Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1901)
- Date
- 1901-10-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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WWWWWWWWWWWWWWWWW "»>>- -« - «JnniwMnop'rT!* ^2. Jahrgang. Zweite Weil, zu M 78 & 79 des „Zsraekt". Leitender Artikel. Brief aus Galizien. Wir hatten wieder einmal Wahlen im Lande. Wenn der weise Solon sich einmal die Mühe nehmen luoffte, nach Galizien herunterzusteigen, er würde erstaunt sein, trotz der größten Kontraste zwischen seinem und unserm Staatswesen, wenigstens eine Aehnlichteit zu entdecken, nämlich die Häufigkeit der Wahlen. (5s ist, als ob die Verfassung dafür gesorgt hätte, daß der Galizier keinen Augenblick an seine Souveränität vergesse. Wir kommen aus der Wählerthätigkeit nicht heraus. Das ganze Jahr hindurch stehen wir unter dem Zeichen der Wahlagitation. Also wir hatten wieder einmal Wahlen im Lande. Das Ivaren nämlich Wahlen zum Landtag, das heißt zu jener Körperschaft, der die autonome Verwaltung der Sonderinteressen des Landes obliegt. Diese Wahlen sind öffentlich und mündlich, und bedingt durch einen höheren Census, wodurch sie sich vor dem allgemeinen Stimmrecht noch mehr entfernen, als die Wahlen in den Wiener Reichsrath. Der Ausgang der Wahlen war für uns Juden in jeder Beziehung von symptomatischer Bedeutung. Aeußerlich betrachtet, haben wir eine sog. Niederlage zu verzeichnen, aber bei Lichte besehen, muß der Ausgang uns mit Genugthuung erfüllen, weil er beweist, daß unsere Massen politisch zu denken beginnen und das ihnen verfaffungsmäßig zustehende Wahlrecht als eine Waffe ansehen, von der sie im guten Rechte Gebrauch machen wollen und sei es vorläufig nur zu ihrer Vertheidigung. Dagegen hat uns der Ausgang und der Verlauf der Wahlen gleichzeitig bewiesen, daß unter der sog. „jüdischen" Intelligenz, das ist jene dünne Schichte halb oder ganz entjudeter „Juden," die sich anmaßt, die „Führerin" unseres Volkes zu sein, eine Desorganisation und eine Begriffsverwirrung herrscht, die für unser Volk fatal werden könnte, wenn dieses sich von jenen Machern „verführen" ließe. Zunächst war es interessant, zu beobachten, daß in den Kreisen der sog. „Intelligenz" die schon bei den im Winter vorgenommenen Reichsrathswahlen verbreitete und auch damals gleich bekannt gewordene Anschauung, daß die Juden mit den oppositionellen, radikalen Parteien gehen müssen, auch jetzt die herrschende gewesen ist, und natürlich auch jetzt schmählich bankerott gemacht hat. Die Leser des „Israelit" erinnern sich wohl noch unserer diesbezüglichen Ausführungen gelegentlich der Reichsrathswahlen — es ist also überflüssig, dieselben hier zu wiederholen. Man erinnert sich, daß eine Menge Streber aus den Reihen der „jüdischen" Intelligenz die Masse der jüdischen Wähler bereden wollte, mit den oppositionellen Parteien zusammen den Polenklub zu zertrümmern; mit unvergleichlicher politischer Kurzsichtigkeit wurde versichert, das ganze galizische Volk wünsche die Zertrümmerung des Polenklubs, und es würde daraus die Pflicht der Juden konstruirt, mit den radikalen Parteien zu gehen, welche, nebenbei gesagt, als ein Wunder von Liberalität, Toleranz, freiheitlicher Gesinnung und Judensreundlichkeit dargestellt wurden. Dieselben Tendenzen machten sich auch jetzt geltend, und ebenso, wie damals der Polenklub alle seine Gegner auf's Haupt schlug, so wurden auch jetzt bei den Landtagswahlen die oppositionellen Parteien völlig vernichtet und die bisher dominirende Partei zieht mächtiger denn je in's Landtagshaus ein. Auch diesmal wie damals haben die Juden den Einflüsterungen ihrer unberufenen Berather kein Ohr geliehen und haben lediglich ihrer Ueberzeugung Folge geleistet. Wir haben immer die Ansicht vertreten, daß man sich hüten müsse, irgend einen inneren Zusammenhang zwischen Judenthum und Politik zu konstruiren. Wir müssen uns dagegen wehren, als ob das Judenthum als solches irgend einer Partei verschrieben sei, mit der es durch Dick und Dünn zu gehen habe. Das Judenthum hat das Seelenheil, die Heiligung seiner Bekenner zum Ziel, um sie den ewigen, geheimnißvollen Absichten der göttlichen Vorsehung entgegenzuführen, und ist über den kleinlichen Tageszank und über die Schlagwörter politischer Parteien erhaben. Der Jude kann jeder Partei angehörcn, oeren Grundsätze nicht den Lehren seiner Religion zuwiderlaufen. Umsomehr muß es uns mit Entrüstung erfüllen, wenn Leute, die sonst in nur losem Zusammenhang mit dem Judenthum stehen, heuchlerisch und frech genug sind, unter uns die Ansicht zu verbreiten, daß es das Heil des Judenthums erfordere, die Juden sollen mit den Radikalen gehen. Nur dem gesunden, schlichten Sinn unseres Volkes ist es zu verdanken, daß wir uns nicht das Odium der besten Schichten und der maßgebendsten und entscheidensten Kreise des Landes zugezogen haben, durch ein massenhaftes Einschwcnken nach dem Radikalismus. Die Resultate haben gelehrt, daß das Land, die breiten Schichten der Bevölkerung, nichts von den Radikalen wissen wollen, und die Radikalen hätten jede Gelegenheit ergriffen, um uns nach geleistetem Dienste abzuschütteln. Wer die Vergangenheit und die Gesinnungen der radikalen Führer kennt, kann keinen Augenblick daran zweifeln. Noch erfreulicher jedoch ist die Wahnehmung, daß die Masse der jüdischen Wähler anfängt, die „hohe Po-