannes." tim' nun den Kleinen zu retten, muß der Kleinere todtgeschlagen werden. Das nennt man bei uns in Oesterreich soziale Gerechtigkeit. Von der Härte dieses ebenso unsinnigen, wie niederträchtigen Gesetzes werden zum sehr großen Theile Juden, und zwar die allerärmsten Juden betroffen. Man erwartete vergebens von Herrn Dr. Byk, daß er im Klub oder im vollen Hause irgend welche Bedenken geltend machen würde. Zum Glück aber werden durch das genannte Gesetz die Wiener Blumenmädchen in ihrer ohnehin nicht allzu beneidenswcrthen Existenz bedroht. Auch diese armen Geschöpfe sollen nämlich todtgeschlagen werden zu Gunsten der „kleinen" Blumenhändler Wiens, die große Steinhäuser und prächtige Villen besitzen. Diese Blumenmädchen nun entsandten an ein hervorragendes Mitglied des Herrenhauses eine Deputation, der versprochen wurde, das. Gesetz im Herrenhause zu Falle zu bringen. Nun galt es, daß die jüdischen Hausirer sich dieser Aktion anschließen. Freilich hatte die Lemberger Handelskammer gegen das Gesetz Stellung genommen, aber das hinderte deren Präsidenten und Repräsentanten im Reichsrathe, Herrn Piepers-Poretynski, nicht,